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Sozialwohnungen in Freising:Es kann Jahre dauern

Wer eine der öffentlich geförderten Wohnungen in Freising ergattern will, braucht Ausdauer und Glück. Neubauprojekte wie in Lerchenfeld werden kurz für etwas Entspannung sorgen, die Nachfrage aber wird weiter steigen.

Von Peter Becker, Freising

Etwas Glück und viel Geduld sind nötig, um in Freising in eine der Sozialwohnungen der Stadt einziehen zu können. Susanne Weber, Leiterin des Amts für Soziales, Wohnen und Obdachlosenhilfe, verdeutlichte in ihrem Wohnungsvergabebericht vor dem Finanz- und Verwaltungsausschuss, dass geplante Projekte wie das Mehrgenerationenhaus in Lerchenfeld für eine kurze Entspannung sorgen könnten. Die Nachfrage nach günstigen Wohnungen werde aber bestehen bleiben und weiterhin stark zunehmen. "Der Bedarf kann niemals gestillt werden", pflichtete ihr Sozialreferentin Charlotte Reitsam (Grüne) bei. Aufgabe der Stadt sei es, wieder mehr Wohnungen in ihre Obhut zu bekommen.

"Die Wartezeit auf eine Sozialwohnung kann mitunter mehrere Jahre betragen", verdeutlichte Weber in ihrem Bericht. Sie schilderte dabei das Procedere. Demnach gebe es verschiedene Prioritätsstufen. Vorrang genießen in jedem Fall Geringstverdiener und Bewerberinnen, die im Frauenhaus wohnen. Wird eine Wohnung frei, dann sucht die Stadt Freising passende Bewerber aus. So dürfe etwa einem Single keine Dreizimmerwohnung mit 70 Quadratmetern angeboten werden, auch wenn er sich diese leisten könne.

Wer nicht jedes Jahr einen neuen Antrag stellt, fliegt von der Bewerberliste

Das Sozialamt suche nach dem Mehr-Augen-Prinzip die Bewerber mit der höchsten Dringlichkeit heraus, wobei unter Umständen die bereits absolvierte Wartezeit den Ausschlag geben kann. Diese dokumentieren die in den Vorjahren erteilten Wohnberechtigungsscheine der Stadt. Weshalb Weber darauf hinwies, dass es wichtig sei, jedes Jahr einen neuen Antrag zu stellen. Anschließend wird die Bewerberliste noch einmal gesichtet, daraus werden der Hausverwaltung fünf Vorschläge unterbreitet. Diese darf dann einen Nachfolger für eine frei gewordene Wohnung aussuchen. Reitsam lobte ausdrücklich das in ihren Augen objektivierende Mehr-Augen-Prinzip bei der Wohnungsvergabe.

Weber berichtigte in ihrem Vortrag den Irrglauben, es gebe eine "Warteliste". Dies impliziere, dass Bewerber nach und nach "automatisch nach oben rückten". Dem sei aber nicht so, sagte Weber, sondern die Vergabe erfolge nach Kriterien, die stark wandelbar seien. "Kein Bewerber steht somit auf einem festen Listenplatz", betonte sie. Ein Wohnberechtigungsschein der Stadt ist immer nur für ein Jahr gültig. Versäumt es jemand, einen neuen Antrag zu stellen, fällt er aus der Prioritätenliste. Ob man Bewerbern nicht eine "grobe Auskunft" geben könne, wollte Reinhard Fiedler (FSM) wissen. Weber verneinte dies. "Nicht aufgeben, lautet die Devise!", sagte sie.

Viele verlassen sich ganz auf die Stadt, zum Teil könnten sie Wohnungen auf dem freien Markt finden

Probleme gebe es auch mit dem Anspruchsdenken der Bewerber. So wünschten sich teilweise bereits junge Menschen, die an keinerlei körperlichen Gebrechen leiden, eine Wohnung mit Lift und lehnten andere Angebote ab. Viele Bewerber verlassen sich laut Weber bei der Wohnungssuche voll und ganz auf die Stadt Freising. Sie stellten jede Eigeninitiative ein, obwohl etwas besser gestellte Einkommensgruppen durchaus Wohnungen auf dem freien Mietmarkt finden könnten. Bewerber hätten oft unrealistische Vorstellungen davon, was sie an Miete zu zahlen bereit seien, sagte Weber und nannte ein Beispiel. So wünsche sich jemand eine Vierzimmerwohnung, wolle aber nur 500 Euro zahlen, obwohl er sich eine Miete von 700 Euro leisten könne.

Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher (FSM) verwies auf die laufenden Sanierungen der Sozialwohnungen der Stadt. Obwohl die Stadt über vergleichsweise viele Angebote verfüge, reiche dieses im Ballungsraum München nicht aus. Bewährt hat sich laut Weber die Beratungsstelle, welche die Stadt vor einem Jahr eingerichtet hat. "Sie ist Gold wert", beantwortete sie eine Nachfrage von Peter Warlimont (SPD). Es sei gelungen, viele Fälle zu klären, die sonst in einer Notunterkunft hätten untergebracht werden müssen. Guido Hoyer (Linke) und Birgit Mooser-Niefanger (FSM) wünschen sich eine Rechts- und eine Schuldenberatung seitens der Stadt.

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SZ vom 20.01.2021/ilos
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