Süddeutsche Zeitung

Fürstenfeldbruck:Kritik an Corona-Maßnahmen

Im Landratsamt ist man damit beschäftigt, Bürgern die neuen Regeln zu erklären. Für Fürstenfeldbrucker gelten aber weniger Einschränkungen als für die Einwohner von München

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Im Landkreis Fürstenfeldbruck sind am Dienstag erneut verschärfte Maßnahmen im Kampf gegen Corona in Kraft getreten. Sie gelten erst einmal bis nächsten Montag. Zahlreiche Bürger meldeten sich daraufhin im Landratsamt und kritisierten die neue Verordnung als widersprüchlich. Amtssprecherin Ines Roellecke verteidigt sie: Man habe bei den Regelungen stets auf das Gebot der Verhältnismäßigkeit geachtet, um Freiheitsrechte nicht allzu sehr einzuschränken. Auffällig ist zumindest, dass die für Fürstenfeldbruck angeordneten Maßnahmen weniger Einschränkungen umfassen als beispielsweise jene für die Landeshauptstadt München, obwohl beide Regionen in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 Infektionen pro 100 000 Einwohner meldeten.

Die Behörden können mit ihren Verfügungen auf das jeweils lokale Pandemiegeschehen reagieren. Beispiel: Es gebe im Landkreis "keine gärtnerplatzartige Partyszene", erläutert Roellecke, deshalb habe man von einem Alkoholverbot ab 22 Uhr abgesehen, wie es jetzt in München gelte. Vielen Bürger indes erscheint inkonsequent, dass etwa Hochzeiten in geschlossenen Räumen nun mit nurmehr 25 Personen gefeiert werden dürften, dass aber bei Kulturveranstaltungen diese Grenze nicht gelte. Man versuche dann zu erklären, dass es dabei doch einen Unterschied gebe, sagt Roellecke, etwa jenen, dass bei einem Konzert eben jeder zweite Stuhl frei bleibe.

Weitere Regeln sind: Nicht mehr als fünf Personen dürfen zusammen im Lokal an einem Tisch sitzen, wenn sie aus mehr als zwei Haushalten kommen. Nur ein Familienmitglied darf pro Tag als Besucher ins Pflegeheim oder Krankenhaus.

Bereits am Montag hatte sich Landrat Thomas Karmasin (CSU) bemüht, zu Beginn der Kreistagssitzung Fragen von drei Bürgerinnen zu beantworten, die eigens gekommen waren und wissen wollten, wie viele Corona-Todesfälle es in den vergangenen drei Monaten gegeben habe und ob die Kreisklinik am Rande der Behandlungskapazität sei. Vor allem zweifelten sie daran, ob die Maskenpflicht an Schulen wirklich notwendig sei. Von einer Überlastung der Klinik könne keine Rede sein, antwortete Karmasin. Er nannte die Zahl von 36 Todesfällen seit Beginn der Pandemie, der Zeitpunkt des bislang letzten Todesfalls war ihm nicht erinnerlich. Es war Ende Juni.

Karmasin, der erst nach der Sitzung die neuen verschärften Regeln für den Landkreis bekannt gab, die auf wiederum bereits am vergangenen Samstag verschärfte Regeln folgten, nahm sehr ausführlich Stellung und ließ Abwägungsbereitschaft bei der Beurteilung der Pandemie erkennen. Er räumte ein, dass ein starrer Schwellenwert wie die Sieben-Tage-Inzidenz von 50, von der an einschränkende Maßnahmen angeordnet werden müssen, "dem dynamischen Testgeschehen nicht gerecht" werde. Dennoch sehe er ein, dass es vom 50er-Wert an schwierig werde, Infektionsketten nachzuvollziehen. Man sehe sich in einem Dilemma: Man wolle nicht künstliche Infektionszahlen generieren, aber man könne die gefundenen auch nicht ignorieren. "In diesem Spannungsverhältnis bewegen wir uns", sagte er und fügte an: "Meine Position ist: die 50 ernst nehmen!"

Das Corona-Geschehen im Landkreis war laut Landrat zuletzt "diffus", es gebe keinen Party-Hotspot. Seit 1. September wurden allein am Testzentrum im Fürstenfeldbrucker Gewerbegebiet Hasenheide mehr als 10 500 Menschen auf das Coronavirus untersucht, die Zahl der positiv Getesteten liegt laut Karmasin bei 1,5 Prozent: "Das geht nicht steil nach oben." Der Landrat lobte sein Gesundheitsamt, das das "sehr besonnen" mache und den "Grundsatz der Verhältnismäßigkeit" beachte.

In der Pandemie sei es jedoch das falsche Signal, wenn jeder Landkreis lokal reagieren und unterschiedliche Regelungen befolgen würde. Es sei ohnehin alles "schon schwer vermittelbar für die Menschen". Der Landkreis Fürstenfeldbruck habe auch deshalb hohe Werte, weil "wir deutlich mehr testen als andere Landkreise", betonte Karmasin. Maskenpflicht an den Schulen mute man den jungen Leuten zu, und ganz furchtbar sei das auch wieder nicht. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die Leute das Maskentragen "ganz ruhig machen, vielleicht ein bisschen genervt". Dies sei "hinnehmbar im Verhältnis zu dem, was auf dem Spiel steht". Die Kreisräte spendeten spontan Applaus.

Die als kritisch geltende Sieben-Tage-Inzidenz von 50 wird im Landkreis schon seit vergangenen Donnerstag überschritten und stieg am Montag auf den Höchstwert von 68,18, wie das Landratsamt auf seiner Homepage mitteilt. Die Werte, die Robert-Koch-Institut (RKI) und Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) melden, sind in der Regel zeitverzögert, weshalb auch Einschränkungen erst zeitverzögert zu den vom Landratsamt bekannt gegebenen Werten verordnet werden. Am Dienstag lag der Inzidenzwert bei 65,45. Neu infiziert im Vergleich zum Vortag hatten sich insgesamt 18 Personen. Eine Schulklasse der Realschule Unterpfaffenhofen sowie Mitschüler eines klassenübergreifenden Unterrichts erhielten Quarantäneauflagen, nachdem ein Schüler positiv getestet worden war. In der Kreisklinik wurden am Dienstag vier Personen wegen Corona behandelt.

Ist der Landkreis denn nun ein Corona-Risikogebiet? Und folgt daraus, dass für Landkreisbürger auch andernorts ein Beherbergungsverbot gilt? Darüber habe man keine Informationen, sagt Sprecherin Roellecke. Das bayerische Gesundheitsministerium listet auf seiner Internetseite zehn Risikogebiete in Deutschland auf, darunter die Städte Berlin, Bremen und Frankfurt oder die Landkreise Cloppenburg und Wesermarsch. Sie überschreiten den Sieben-Tage-Inzidenzwert von 50 zum Teil deutlich.

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SZ vom 14.10.2020
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