Süddeutsche Zeitung

Schulbühne:Wenn auf einmal Vielfalt ist

Maisacher Mittelschüler bringen ein groß angelegtes Theaterprojekt zur Aufführung. Mit Unterstützung der Schauspielerin Susanne Häusler zeigen sie im Bürgerzentrum Gernlinden ein modernes Babylon-Stück

Von Erich C. Setzwein, Maisach

Es ist gerade so, wie der Erzähler es auf der Bühne des Bürgerzentrums Gernlinden ausspricht: "Was für ein Chaos." Dieser Erzähler ist Quirin Hamatschek, und er erlebt gerade, wie es ist, wenn Menschen, die sich vorher in einer Sprache unterhalten haben, nun in so vielen unterschiedlichen Sprachen und Dialekten reden, dass sie sich nicht mehr verständigen können. Um das Verstehen und das Zuhören geht es auf der Bühne auch, aber vor allem um vermeintlichen Glanz und reales Elend von Hochmut, Überheblichkeit und Größenwahn. Am Donnerstagabend werden Quirin und mehr als 40 Mitschüler der Mittelschule Maisach mit dem Stück: "Hoch, höher, am höchsten - die Geschichte einer Stadt, die hoch hinaus wollte" von Susanne Häusler zwei Mal öffentlich auftreten. Dazu gehört eine gute Portion Mut.

Es ist nicht irgendeine Theater-AG, die sich da am Mittwoch im Bürgerzentrum von Gernlinden eingenistet, ja den ganzen Saal regelrecht okkupiert hat. Es ist vielleicht die Hälfte aller Schüler aus der Maisacher Mittelschule, die Klassen 8 a und 8b und die Deutschklasse mit den Migranten, die weniger als ein Jahr in Deutschland sind. Es gibt ein Technikteam auf der Empore, ein Filmteam macht seine Einstellungen für ein Making-of, das einmal auf der Schulhomepage gezeigt werden soll. Das wünscht sich Rektorin Corinna Niedring so. Auch wenn es seit einem halben Jahr viel Zusammenhalt, einige kreative Auseinandersetzungen und auch, wie nicht anders zu erwarten, eine kleine Krise gegeben hat, so dürfte den durchweg 14 Jahre alten Schülern erst nach ihren Aufführungen in Gernlinden sowie am Freitag in der Schule bewusst werden, was sie da geleistet haben.

Denn es ist ja nicht irgendeine Theater-AG aus motivierten Freiwilligen gewesen, die ein Stück bis zum Abschluss des Schuljahres proben, sondern es ist der Versuch eines Klassen übergreifenden Schulprojekts, von dem sich niemand abmelden kann. Insofern haben Corinna Niedring, die Schauspielerin Susanne Häusler, 43, aus Gröbenzell als externe Beraterin und Lehrerin Katja Bienert als Co-Regisseurin ihren Schülern viel abverlangt. Schüler in diesem Alter überhaupt bei der Stange zu halten, wo es doch so viele Ablenkungen gibt und auch noch der ganz normale Unterricht zu bewältigen ist, die Spannung durch die ganzen Proben hindurch aufrechtzuerhalten bis zur Premiere, das ist eine große Leistung. Von allen Beteiligten. Und das sind nicht nur die 40 Schüler aus 18 Nationen, die da auf der Bühne agieren und die Botschaft von der Vielfalt der Kulturen unters Publikum bringen wollen. Da sind die vielen unsichtbaren Posten, wie etwa die Kostümnäherinnen, ohne die eine solche Produktion nicht auskommt.

Der Stoff, den Susanne Häusler inszeniert, ist aus dem Alten Testament entlehnt. Eine Stadt will hoch hinaus, doch die Wolkenkratzer gehen Gott auf die Nerven, worauf er den dort Wohnenden die einende Sprache nimmt. So viele verschiedene Sprachen und Dialekte, wie sie in Afghanistan, Syrien oder Nigeria gesprochen werden, könnte eine rein mit Oberbayern besetzte Schulklasse gar nicht aussprechen. Da ist es gut, dass es die vielen jungen Migranten der Deutschklasse gibt, die einerseits diese Vielfalt verdeutlichen, andererseits aber durch die Einbindung in dieses Schulprojekt sehr viel schneller integriert wurden und auch Deutsch als die nun einende Sprache lernen, wie Rektorin Niedring es beschreibt. Das werden die Zuschauer in Gernlinden auch ohne Erklärung verstehen. Die Schüler haben etwas geschafft, was ihnen von nun an keiner mehr nehmen kann. Selbstbewusstsein und Mut, sich unbekannten Situationen und noch unbekannteren Menschen zu stellen, haben sie sich erarbeitet, und Respekt, der sich hoffentlich in viel Applaus ausdrücken wird.

"Hoch, höher, am höchsten", Donnerstag, 9. Mai, 17.30 und 20 Uhr, Bürgerzentrum Gernlinden

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SZ vom 09.05.2019
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