Süddeutsche Zeitung

Musik:Rührselige Geschichten

Der Auftritt der Moritaten-Sänger des Bezirks Oberbayern lockt etwa 50 Besucher auf den Geschwister-Scholl-Platz. Liederbücher werden ausgeteilt, dann wird mit Begeisterung gemeinsam gesungen

Von Karl-Wilhelm Götte, Fürstenfeldbruck

Die Szenerie hat etwas von Volkskunst. "Menschen singen doch gerne zusammen", kommentiert eine Besucherin spürbar ergriffen den spontanen Chor auf dem Geschwister-Scholl-Platz in der Brucker Buchenau. Mehr als 50 Sängerinnen und Sänger haben sich am Samstagmorgen auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum eingefunden, um gemeinsam Moritate und Balladen zu singen. Bayerische Volksmusik basierend auf bayerischen Geschichten. Liebenswerter Taktgeber ist Ernst Schusser, der Volksmusikpfleger des Bezirks Oberbayern aus Bruckmühl im Landkreis Rosenheim. In der morgendlichen Hitze steht der 64-jährige Musiker mit Strohhut und kurzen Hosen vor der Sängerschar. Mit dem Akkordeon gibt er den Ton vor und das Publikum hängt sofort an seinen Lippen.

Schusser fügt immer wieder lustige Geschichten ein, strapaziert auch die anwesenden Mitsänger und alle, die sich beim Einkaufen spontan immer wieder einfädeln, schon mal mit 17 Strophen der Moritat über den Räuber Mathias Kneißl mit dem Untertitel "Die Kleinen hängt man". Die 17 Strophen schaffen alle prima, auch die düsteren Verse, wie "In Notstuhl hamsn eini, wia ma d'Ochsn bschlagn tuat". Schusser hat zur Unterstützung Claudia Harlacher aus Maisach mitgebracht, die ihn auf der Gitarre begleitet. Wolfgang Killermann zieht immer wieder Bilder auf einer Tafel auf und zeigt mit dem Stock, wo man sich, im Lied des Gasanstaltsdirektors, gerade befindet. "Es ist solange kalt in unserer Gasanstalt", meint der Direktor zu seinem Inspektor. Der macht Feuer und die Gasanstalt explodiert. Im Himmel finden sie sich wieder und der Direktor sagt: "Es war nur halb so kalt in unsrer Gasanstalt, ich wollt, ich wär noch da, Halleluja." Für Schusser, der auch das Volksmusikarchiv in Bruckmühl leitet, ist das Optische ein wichtiges Element, das das Singen erleichtert. Die vielen Bilder zur Untermalung der Musik hat Eva Bruckner vom Volksmusikarchiv hergestellt.

Die Delegation aus Bruckmühl ist bestens vorbereitet. Die Mitsängerinnen und Sänger werden mit kleinen Liederheften mit allen Musiktexten versorgt. Schusser, der einst ein Lehrerstudium und eines der bayerischen Geschichte absolvierte, ist seit 1996 oberbayerischer Volksmusikpfleger. Man spürt, dass da jemand seine Berufung gefunden hat. "Ich bin nicht so ein toller Sänger", gibt sich Schusser bescheiden. Das sei auch gut so, weil das die Menschen noch mehr animiere, mitzusingen. "Wäre ich eine Art Opernsänger, würden sie sich das nicht trauen." Singen sei im Menschen drin oder wie es Schusser formuliert: "Der Mensch ist gemacht für Musik im Hirn." Singen auf öffentlichen Plätzen liebt er, auch wenn hier und da mal ein Hund bellt oder sich eine Säge meldet.

Zwei Stunden wird mit kurzer Pause gesungen. Gekommen sind vor allem ältere Menschen. Das bedauert Schusser ein wenig. Nur ein, zwei Familien mit Kindern sind da. Spontan wird ein Lied für den neunjährigen Luca eingebaut, dem Schusser auch eine Moritaten-CD schenkt. Alle Sänger sind voll konzentriert. "Auf welcher Seite steht das Lied von der ertrunkenen Müllerstochter?", fragt Schusser in die Runde. "Auf der vier", ruft der Chor. Die wohl berühmteste Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht ist übrigens nicht im Repertoire - aus pragmatischem Grund: "Die ist Gema-pflichtig", klärt Schusser die Anwesenden auf.

Dafür lässt er einen Text von Otwin Raab aus dem Jahre 2006, die Moritat vom Braunbären "Bruno", verteilen. Auf die Melodie vom Wildschützen Jennerwein singt der Spontanchor die Geschichte vom Bären Bruno, der wochenlang verfolgt wurde und im Juni 2006 an der Rotwand am Spitzingsee von Jägern erschossen wurde. "Als Braunbär nimm dich ja in Acht, bist du nicht schwarz bei uns im Landl, kannts sei, dass glei der Stutzen kracht", lauten die letzten Bruno-Verse.

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SZ vom 16.07.2018
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