Süddeutsche Zeitung

Kandidat für den Tassilo 2018:Ohne Schnickschnack direkt ins Ohr

Gitarre, Schlagzeug, Bass und Gesang - die Brucker Band "Cheerio Joe" steht für ehrlichen, selbstgemachten Sound

Von Ekaterina Kel, Fürstenfeldbruck

Zwei Töne und der song geht ins Ohr. E und Cis-Moll, immer wieder, Sebastian Pittrich weiß genau, was er tut, wenn er lässig die Saiten seiner Gitarre zupft. Der 33-jährige Fürstenfeldbrucker steht heute nicht in der Küche vom Burgerladen "Klubhouse", den er mit einem Freund betreibt, sondern spielt das Intro von "Sex On Fire", dem Song, der die amerikanische Rockband Kings of Leon weltberühmt gemacht hat und der bis heute ein "Evergreen" ist, wie Pittrich sagt, also ein Dauerbrenner.

Pittrichs eigene Band, Cheerio Joe, steht zwar noch nicht vor der Welttournee mit U2 und The Strokes. Aber die drei jungen Männer und eine junge Frau proben trotzdem schon mal den richtigen Sound. An der Gitarre und am Mikrofon Sebastian Pittrich, am Schlagzeug Max Spieler, am Bass Lukas Liebl und seit letzter Woche mit dabei als ausgleichende Frauenstimme: Tina Fischer - zusammen sind sie Cheerio Joe. Weil die jungen Musiker mit ihren Auftritten die Musikszene im Landkreis wundervoll ergänzen und sich in Bruck kulturell beheimatet fühlen, sind sie für den Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung  nominiert.

Im Alten Schlachthof, dem Veranstaltungsort des Vereins Subkultur, hat Cheerio Joe eine Bühne gefunden. Dort können die Bandmitglieder proben, solange Subkultur kein eigenes Programm anbietet. Bei minus zwei Grad - und zwar außen und innen gleichermaßen - ist an ein Programm gar nicht zu denken. Pittrich und seine Bandkollegen versuchen, sich mit dem Musikzieren warm zu halten. Zwei kleine, weiße Heizlüfter aus Plastik haben sie sich auf die Bühne gestellt. Doch es hilft nichts: Der Raum bleibt eisig. "You-u-u-u", zieht Fischer den Refrain und der Hauch wird wie eine Dampfwolke sichtbar. Auch bei Pittrich ist der Atem zu sehen, während er seiner Gesangspartnerin mit einem "uuuh" beipflichtet. Gegen die Kälte haben sie trotzdem nicht viel auszusetzen, denn von so einem Proberaum mit allerlei technischem Equipment und einer richtigen Bühne können viele Bands nur träumen. Der 25 Jahre alte Max Spieler aus Türkenfeld, Schlagzeuger der Band, ist im Vorstand des Vereins und hat Zugang zum Schlachthof.

Vor der Probe setzen sie sich im kleinen Nebenraum des Alten Schlachthofs zusammen. Eine Sache, die dabei niemals fehlen darf: Zigaretten. Es liegen mehrere Schachteln in XL-Größe auf dem Couchtisch, abwechselnd stecken sie sich eine an. Der Raum riecht nach jahrelangem Zigarettengenuss. Die Wände sind mit Stickern, Plakaten und Fotos von Mitgliedern verziert.

Cheerio Joes Bandgeschichte fängt im Jahr 2012 an, auf der Geburtstagsfeier von Pittrichs Vater. Damals hat Pittrich mit einer Freundin, Denise Möller, musiziert. Auf der Feier hatten sie ihren ersten offiziellen Auftritt. Lukas Liebl, ebenfalls Brucker und guter Freund von Pittrich, kam nach dem Auftritt auf ihn zu und sagte: "Jetzt darfst du mich fragen, ob ich bei deiner Band Bass spielen möchte." Soweit die Gründungslegende.

Seitdem ist einige Zeit vergangen. Sie holten sich Max Spieler dazu, der am Schlagzeug den Rhythmus vorgab, und traten zunächst auf Feiern und kleinen Bühnen in Bruck auf. Oft war ihr Set eine Mischung aus gecoverten Rockliedern, die die vier selbst gerne mochten, und einzelnen eigenen Liedern, die sie gemeinsam komponierten und texteten. 2016 nahmen sie ihr erstes Album auf, "Happy Ends", im Studio eines Freundes und Musikproduzenten Matthias Schüll, der damals sein Studio am Leonhardplatz hatte. Die Band, die Musik, das Album - alles Made in Fürstenfeldbruck.

Dann kommt die Nachricht, die die Geschichte der Band hätte abrupt beenden können: Die Sängerin Denise Möller will nach Argentinien auswandern. Die Jungs von Cheerio Joe wissen kurz nicht mehr weiter. Doch sie geben nicht auf, suchen nach einem geeigneten Ersatz für ihre Sängerin und finden Tina Fischer. Die 27-Jährige wohnt in München und hat vorher in einer Münchner Band gesungen. Die hat Fischer jedoch gehen lassen, offenbar ohne verletzte Gefühle. "Wir haben uns ineinander verliebt", sagt Pittrich und spricht für die ganze Band. Schon nach der ersten gemeinsamen Bandprobe stand fest: Fischer, mit dem samtenen Einschlag in der Stimme, wird es.

Deshalb aber auch das Cover von Kings of Leon. Solange die vier in der neuen Konstellation noch nicht neue, gemeinsame Songs geschrieben haben und die alten von Denise mit Tina einstudiert haben, konzentrieren sie sich erst einmal vor allem auf das Covern. Beatles, Led Zeppelin, Rock aus den Fünfzigern und Sechzigern, aber auch Folk. Klingen würden sie gerne wie die britische Band Mumford & Sons, die eine folkige, sanfte Musik spielt, die direkt ins Herz geht. Und das tut Cheerio Joes eigene Musik auch schon: Auf dem ersten Album lassen die Lieder jeden Zuhörer genüsslich die Augen schließen und verbreiten ein wohliges Gefühl im ganzen Körper. Wir machen "ehrliche Musik", sagt Pittrich.

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Quelle:
SZ vom 17.02.2018
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