Süddeutsche Zeitung

Lesenswertes:Halb Fremder, halb Freund

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Der Roman "Das Marterl" von Johannes Laubmeier versetzt unsere Kolumnistin Nicola Bräunling zurück in ihre Vergangenheit. Dort, wo die Geschichte spielt, hat sie ihre Karriere als Buchhändlerin begonnen.

Von Nicola Bräunling

Meine Karriere als Buchhändlerin begann vor 22 Jahren in einer schönen Buchhandlung in A. A. liegt in Niederbayern zwischen Ingolstadt und Regensburg, hat gut halb so viele Einwohnerinnen und Einwohner wie Puchheim und ist umgeben von großen Spargelfeldern. Ich als gebürtige Hamburgerin, seit meiner Jugend in München lebend, habe dort zum ersten Mal das echte bayerische Kleinstadtleben mit all seinen Vor- und Nachteilen kennen gelernt. Einerseits habe ich das sehr Persönliche und Vertraute genossen, andererseits hat mich die Enge und fehlende Anonymität ein wenig irritiert.

All das habe ich vollkommen überraschend vor ein paar Wochen wiedergefunden, als mir Johannes Laubmeiers Buch "Das Marterl" in die Hände fiel. Das Buch spielt nämlich in ebendiesem A. In dem autofiktionalen Roman kommt Laubmeier zurück in seinen Heimatort, folgt seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen und versucht, den viel zu frühen Unfalltod seines Vaters zu verarbeiten. Nach Jahren im Ausland und inzwischen in Berlin lebend, richtet er sich für ein paar Wochen im Haus seiner Mutter ein, reaktiviert alte Freundschaften, feiert - halb Fremder, halb Freund - auf dem weit über die Grenzen des Ortes bekannten Volksfest und besucht immer wieder die Orte, die seine Kindheit und Jugend prägten. Eindringlich, bewegend und doch mit einer überraschenden Leichtigkeit erzählt der Autor die Geschichte eines Lebens. Kann man alte Verletzungen heilen? Kann man offene Fragen weit später noch klären? Wie kommt man mit einer Schuld zurecht, die vielleicht gar keine ist? Oft merkt man dem "Marterl" Laubmeiers Unsicherheit an. Als Leserin oder Leser entwickelt man schnell große Sympathien für den jungen Mann und lässt sich gerne in den Sog der Vergangenheitsbewältigung ziehen. Man freut sich über jeden Schritt, den er macht, um Frieden mit sich und seinem Umfeld zu schließen.

Wer also Familiengeschichten mag, wer das Kleinstadtleben liebt, wer gerne in andere Schicksale eintaucht und wer auf gute Weise unterhalten werden möchte, ist mit diesem Buch sehr gut bedient. Nicht umsonst hat es "Das Marterl" auf die Longlist zum Leserpreis Puchheim 2022 geschafft.

Und dann ist da ja noch A., der Ort, den ich so gut kenne und der mich gerüstet hat für das Miteinander in den wunderbaren kleinen Städten, in denen ich danach als Buchhändlerin gearbeitet habe und bis heute arbeiten darf. Zum Schluss dazu eine kleine persönliche Anekdote: Nachdem ich das Buch gelesen habe, habe ich mit dem Autor telefoniert und - siehe da - er konnte sich daran erinnern, bei mir in der Buchhandlung in A. Praktikant gewesen zu sein. Man begegnet sich doch tatsächlich immer zweimal im Leben.

Nicola Bräunling ist Inhaberin der Buchhandlung Bräunling in Puchheim. Regelmäßig stellt sie im Wechsel mit Katrin Schmidt und Helen Hoff von der Buchhandlung Lesezeichen in Germering ihr aktuelles Lieblingsbuch vor.

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