Süddeutsche Zeitung

Besondere Ambitionen:Kaum Aussicht aufs Erfolgserlebnis

Die Vertreter von Freien Wählern, Die Linke und AfD haben wenig Chancen auf ein Bundestagsmandat

Von Jessica Schober, Karl-Wilhelm Götte und Christian Deussing

Bei der vergangenen Bundestagswahl landeten Freie Wähler, Linke und AfD im Starnberger Wahlkreis im einstelligen Prozentbereich. Auch heuer kämpfen die Direktkandidatin und Direktkandidaten um jede Stimme - auch wenn nicht alle an den Bundestagseinzug glauben.

Freie Wähler

Als Architekt baut er Häuser in Weßling und aller Welt, als Politiker bezeichnet er sich als Mensch mit "Revoluzzergeist": Dass Rasso Rebay von Ehrenwiesen nach vielen Jahren im Gemeinderat für die Freien Wähler für den Bundestag kandidiert, gleicht einem Spurwechsel für den Kommunalpolitiker. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt er in Weßling, doch auch in Berlin hat er eine Wohnung und sagt: "Einen Umzug könnte ich mir schon vorstellen." Wenngleich er selbst sich kaum Chancen auf das Direktmandat ausrechnet, so hofft er, zumindest 15 000 Stimmen einzusammeln.

Recycling, Pfandsysteme, alternative Energiequellen sind die Themen, die von Rebay hoch oben auf seine Agenda gesetzt hat. "Ich bin der, der zu Hause überall die Lichtschalter ausmacht", sagt er über sich selber. Er ärgert sich über die fehlende Förderung von Wind- und Solarenergie, schließlich genüge doch schon eine Stunde Sonneneinstrahlung auf den Planeten, um den Energiebedarf der Weltgemeinschaft für ein Jahr zu decken, rechnet er vor. Warum er dann nicht wie seine Schwester bei den Grünen gelandet ist? Rasso von Rebay, der in einer durch und durch politischen Familie aufgewachsen ist, bezieht sich auf seinen Vater Roland, der ebenfalls bei den Freien Wählern war.

Von einem anderen politischen Ziehvater will er sich inzwischen abgrenzen. Mit seiner Kandidatur für den Bundestag wollte er nämlich ursprünglich FW-Chef Hubert Aiwanger unterstützen, er nennt ihn einen "Macher, der Dinge anpackt". Doch als Aiwanger sich öffentlich als impfskeptisch positionierte, sah von Rebay sich gezwungen, sich von seinem Parteichef zu distanzieren, er überlegte gar, die Kandidatur zurückzugeben. Auf einigen seiner Wahlplakate ließ von Rebay ein zusätzliches Banner kleben mit dem Aufdruck: "Handeln Sie eigenverantwortlich, solidarisch und lassen Sie sich impfen." Als er auf dem Internetportal Abgeordnetenwatch von einem Bürger gefragt wurde, wie er zum Impfen stehe, antwortete er: "Ich denke, Herr Aiwanger hat die Situation verkannt."

Die Linke

Simone Ketterl ist in Cham in der Oberpfalz aufgewachsen. "Das linkeste, was man sich vorstellen konnte, war dort die SPD gewesen", sagt die 33-jährige Literaturwissenschaftlerin rückblickend. So war es für sie nur folgerichtig, dass sie mit 21 Jahren in die SPD eintrat. Zufrieden mit der Politik der SPD war sie schon lange nicht mehr. "Als optimistischer Mensch", sagt Ketterl, "habe ich darauf gewartet, dass das neue Führungsduo die Partei noch auf links dreht." Aber das hätten Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken nicht geschafft. So schloss sich Ketterl vor einem Jahr der Linken an und fungiert bereits als Kreissprecherin fürs Oberland.

Die Mutter zweier kleiner Kinder lebt mit ihrer Familie in Utting. Seit April arbeitet Ketterl als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bamberg und unterrichtet dort Neuere deutsche Literaturwissenschaften. Nach ihrem Studium in München und Leeds hat sie auch eine Journalistenausbildung absolviert. "Jetzt erlebe ich als Kandidatin Journalismus aus einer anderen Perspektive", sagt sie und dass sie aushalten müsse, was über sie in der Zeitung steht.

Ketterl engagiert sich vor allem für einen gerechten Mindestlohn, eine Grundsicherung von 1200 Euro, für Tariflöhne in der Pflege, auskömmliche Renten für alle und für bezahlbare Mieten. Auslandseinsätze der Bundeswehr würden, wie in Afghanistan gesehen, zu einem Desaster führen. "4,5 Milliarden Euro für Drohnen, Kampfjets und Co.", nennt Ketterl einen "Skandal". Das Geld wäre besser in viel mehr Sozialwohnungen, Kitaplätzen und in Schulbauten angelegt. Fest überzeugt ist sie, dass die Grünen mit ihrem "Green Deal" einen Irrweg beschreiten. Ketterl ist sich sicher: "Es gibt keinen grünen Kapitalismus." Sie weiß, dass die Linke im ländlichen Raum, aus dem ihr Wahlkreis vorrangig besteht, "noch viel Überzeugungsarbeit leisten muss". Das könne nur Schritt für Schritt gehen, aber die Resonanz an den Infoständen sei durchaus positiv. "Eine linke und sozial gerechte Regierung wäre für Deutschland gut", sagt Ketterl noch und hofft, dass das mit einem möglichen SPD-Kanzler Olaf Scholz zu machen ist. So richtig überzeugt, ist sie davon noch nicht.

AfD

Rainer Gross, Bundestagskandidat der AfD, will die Bürger an den Infoständen mit "Augenmaß und Vernunft" erreichen, wie er sagt. Der 61-jährige Rechtsanwalt aus Gauting ist Finanzexperte und bei der Bayerischen Landesbank für Stiftungen zuständig. Der Jurist sitzt bereits im Bezirkstag von Oberbayern und sieht sich als Konservativer, für den "Bürgerrechte, Freiheit und der Mittelstand" wichtig sind. Der AfD-Kandidat möchte sich für sozial gebundenen Wohnraum, speziell für Beschäftigte im Landkreis Starnberg, einsetzen. Bei Klimaschutz, Radwegebau und neuen Heizenergie-Techniken fordert Gross "Konsens" und nicht strikte Vorgaben oder Verbote. Denn "weniger Planwirtschaft und Bevormundung" setze Kräfte frei. Auf den Vorwurf, die Gesellschaft zu spalten, entgegnet der AfD-Direktkandidat Gross, dass nicht seine Partei, sondern die anderen spalteten und seine Partei ausgrenzten. Von sich selbst behauptet der verheiratete Vater von zwei Jungen, nicht zu polarisieren und sachorientiert zu denken. Jedenfalls gibt sich Gross in seinen Ansichten recht moderat. Der Gautinger entspannt sich in freien Minuten gern auf seinem Rennrad, beim Golfen oder Lesen - und bei Opernarien.

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Quelle:
SZ vom 22.09.2021
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