Süddeutsche Zeitung

Bilanz zum Synodalen Weg:"Wir haben die letzte absolutistische Monarchie der Welt"

Die katholische Kirche ist noch immer hierarchisch organisiert. Daran haben auch jüngste Reformversuche nichts geändert. Pastoralreferent Konstantin Bischoff gibt sich deshalb für die Zukunft nur verhalten optimistisch.

Von Gerhard Eisenkolb, Fürstenfeldbruck

Wer sich mit dem Synodalen Weg auseinandersetzt, sieht sich mit Vorstellungen von der Wirklichkeit in der katholischen Kirche konfrontiert, die weit auseinanderliegen und zum Teil unvereinbar sind. Das zog sich wie ein roter Faden durch diesen Prozess und galt laut dem Pastoralreferenten Konstantin Bischoff auch für die Reaktionen auf dort gefasste Beschlüsse. Die Spannbreite habe von Frustration bis zu Freudentränen gereicht. Schon diese Beschreibung des Mitarbeiters der Herz-Jesu-Pfarrei in München zeigt, dass das Hoffen und Bangen zum Ende des vier Jahre dauernden Diskussionsprozesses von Bischöfen und Laienvertretern groß ist und viele Fragen ungelöst sind. Als Delegierter der Pastoralreferentinnen und -referenten beim Synodalen Weg erlebte Bischoff das Ringen zwischen Klerikern und Laien um Reformen in der katholischen Kirche in allen Phasen mit. Bei einem Vortragsabend vom Brucker Forum in Sankt Bernhard in Fürstenfeldbruck zog der Theologe kürzlich seine persönliche Bilanz.

Der Referent sieht keinen Anlass für Freudentränen

Dieses Fazit ist ebenso ambivalent und ernüchternd wie die persönliche Situation des eloquenten Referenten, der früher einmal seine Rolle als Theologe im kirchlichen Dienst als nicht geweihter Pastoralreferent mit der eines hybriden Wesens zwischen Laie und Klerus folgendermaßen umschrieb: Er sieht sich als kirchlichen Amtsträger, der verheiratet ist, zwei Kinder hat, aber nicht der klassischen maßgeblichen Hierarchie angehört. Bischoff verhehlte in Sankt Bernhard seine Sehnsucht nach überfälligen Reformen wie die Zulassung von Frauen zu Weiheämtern nicht. Es ist also kein Wunder, dass er "keinen Anlass für Freudentränen" sah. Dass zum Beispiel gleichgeschlechtliche Paare nun auch offiziell gesegnet werden oder Frauen predigen dürfen, sind für ihn nur erste kleine Schritte, auf die mehr folgen soll. Das heißt, die Hoffnung auf eine neue Kirche mit mehr Machtkontrolle und Teilhabe der Laien will er nicht aufgegeben.

Seinen verhaltenen Optimismus begründet er damit, dass der mit dem Synodalen Weg begonnene Dialog im Synodalen Rat fortgesetzt wird, in dem Bischoff als gewählter Delegierter wieder Sitz und Stimme hat. Eine Rückkehr zum Status quo vor Beginn des Diskussionsprozesses hält er nicht mehr für möglich. Zudem habe, wie berichtet wird, die Mehrheit der reformwilligen Bischöfe vielfältige Impulse bekommen, in ihrem eigenen Verantwortungsbereich mit Veränderungen zu beginnen. Bischöfe könnten schon jetzt Festlegungen aus den Grund- und Handlungstexten zu Themen wie der Sexualmoral oder zur Stellung der Frau umsetzen. Allerdings müssten sie sich trauen und ihren Entscheidungsspielraum nutzen.

Das eigentliche Grundproblem, dass die katholische Kirche nicht demokratisch, sondern hierarchisch verfasst ist und immer nur einer das Sagen hat, ist weiterhin ungelöst. "Wir haben die letzte absolutistische Monarchie der Welt", stellte der Referent im Zusammenhang mit der Machtfrage und der Frage der Kontrolle dieser absolutistischen Macht nüchtern fest. Und er wies darauf hin, dass der Synodale Weg nicht zu dem Zweck angestoßen worden sei, die Kirche attraktiver zu machen. Angesichts einer Verrohung der Sprache appellierte der Redner daran, im Umgang miteinander den Anstand zu wahren. Als abschreckende Beispiele erwähnte er das Beten von Kampf-Rosenkränzen und das Verteilen von Sterbebildern des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing im Umfeld der Versammlungen der Delegierten.

Konsequenzen fordert der Referent auch von den Laien

Ausgangspunkt des Dialogprozesses waren der Missbrauchsskandal und Vertuschungsvorwürfe mit der daraus resultierenden Krise der Kirche und der Frage, inwieweit der Missbrauch nicht nur individuelle, sondern auch systemische Ursachen hat. In ihrer "höchsten Not" hätten die Bischöfe, so der Referent, das Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) ins Boot geholt. Mit unterschiedlichen Zielsetzungen. ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp zitierte Bischoff mit der Zielvorgabe, das ZdK wolle Kirche zukunftsfähig und zu einem Ort machen, an dem Menschen gesehen würden. Der konservative Augsburger Bischof und Reformgegner Bertram Meier habe dagegen den Schutz der Kleriker, also das alte, den Missbrauch begünstigende System, in den Fokus gestellt. Ihn zitierte der Referent mit der Zielvorgabe "ich möchte einfach nicht, dass immer mehr Kleriker zurückgedrängt werden".

Ein wichtiger Ertrag liegt für Bischoff in dem, was der Synodale Weg angestoßen hat. So hätten bereits die "freimütigen" Diskussionen einiges verändert. Teilnehmer hätten die Erfahrung gemacht, dass es das Amt stärke, wenn man offen und ehrlich miteinander ringe. Konsequenzen forderte der Pastoralreferent nicht nur von Klerikern, sondern auch von Laien. Viele Laien hätten seit Generationen das System der allmächtigen Kirchenhierarchie mit dem Pfarrer als letzter Entscheidungsinstanz verinnerlicht und daher in ihrer Gemeinde ihren Seelsorger oft selbst noch dann gestützt, wenn dieser mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert worden sei. Auch die Basis müsse nun loslegen und machen, ergänzte der theologische Mitarbeiter Helmut Schnieringer des Brucker Forums optimistisch. Christen könnten etwas bewegen. Dazu seien Leidensfähigkeit, Geduld und Mut gefragt.

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