Süddeutsche Zeitung

Historie:Redeverbot nach 19 Uhr

Bei der 120-Jahr-Feier werden im Landschulheim Grunertshofen vergangene Zeiten wach

Von Karl-Wilhelm Götte, Moorenweis

Das katholische Landschulheim in Grunertshofen im heutigen Gemeindegebiet von Moorenweis hatte einst sehr strenge Regeln. Da war es noch ein Buben-Internat gewesen. Niemand weiß das besser als Josef Vilsmaier, einer der Ehrengäste des Festaktes zur 120-Jahr-Feier. Der bekannte Filmregisseur, der für den Termin in Grunertshofen sogar einen auf dem Filmfest in München sausen ließ, kam 1949 als Zehnjähriger ins Internat. "Es hat mich einfach hierher gezogen", so Vilsmaier. Heute ist er 80 Jahre alt und schwärmt von den vier Jahren im Internat.

"Ein halbes Jahr hatte ich Heimweh", erzählt Vilsmaier zu Beginn des Festaktes. "Danach hatte ich hier dreieinhalb Jahre eine Superzeit." Er war zuvor im Zentrum von München aufgewachsen, bis ihn die Eltern vier Jahre ins Internat schickten. Ans strenge Regiment der Ordensschwestern, die das Internat leiteten, hatte er sich nach und nach gewöhnt. "Wir schliefen in drei Schlafsälen mit jeweils 25 Kindern und nach dem Abendgebet um 19 Uhr durfte niemand mehr reden", erinnert sich Vilsmaier gut an dieses Verbot, das für Zehnjährige schwer zu ertragen gewesen war.

Das Redeverbot ist längst aufgehoben. Es geht heutzutage locker zu auf dem weitläufigen Gelände des Landschulheims. Während die Festgäste sich Reden anhören müssen, spielen die Kinder auf den Wiesen oder auf dem Spielplatz. Eine größere Gruppe singt den Festgästen etwas vor. Die meisten freuen sich auf den Zirkus, der am Nachmittag seinen Vorhang öffnen wird.

"Die Kinder hier sind ganz großartig", berichtet Boris Kuß. Er ist der Zirkusdirektor des Circus "Zapp Zarapp". Dieser Zirkus kommt mit Zelt aus Leverkusen angereist und hat mit den Kindern vier Tage lang eine Vorstellung eingeübt. Kuß und seine Truppe haben sich auf Schul-Zirkusprojekte spezialisiert und sind das ganze Jahr über auf Reisen. "150 Termine nehmen wir pro Jahr wahr", so Kuß. In Grunertshofen ist Zapp Zarapp schon das zweite Mal. Kuß ist sich sicher: "Die Kinder hier haben große Lust mitzumachen und halten prima zusammen." Später werden sie als Trapezkünstler, Clowns, Fakire oder Zauberer in der Manege auftreten.

Das Landschulheim ist schon früher auch eine Dorfschule gewesen, die die Kinder aus der Umgebung besucht haben. Heute ist sie eine Grund- und Mittelschule ohne Internat. "Wir haben hier auch Kinder aus instabilen Familienverhältnissen", erläutert Katrin Dost, die stellvertretende Schulleiterin. Auch mehrere autistische Kinder werden von Lehrern und einer Sozialarbeiterin betreut. "Die packen es draußen nicht", sagt Dost. "Man ist hier auch Mama und Papa." Mit "draußen" ist die normale Schule gemeint. 165 Kinder werden von nur zwölf Lehrkräften betreut. Das heißt, ständiges Arbeiten am Limit. Träger der Schule ist der Sankt Vinzentius Zentralverein in München, der zur Caritas gehört. Lehrer arbeiten in der Schule nur als angestellte Lehrer. Das ist für Lehrer mit Aussicht auf Verbeamtung im Staatsdienst wenig verlockend. Zudem liegt Grunertshofen abgelegen im Westen des Landkreises Fürstenfeldbruck. "Unser Lehrermangel ist enorm", bekräftigt Katrin Dost. "Wir könnten deutlich mehr Kinder aufnehmen, wenn wir mehr Lehrer hätten."

Die Festredner, die Schulleiter Ewald Wimmer nach und nach ans Rednerpult bittet, können da mangels Einfluss wenig ausrichten. Sie überbringen die Glückwünsche und schwärmen als ehemalige Schüler wie Rudi Keckeis von ihrer einstigen Dorfschule. Für den Elternbeiratsvorsitzenden Wilhelm Peter ist die Einrichtung eine "Insel der Glückseligen". Der stellvertretende Landrat Hans Wieser (Freie Wähler) verspricht weitere Unterstützung des Brucker Jugendamtes und Bürgermeister Joseph Schäffler aus Moorenweis prägt das Motto: "Eine Schule kann nicht alt werden, sie verjüngt sich mit jeder Schülergeneration." Zu Zeiten Vilsmaiers gab es noch Frühsport morgens um fünf Uhr dreißig und Schlafsäle, heute gibt es für Gäste schmucke Einzel- und Doppelzimmer.

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Quelle:
SZ vom 02.07.2019
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