Süddeutsche Zeitung

Hilfe von Freiwilligen:Die Kitzretter von Überacker

Olchinger folgen einem Aufruf der Jäger, auf den Wiesen vor der ersten Mahd junge Rehe zu suchen und in Sicherheit zu bringen

Flatterende blaue Müllsäcke sollen die Rehe stören, in die Wiesen zu gehen, elektronische Geräte an Traktoren sollen die Tiere rechtzeitig aufspüren, und selbst Drohnen befliegen Wiesen, nur damit die in tiefem Gras liegenden Rehkitze vor der Mahd aufgespürt werden können. Und es gibt noch eine Möglichkeit der Kitzrettung: Auf Wiesen im Maisacher Ortsteil Überacker haben sich in den vergangenen Tagen drei Mal Menschen getroffen, um gemeinsam durch die Wiesen zu streifen und die erst kürzlich geborenen jungen Rehe zu finden. Insgesamt wurden bei der von Jägern organisierten Suche 16 Kitze gefunden und in Sicherheit gebracht, bevor die Landwirte ihre Wiesen mähten.

Jedes Jahr sterben in Deutschland geschätzt 200 000 Rehkitze den Mähtod. Denn im Mai werden die Wiesen gewöhnlich zum ersten Mal gemäht, ausgerechnet zur sogenannten Setzzeit des Rehwilds. Die Jungtiere werden von ihren Müttern, den Geißen, ins hohe Gras gelegt, damit sie vor Fressfeinden geschützt sind, erklärt Kreisjagdberater Rainer Grüter aus Egenhofen. Doch neben Greifvögeln und Füchsen droht die größte Gefahr durch die Mähwerke der Traktoren.

Weil die Jäger und die Landwirte in einem der mit 1200 Hektar größten Jagdgebiete Oberbayerns ein gutes Verhältnis haben, wie der Olchinger Ivan Grujic sagt, haben sie sich zusammengetan, um vor der Wiesenmahd die Jungtiere zu suchen. Grujic, 37, Sanitär- und Heizungsinstallateur und passionierter Jäger aus Olching, rief über Facebook und Whatsapp Freiwillige zur Mitsuche auf den Wiesen auf. "Beim ersten Mal kamen 15 Leute, und am vergangenen Mittwoch waren es sogar 55", berichtet er. Geholfen habe dabei sicher die Corona-Zeit, denn viele Menschen, die in Kurzarbeit sind oder im Home-Office flexibel arbeiten, konnten sich beteiligen, dazu etliche Kinder, die noch nicht wieder in der Schule sind oder Blockunterricht haben.

Die Wiesen werden von den Freiwilligen quasi durchkämmt. Gesucht wird in einer Reihe, alle laufen nebeneinander im Sicherheitsabstand von anderthalb Metern. Normalerweise wäre ein Meter Abstand nötig, um die im tiefen Gras liegenden Kitze zu finden. "Jeder schaut einmal mehr nach links und nach rechts, das reicht", sagt Grujic. Wird ein junges Reh gefunden, darf es nicht mit bloßer Hand berührt werden, besteht doch die Gefahr, dass es seine Mutter später nicht mehr annimmt. Die Helfer tragen Handschuhe, merken sich den Platz, wo es herausgenommen wird und tragen das Kitz auf abgeschnittenen Grasbüscheln zu einem Anhänger. Dort wird es zu anderen Kitzen gelegt, bis die Mahd vorüber ist. Anschließend wird jedes Kitz wieder etwa dorthin gesetzt, wo es von der Geiß wieder gefunden werden kann.

"Es gibt nichts Schlimmeres für einen Jäger, als wenn er ein Kitz, dem beim Mähen die Läufe abgetrennt wurden, von seinem Leiden erlösen muss." Für Grujic und seine Jägerkollegen steht die Kitzrettung im Vordergrund, auch wenn er bei diesen Gelegenheiten einiges über Jägerei erzählen und so manches Vorurteil entkräften und "das Nostalgiebild vom Jäger" zurechtrücken kann. 85 Prozent der Arbeitszeit als Jäger erledige er ohne Waffe. Da gehe es um Hege und Pflege, ums Beobachten des Wildes.

Und Grujic hat auch Gelegenheit die Menschen, die mit ihm in den Wiesen Kitze suchen, darüber zu informieren, dass die Kitzrettung nicht dazu diene, dass der Jäger später etwas zum Schießen habe. Hege und Pflege bedeute, dass es einen gesunden Wildbestand gebe. Für heuer sind die Suchen beendet, denn bei der nächsten Wiesenmahd sind die Kitze schon größer.

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SZ vom 23.05.2020/ecs
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