Süddeutsche Zeitung

Lesenswert:Das harte Leben

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Autor Fritz Stiegler schildert in seinem Roman "Heiner" den mühsamen Aufstieg eines Knechts zum Bauern - und verwebt geschickt die Zeitgeschichte mit der Biografie des Protagonisten.

Von Sabine Reithmaier

Heiner hat ein ehrgeiziges Ziel: Er möchte auf die Landwirtschaftsschule gehen und Entwicklungshelfer in Afrika werden. Dafür spart er eisern. Aber ein Knecht, auch wenn er tüchtig ist, verdient in den 1920er Jahren fast nichts. Und zu einem eigenen Hof reichen die Ersparnisse trotz aller Schufterei nicht. Da hilft nur einheiraten. Ohne Rücksicht auf Gefühle.

Es ist ein hartes Buch, das Fritz Stiegler geschrieben hat. Schonungslos schildert er die bäuerliche Lebenswelt dieser Zeit. Ackern, Säen, Mähen, Misten, Melken, Holz arbeiten - eine schier endlose Plackerei, die der Autor in einfacher Sprache, aber ungeheuer intensiv beschreibt. Wer als Knecht einen Bauern erwischt, der nicht schikaniert und den vereinbarten Lohn zahlt, hat Glück. Sonst muss er an Lichtmess die Stelle wechseln. Heiner tut das oft. Und jedes Mal verhärtet er ein Stück stärker.

Stiegler, geboren 1962 in Fürth, kennt die Arbeit, über die er schreibt, wenngleich es dank der Maschinen längst nicht mehr so strapaziös ist wie früher. Er lebt als "Haselnussbauer" im mittelfränkischen Gonnersdorf (Landkreis Fürth) und schreibt seit langem in seinen Mußestunden Mundartlyrik und Prosa. "Heiner" ist nicht sein erster Roman, bereits 2012 erschien "Valentina", ein Buch über eine ukrainische Zwangsarbeiterin. Zudem hat er bereits mehrere Musical-Libretti für die Cadolzburger Burgfestspiele geschrieben. Auch den "Heiner" hat er bereits in ein Musical verwandelt - das Stück ist noch den ganzen Juli auf der Burg zu erleben.

Die Figur des Heiner basiert auf einem authentischen Vorbild. Als Stieglers Nachbarhof umgebaut wurde, fand man auf dem Speicher ein Bündel Briefe. Die Nachbarin brachte sie Stiegler, einschließlich eines Arbeitsbuches, in dem Heiner die verschiedenen Stationen seines Knecht-Daseins dokumentiert hatte. Aus den Briefen erfuhr Stiegler, wie sein einstiger Nachbar versucht hatte, Bauer zu werden, in dem er an geeignete Kandidatinnen, ledige Bauerstöchter, schrieb und seine Fähigkeiten als Bauer und Ehemann anpries. Nach einigen Absagen hatte er Erfolg. In der Realität und auch im Roman. Dort heiratet er eine Tina, eine sehr gläubige, strenge Frau, deren Eltern ihn beim Kauf eines Anwesens unterstützen. Die Ehe bleibt kinderlos, das Paar lebt kalt nebeneinander her, verbunden nur durch die Arbeit am Hof.

Geschickt verwebt Stiegler auch die Zeitgeschichte mit Heiners Biografie. Das allmähliche Erstarken der Nazis bleibt auf dem Land nicht unbemerkt. Was Hitlers Fähigkeiten betrifft, so sind die Meinungen unterschiedlich, doch der Antisemitismus bricht offen aus. Am Abend des 19. Oktober 1938, also mehr als zwei Wochen vor dem eigentlichen November-Pogrom, verwüsten maskierte Nazis in Wilhermsdorf, einem Markt im Landkreis Fürth, die Synagoge und Wohnungen der noch verbliebenen Juden. Heiner, im Roman gerade bei einem Bauern in der Nähe in Dienst, sieht nur stumm zu, wie die Horde auch Kinder und Frauen verprügelt. "Er ließ gewähren, was er nicht aufhalten konnte - wie die meisten. Er schwieg und sah weg."

Wie sich der echte Heiner in der Nazi-Zeit verhalten hat, ist nicht bekannt. Doch sein Verhalten im Roman stehe, schreibt Stiegler im Nachwort, "für das Schweigen und Wegsehen der Menschen in einer von Not, Verbrechen und Propaganda geprägten Zeit".

Fritz Stiegler: Heiner, Volk Verlag München, 336 Seiten, 22 Euro

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