Süddeutsche Zeitung

Gräfelfing:Vor allem das Meer

Wogende Wellen, dunkle Wolken: Eine große Naturverbundenheit zeichnet die Arbeiten von Sinda Dimroth aus. Die Werke der Künstlerin, die den Kunstkreis mitgegründet hat, sind jetzt im Alten Rathaus zu sehen

Von Annette Jäger

Mit Musik hat alles angefangen. In Einzelteile zerlegte Violinen werden auf Leinwände geklebt oder mit Stoff überzogen, um sie bemalen zu können. Mit starkem Pinselstrich geht die Künstlerin dann großflächig über die Leinwand, macht Musik dabei malerisch hörbar, etwa "Rachmaninow's Rhapsodie over a theme of Paganini op. 43". So lautet der Titel des großen Gemäldes im Erdgeschoß der Ausstellung mit Werken der Künstlerin Sinda Dimroth im Alten Rathaus in Gräfelfing. Mit den Musikbildern hat die Karriere der in Pasing lebenden Künstlerin in den frühen 1980er-Jahren Fahrt aufgenommen, hier beginnt die aktuelle Ausstellung des Kunstkreises Gräfelfing und es schließt sich damit ein Kreis: Als Sinda Dimroth vor 40 Jahren den Kunstkreis mitgegründet hat, war es auch Musik, mit der alles anfing: Die Künstlerin hatte einen überdimensionalen Violinen-Saitenhalter auf dem Dach des Gräfelfinger Neuen Rathauses installiert und die Geigensaiten über das Dach hinweg gespannt, was als "Happening" - damals sehr en vogue - zu Aufsehen führte.

Werke eines einzelnen Künstlers zu zeigen, ist eher untypisch für den Kunstkreis. Aber bei Sinda Dimroth gibt es eine Ausnahme. Sie hat den Kunstkreis, der bis heute mit meist an außergewöhnlichen Orten inszenierten Ausstellungen immer wieder weit über die Kommune hinaus für Aufsehen sorgt, mit aus der Taufe gehoben. So zeigt der Kunstkreis zu seinem 40. Geburtstag einen Querschnitt aus dem künstlerischen Lebenswerk der Künstlerin, die auch im Ausland Erfolge gefeiert hat.

Dass mit Musik alles anfing, ist kein Zufall. Als junge Künstlerin suchte Sinda Dimroth nach einem Thema, mit dem sie Bekanntheit erreichen könnte. "Jeder Künstler muss sein Œuvre finden, an dem er erkennbar ist", sagt Dimroth. Für sie wurde es die Musik. Damals hatte sie ihr Atelier erst im ehemaligen Barbaraheim in Lochham, dann in der alten Brotfabrik im Lochhamer Schlag. Damals übte ein Professor der Musikhochschule regelmäßig bei ihr im Atelier. Das hat sie inspiriert, "ich konnte die Musik auswendig und habe danach gemalt."

Ein Stockwerk höher ist der Besucher mit einer ganz anderen Schaffensphase der Künstlerin konfrontiert. Dort faszinieren die Acrylglas-Skulpturen, die Sinda Dimroth schon in den Siebzigerjahren geschaffen hat. Damals lebte sie in New York und arbeitete als Innenarchitektin. Für ein Architekturbüro erstellte sie Acrylglas-Modelle für geplante Hochhäuser. Damit war die Idee geboren, das durchsichtige, erwärmte Material zu Knoten zu verformen. Der größte misst 17 Meter und hängt im Europäischen Zentrum für Sicherheitsstudien in Garmisch. In den kleineren, ästhetisch geschwungenen Gebilden in Gräfelfing verliert sich das Auge beim Nachverfolgen der gebogenen Endloslinien. An kleinen Modellen aus Schnur und anhand von vielen Zeichnungen, ist der Schaffensprozess zu den mit größter Präzision gearbeiteten Acrylobjekten nachzuverfolgen.

"Duomediale Arbeiten" nennt Sinda Dimroth eine weitere Werkgruppe. Innerhalb eines Jahres verlor sie in den 1990er-Jahren fünf geliebte Menschen. Sie verarbeitet die Trauer mit Malerei: alte Schwarz-Weiß-Fotos, die die Verlorenen zeigen - etwa ihre Mutter mit der Tante Maria als Badende - erweitert sie durch stille, melancholische Landschaften und fügt sie zu klassischen Triptychen zusammen.

Wogende Wellen, dunkle Wolken, tosendes Meer - es sind die Lieblingsbilder von Sinda Dimroth. Die Landschaftsbilder, vor allem das Meer, hängen über die Stockwerke verteilt. Die Landschaften sind das große Thema, dem sich die Künstlerin seit Jahren widmet. "Es ist schwer, da etwas Neues zu bringen", meint sie. Trotzdem verliert sie sich gerne darin. Die enge Beziehung zur Natur - sie glaubt, das hat mit dem Alter zu tun, sagt die 74-Jährige. Es ist der richtige Pinselduktus, den sie in den Naturszenen sucht. Die Corona-Pandemie hat die Künstlerin nicht unberührt gelassen. Im Keller zeigt sie ihre aktuellsten Arbeiten. Miniaturen, die in der Corona-Zeit im Wochenendhaus in Kochel am Schreibtisch entstanden sind. Dicht an dicht sind die kleinen Bilder in Gruppen an den Wänden angeordnet, als würde man durch ihr Skizzenbuch blättern. Sie zeigen Spaziergänge durch Wälder, Wolkentransformationen und Köpfe geschmückt, geschützt, versteckt mit allerlei Arten von Masken.

Was bleibt nach vielen Jahrzehnten des Kunstschaffens? Viele Werke. Und die Erkenntnis: "Die Kunst reflektiert einen selbst", sagt Dimroth. In der Kunst sehe sich der Mensch und finde sich wieder, "das ist mein wichtigster Gedanke".

Die Ausstellung dauert bis 4. Juli. Öffnungszeiten: donnerstags bis sonntags, 16 bis 19 Uhr, Altes Rathaus, Bahnhofstraße 6. Am Freitag, 18. Juni, liest Sinda Dimroth aus ihrem Buch "Die Kunst ist das Einzige was bleibt", ein biografischer Roman. Anmeldung unter info@literarische.de.

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Quelle:
SZ vom 12.06.2021
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