Süddeutsche Zeitung

Geschäftsaufgabe:"Wir wollten die 125 Jahre noch vollmachen"

Seit drei Jahren arbeitet Ingeborg Rauscher umsonst. Jetzt feiert sie mit ihrem Musikgeschäft Jubiläum - und macht zu.

Die Tür geht nicht auf. Ingeborg Rauscher steht am Tresen, stemmt sich mit beiden Händen auf das Glas. Sie fährt mit der Hand über die Platte. Sie blickt zur Tür. Sie rückt den kleinen Ständer mit den Maultrommeln gerade, drei Euro die kleinste. Sie dreht sich zur Kasse, kontrolliert, dreht sich wieder zum Tresen. Die Tür geht nicht auf. Es wird dauern, bis sie sich an diesem Morgen das erste Mal öffnet.

Lange war das anders, dann stand Ingeborg Rauscher in ihrem Laden und die Tür ging auf und die Tür ging zu, sie verkaufte Saxofone und Gitarren und die Tür ging auf und die Tür ging zu und sie verkaufte Mundstücke und Holzblätter. Manchmal residierte Supertramp im Bayerischen Hof, und wenn der Gitarrist kurz vor dem Konzert noch eine Saite brauchte, dann hat er jemanden vom Hotel rübergeschickt. Zu Ingeborg Rauscher. Heute 86 Jahre alt. Heute ziemlich wehmütig.

In ihren Schränken in der Rumfordstraße stehen Notenbücher mit Songs von Bob Dylan und Lenny Kravitz, Symphonien von Beethoven. Manche dieser Bücher könnte man mit ihren verblassten Seiten schon als Retro verkaufen, Ingeborg Rauscher aber steht jeden Tag im Laden, auch wenn es sich längst nicht mehr lohnt. "Wir arbeiten seit drei Jahren umsonst, doch wir wollten die 125 Jahre noch vollmachen." Arbeiten, ohne zu verdienen. Das ging nur, weil Rauscher immer wieder Geld zurückgelegt hatte - und das ging wahrscheinlich auch nur, weil es ihr eigener Laden ist. Den gibt man nicht so schnell auf. Es war also ein langer Abschied, es hat gebraucht, um zu verstehen, dass es vorbei ist, in ein paar Wochen aber wird es nun an der Zeit sein, aufzugeben, nach 125 Jahren. Am 24. Februar wird Ingeborg Rauscher das letzte Mal darauf warten, dass die Tür sich öffnet.

In der Stadt gibt es kaum noch einen Laden wie diesen, ein Musikinstrumentengeschäft, allein schon das Wort. Es gibt noch den Lindberg in der Sonnenstraße, Just Music in der Hanauer Straße. Das Verschwinden solcher Geschäfte hat auch mit dem "Kastl" zu tun, wie Ingeborg Rauscher es nennt. Einem ihrer größten Konkurrenten. Das Handy bestellt nicht nur Instrumente im Internet, das weiß man, sondern es spielt ja auch Musik, immer und überall, jeden Song, aus jedem Jahrzehnt, Beethovens 5. Sinfonie in c-Moll und "Start me up" von den Rolling Stones und "Dreamer" von Supertramp, das weiß man auch. Aber man ist sich vielleicht nicht immer bewusst, was das für eine Frau wie Ingeborg Rauscher bedeutet, die seit Jahrzehnten mit nichts anderem handelt als der Musik.

Wenn Rauscher dann beginnt zu erzählen, vom Früher und vom Jetzt, versteht man, warum dieser Laden zumachen wird - man muss sich nur einmal fragen, wann man zuletzt aus einem Liederbuch gesungen hat, wann man zuletzt Hausmusik gemacht hat, wie Ingeborg Rauscher das nennt, die paar Gitarrenakkorde an irgendeinem Lagerfeuer jetzt mal ausgenommen. "Kommt alles aus dem Kastl." Natürlich ist die Hausmusik, nach der Ingeborg Rauscher sich sehnt, auch schon vom Plattenspieler ersetzt worden, vom Kassettenrekorder und vom CD-Player, aber das Internet hat noch einmal mehr verändert für den Laden in der Rumfordstraße. Die Tür geht jetzt auf.

Ein Mann tritt ein, Ingeborg Rauscher blickt auf, dann deutet sie auf den Stapel neben dem Tresen. Der Bote bringt ein Paket für einen Nachbarn vorbei, legt es zu den anderen, von Amazon und Zalando. Die Menschen bestellen nicht mehr nur Bücher und Milchaufschäumer im Internet, sondern eben auch Dinge, von denen es früher hieß, die werde man immer im Geschäft kaufen. Eine neue Brille zum Beispiel. Eine neue Gitarre. "Eigentlich sollte man meinen, ein Instrument muss man ausprobieren, fühlen." Ingeborg Rauscher sagt, die Leute nähmen sich auch weniger Zeit, wollten zum Beispiel günstige Gitarren, auf denen sie mit nur wenig Aufwand ein paar Akkorde spielen können. "China-Ware" nennt Rauscher die, aus billigem Sperrholz. Die Geduld für ein schwerer zu spielendes Instrument habe kaum noch einer, sie verkauft immer noch Zithern - "aber das ist ja gar nicht mehr in".

Die Playlist von Ingeborg Rauscher

Wenn Frau Rauscher heute das Radio aufdreht, hört sie vor allem die Songs aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, aber da sind ja auch noch die anderen Lieder, die von vielen längst schon vergessenen. Eine Auswahl (bitte auf den Titel klicken).

1. Kein schöner Land in dieser Zeit

... als hier das unsere weit und breit. Das Volkslied geht auf Anton Wilhelm von Zuccalmaglio aus dem 19. Jahrhundert zurück. "Hört man am besten beim Spazierengehen."

2. Am Brunnen vor dem Tore

... da steht ein Lindenbaum. Die bekannteste Fassung dieses Volksliedes stammt von Friedrich Silcher, der sich wiederum auf die Version von Franz Schubert bezieht. "Passt gut bei der Gartenarbeit."

3. La Montanara

ist ein italienisches Lied, es gibt aber auch eine deutsche Version und natürlich geht es um die Berge. "Höre ich beim Wandern."

4. Die Capri-Fischer

drückten die Sehnsucht nach der Ferne in der Zeit nach dem Krieg aus - "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt ..., da trällere ich dann so mit." ratz

Das Geschäft hat der Urgroßvater von Ingeborg Rauscher in einer Zeit gegründet, als die Zither noch sehr in Mode war, im Jahr 1892, damals noch im Tal 58. Im Erdgeschoss der Laden, darüber die Werkstätten. In einem Stockwerk die Blechblasinstrumente, im nächsten die Zuginstrumente, die Gitarrenbauer. Ein Haus der Musik. Im Zweiten Weltkrieg aber brannte das Haus nieder, die Schwiegermutter von Ingeborg Rauscher barg aus den Trümmern, was übrig war. "Das bissl hat in ihren Rucksack gepasst." Es war ein neuer Beginn für die Familie Rauscher, aber auch für alle anderen in der Stadt, man baute die Häuser langsam wieder auf, den eigenen Hausstand - und in den guten Zeiten, die auch wieder kamen, kauften die Menschen vielleicht eine Zither oder eine Gitarre. "Früher hat jeder alles gebraucht. Heute hat jeder alles." Die Tür geht nicht auf.

Einmal die Treppe nach oben, in den ersten Stock. Noch mehr Instrumente warten in den Schränken, ganz hinten hat der Sohn von Ingeborg Rauscher seine Werkstatt, die wird er auch nach der Aufgabe des Ladens weiterführen, nur dann eben nicht mehr in der Rumfordstraße, sondern zu Hause in der Streberstraße in Allach. Er und seine Mutter führen seit den Achtzigernjahren den Laden gemeinsam, die Jahre zuvor stand Ingeborg Rauscher alleine im Geschäft - ihr Mann war früh gestorben, da war der Sohn Otto, heute 58, gerade einmal 14 Jahre alt. "Von da an hieß es immer nur, ich muss, ich muss, ich muss", sagt Ingeborg Rauscher. Heute muss sie eigentlich nicht mehr. Aber sie will.

Die meisten Kunden kommen gezielt

Erst vor zehn Jahren zogen Ingeborg Rauscher und ihr Sohn in die Rumfordstraße um, der Vermieter im Tal hatte ihnen damals gekündigt. Obwohl es zu Fuß nur sechs Minuten vom neuen zum alten Laden sind, ist die Welt draußen vor dem Schaufenster seitdem doch eine ganz andere. Im Tal liefen jeden Tag Hunderte von Menschen vorbei, blieben zufällig am Fenster stehen, kamen in den Laden. In die Rumfordstraße kommen die meisten nur noch gezielt. Wenn sie überhaupt kommen.

Die Münchner Innenstadt war überhaupt noch eine ganz andere, als Ingeborg Rauscher jung war, damals habe es noch wenige Filialen gegeben und so viele kleinen Läden - da sei das Anglergeschäft gewesen und die Bäckerei und das Möbelhaus im Tal, und morgens ging die Tür auf und man grüßte sich und wünschte ein schönes Wochenende. Und die Tür ging auf und die Tür ging zu.

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Quelle:
SZ vom 11.01.2018/bhi
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