Süddeutsche Zeitung

Bundeswehr:Albe statt Uniform

Militärdekan Andreas Vogelmeier hätte die Seelsorge im Fliegerhorst gern fortgesetzt. Doch nach Ablauf der zwölfjährigen Bundeswehr-Dienstzeit beruft ihn der Kardinal ab. Nun übernimmt er eine zivile Pfarrgemeinde

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Die Arbeit als Militärseelsorger "war genau meins", sagt Andreas Vogelmeier. Aber auch der neuen Aufgabe in der Stadtkirche Geretsried blicke er mit Vorfreude entgegen. Das sagt der 49-jährige Militärdekan am Donnerstag - einen Tag nach dem Abschiedsgottesdienst in der Klosterkirche und zwei Tage vor der noch anstehenden Verabschiedung im "zivilen" Pfarrverband Fürstenfeld. Es ist eine Trennung gegen den erklärten eigenen Willen. Auch deshalb blickt Vogelmeier durchaus wehmütig auf seine Zeit im Fliegerhorst zurück.

Denn erst im Sommer des vergangenen Jahres hatte der gebürtige Dachauer seinen Dienst angetreten. Schon damals war freilich absehbar, dass dieser im November 2020 wohl zu Ende gehen wird - nach insgesamt zwölf Jahren in Diensten der Bundeswehr. Gleichwohl hatte der Geistliche schon bei seinem Dienstantritt bei der Luftwaffe durchblicken lassen, dass er sich eine Verlängerung, wie sie in Ausnahmefällen möglich ist, gut vorstellen könnte. Insgesamt fünf Jahre wären schon schön gewesen. Dazu aber kam es nicht: Kardinal Reinhard Marx berief ihn planmäßig ab, die Personalnot in der katholischen Kirche dürfte den Ausschlag gegeben haben. Vogelmeier wird also in Kürze von Fürstenfeldbruck nach Geretsried umziehen. "Ich gehe schweren Herzens, aber freue mich trotzdem auf die neuen Aufgaben." Er lässt viele Freunde und Kollegen zurück, aber von Geretsried nach Fürstenfeldbruck ist es ja nicht so weit, wie Birgitta Klemenz, Dritte Bürgermeisterin von Fürstenfeldbruck sowie Mitarbeiterin im Pfarrbüro, sagt. Er hinterlässt eine vakante Stelle. Wer sie wann besetzen wird, ist Brigadegeneral Stefan Scheibl zufolge noch offen. Zwischen den Zeilen klingt die klare Botschaft durch: Militärseelsorge ist kein Nice to have, sie ist wichtig.

Im feierlichen Rahmen der Klosterkirche wird Vogelmeier vor den coronabedingt nur gut 50 geladenen Gästen viel Lob zuteil. Hausherr ist dort Stadtpfarrer Otto Gäng, der bedauert, dass man "einen ganz tollen Mitbruder" verliere. Ähnlich sieht das Artur Wagner, der katholische leitende Militärdekan für Baden-Württemberg und Bayern, der nun auf seinen für Bayern zuständigen Stellvertreter verzichten muss. In Vogelmeier setzt er, das wird klar, auch im zivilen Bereich große Hoffnungen, den anstehenden Wandel der katholischen Kirche mitzugestalten: "Das Gesicht der Kirche verändert sich radikal." Man müsse "näher an die Herzen der Menschen".

Vogelmeier hat bewiesen, dass er weiß, wie das funktioniert. Er sieht seine Rolle als Brückenbauer. Und weil nichts im Leben ein Zufall ist, wie er glaubt, passt es recht gut, dass der letzte Tag des Dienstes als Militärpfarrer auf den 30. November fällt. Das ist der Namenstag des heiligen Andreas - des "klassischen Brückenbauers". In seinen zwölf Jahren bei der Bundeswehr hat Vogelmeier Auslandseinsätze in Afghanistan, Kosovo und Irak absolviert. Es war eine psychisch und körperlich nicht leichte Aufgabe, aber auch eine Herzensangelegenheit für ihn. Es gab durchaus menschliche Enttäuschungen - und doch ist es die große Kameradschaft, die den Sohn eines Offiziers so beeindruckt hat. Da ist der Soldat, der sich von ihm taufen ließ und heute Pfarrgemeinderatsvorsitzender ist. Da sind die Freunde aus der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall oder die vom Lourdes-Unterstützungskommando.

In Fürstenfeldbruck verging die Zeit für den studierten Profimusiker und passionierten Motorradfahrer, der quasi als Spätberufener in die Dienste der Kirche eintrat, wie im Flug. Vor gut einem Jahr erst hatte er im Fliegerhorst die Nachfolge von Alfons Maria Hutter angetreten. Neben der vertrauensvollen Arbeit mit seinem Pfarrgemeinderat war für ihn vor allem die Diskussionen mit Offiziersanwärtern über ethische Fragen im Zuge des Werteunterrichts eine Bereicherung. Manchmal habe er den Eindruck gehabt, dass er selbst dabei am meisten über die Menschen gelernt habe.

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Quelle:
SZ vom 27.11.2020
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