Süddeutsche Zeitung

Pandemie-Bekämpfung:Die ersten 90 Dosen

Im Germeringer Alten- und Pflegeheim Curanum bekommt am Sonntag ein Ehepaar die erste Corona-Impfung in Bayern. Während vor dem Haus die Gesundheitsministerin die Medien informiert, wird die Impfaktion fortgesetzt, bis die erste Lieferung in den Landkreis aufgebraucht ist

Von Erich C. Setzwein, Germering

Da sitzen sie nun, Helga und Kurt Klingseisen, und warten auf die Spritze. Sie ist 83, ihr Mann 91 Jahre alt, und beide bewohnen das Altenheim Curanum in Germering. An diesem Sonntagmorgen haben sie sich bereiterklärt, als Erste in Bayern geimpft zu werden. Unter den Augen der Öffentlichkeit, vor laufenden Kameras. Nachher werden sie draußen vor der Eingangstür noch ein paar Sätze sagen, wieder in Mikrofone, die zu ihnen gereckt werden, und Helga Klingseisen wird die Frage einer Reporterin, wie es denn gewesen sein, ganz abgeklärt beantworten: "Wie üblich, ein Piks und fertig."

An diesem Tag werden in Germering weitere 86 Bewohner mit dem Impfstoff von Biontech-Pfizer geimpft, und auch Curanum-Leiterin Pia Freyberger, 33, und Pflegedienstleiter Reiner Triebsch, 50, erhalten die Impfung. Das Ehepaar Klingseisen und die Curanum-Mitarbeiter stehen nicht nur unter öffentlicher Beobachtung - das Bayerische Fernsehen überträgt live - , sondern auch unter ministerieller. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml ist gekommen, sie hat ihren Staatssekretär Klaus Holletschek mitgebracht, und für den Altenheimbetreiber Korian AG ist dessen Vorstandsvorsitzender Arno Schwalie da, so wie die Vorbereiter dieses Ereignisses. Fürstenfeldbrucks Landrat Thomas Karmasin und enge Mitarbeiter stehen in der Kälte vor dem Haupteingang, wo Medienvertreter darauf warten, dass alle Beteiligten dieses Morgens herauskommen und ihre Statements abgeben. Zwischendrin tritt der Mammendorfer CSU-Landtagsabgeordnete Benjamin Miskowitsch von einem Bein auf das andere. Er schaut, je länger das Warten dauert, ziemlich neidisch auf die batteriebetriebenen Stiefelwärmer einer Reporterin vom Privatfernsehen. Miskowitsch hat dem Anlass entsprechend zwar eine weiße FFP2-Schutzmaske mit hellblauem CSU-Parteilogo angelegt, aber nur Halbschuhe mit dünnen Sohlen angezogen. Er hätte sich ein Beispiel am Landrat nehmen können, der auf dickeren Sohlen steht, warm eingepackt ist in eine sportliche Steppjacke und eine graue Wollmütze auf dem Kopf hat. Als er die Mütze für seinen Kurzauftritt vor den Mikrofonen abzieht, sind seine raspelkurzen Haare zu sehen. "Coronafrisur", scherzt er.

Karmasin scheint froh zu sein, dass es nun mit den Impfungen losgeht, und er scheint auch stolz zu sein, dass es in seinem Landkreis, in seiner Heimatstadt losgeht. Den 90 Impfdosen, die am Sonntag im Curanum verimpft worden sind, sollen am Dienstag 100 weitere folgen. Am Montag, sagt Melanie Huml, seien in Bayern 95 000 Dosen avisiert, am 30. Dezember sollen es schon 107 000 sein. Wie viele der Landkreis aus dem Zentrallager jeweils bekommt, ist noch nicht bekannt.

Im Landkreis selbst wird das Impfzentrum im früheren Aldi-Gebäude im Brucker Westen noch nicht so schnell in Betrieb gehen. Von Montag, 28. Dezember, an aber nimmt der Betreiber Bayerisches Rotes Kreuz schon Anmeldungen aus jener Altersgruppe entgegen, die besonders gefährdet ist: alle die über 80 Jahre alt sind. Alle seien angeschrieben worden, sagt Karmasin, wer mobil sei, werde im Impfzentrum geimpft, wer nicht mehr mobil sei, zu dem komme ein Impfteam.

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Quelle:
SZ vom 28.12.2020
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