Süddeutsche Zeitung

Langjährige Stadträtin Rosemarie Eberhard im Interview:"Eine gute Zeit, mit heftigen Geschichten"

Nach fast zwei Jahrzehnten als Mitglied im Freisinger Stadtrat ist für Rosemarie Eberhard (Linke) jetzt Schluss. Im Gespräch mit der SZ erzählt sie, was sie gerne noch erreicht hätte und warum sie dennoch froh ist, jetzt mehr Zeit für andere Dinge zu haben.

Nach 18 Jahren im Freisinger Stadtrat ist Rosemarie Eberhard (Linke) aus dem Gremium ausgeschieden. Im Interview mit der Freisinger SZ spricht die 66-Jährige über ihren Idealismus, offen gebliebene Baustellen im Kulturbereich und erklärt, warum sie dennoch froh ist, sich nun anderen Dingen zu widmen.

SZ: Frau Eberhard, nach fast zwei Jahrzehnten im Stadtrat ist jetzt Schluss. Wie geht es Ihnen damit?

Rosemarie Eberhard: Tatsächlich kam mir Corona gerade ganz gelegen, weil das diesen Einschnitt etwas verwaschen hat. 18 Jahre Stadtrat: Da schiebt man Berge von Arbeit vor sich her. Mit jedem Ordner, den ich jetzt durchforstet habe, durch das Nicht-raus-gehen-Können, wurde der Berg kleiner. 15 der 18 Jahre war ich ganztags berufstätig. Ich habe die Stadtratsarbeit immer gern und mit Leidenschaft betrieben und möchte sie auch nicht missen. Aber ich bin auch wirklich irgendwie froh, dass es vorbei ist. Es war der richtige Zeitpunkt. Mir war nach dem Parteiwechsel klar, dass meine Zeit als Stadträtin wohl zu Ende gehen könnte.

2017 sind Sie von den Grünen zu den Linken gewechselt...

In so einer kleinen Gruppe und in meinem Alter hat man kaum Aussichten, dann noch einmal gewählt zu werden. Eigentlich hatte ich gar nicht mehr vor, zu kandidieren. Als ich bei den Grünen ausgestiegen bin, dachte ich: Ich friste jetzt mein Dasein, so wie damals Oliver Pflügler (FSM) oder dann Eckhardt Kaiser (Linke), die einfach nur noch ihre Stadtratsarbeit erledigten. Damit wäre ich zufrieden gewesen. Für mich kam wirklich nur die Linke in Frage, weil die Linken da sind, wo die Grünen mal waren, nämlich bei den ganzen Sozialkomponenten. Mein Feuer brennt heute noch dafür.

Was hat Ihnen genau gefehlt?

Ich bin jemand, der immer mit sehr viel Idealismus und Herzblut an die Sachen rangeht. Das habe ich sehr vermisst. Ich bin kein Mensch, der die Harmonie sucht. Mir ist klar, dass Politik ein hartes Geschäft ist. Jürgen Maguhn und ich waren in der vorhergehenden Legislaturperiode sechs Jahre lang Fraktionssprecher einer starken Gruppe und es war immer sehr lebhaft. Aber mit der neuen Fraktion gab es andere Themen. Es fiel mir schwer, meine politischen Schwerpunkte wiederzufinden. Die logische Konsequenz für mich war, Fraktion und Partei zu verlassen.

Wie haben Sie die letzte Stadtratssitzung erlebt?

Die war sehr gut, sehr bemüht, aber eigentlich total unpersönlich. Aber man kennt sich ja. Wenn alles normal gewesen wäre, hätte es sicher die ein oder andere Umarmung gegeben und: "Ach, schade Rosi, dass du nicht mehr da bist." Das ist mir alles irgendwo erspart geblieben. Ich war dann eigentlich ganz im Reinen mit der Situation.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Arbeit?

Highlights waren vor allem im kulturellen Bereich: vom Uferlos über das Afrikafest, über die Entwicklung der ganzen Lokalitäten wie zum Beispiel dem Lindenkeller, der Kneipenszene und dem Alten Gefängnis samt Förderverein - und das alles altersübergreifend. Auch die Jugendkultur lag mir sehr am Herzen, da habe ich gut mitgemischt und auch lange den Bereich Graffiti mitgestaltet. Da ist leider zur Zeit nicht viel Szene in Freising, aber die Akzeptanz ist jetzt da.

Bleiben offene Baustellen?

Ich dachte eigentlich, ich bringe noch in meiner Zeit zu Ende, was Maguhn und ich vor diversen Jahren angeschoben haben: nämlich die Schaffung einer Jugendherberge in Freising - hat nicht geklappt, vielleicht nimmt sich jemand anderes dessen an. Und das andere ist das Freisinger Kino, das lief auch nicht so, wie ich es gerne gehabt hätte. Jetzt sieht es ja so aus, als ob wir wenigstens ein bisschen Kino kriegen - Kino in den Schlüterhallen, so langsam glaube ich wieder daran.

Worauf fokussieren Sie sich denn nun stattdessen?

Ich bin schon seit ein paar Jahren im Vorstand des Weltladens, das möchte ich jetzt aktiver betreiben. Corona hemmt mich nur gerade zwangsläufig ein bisschen. Und seit einigen Jahren bin ich Mitglied bei der Arbeiterwohlfahrt. Die Sozialstation und alles, was dazugehört, liegt mir schon lange am Herzen. Ich habe von der AWO schon sehr viel Unterstützung bekommen. Da möchte ich mich einfach mehr engagieren.

Hilft das Umfeld, einen Schlussstrich zu ziehen?

Ich habe einen sehr gut funktionierenden Freundeskreis, in dem keiner politisch engagiert ist. Das ist ganz gut so. Ein Teil der Leute lebt auch hier. Wir haben unsere Stammtische zuletzt am Telefon abgehalten, wie man das so macht bei Corona. Eine meiner ganz engen Freundinnen wollte am 1. Mai ihren 60. Geburtstag feiern, das ging natürlich nicht. Ich stellte ihr das Päckchen an die Türe, habe geklingelt und bin gegangen. Einige Tage später durften wir uns dann wieder zu dritt treffen und haben am Abend auf meiner Terrasse einen Wein getrunken. Das war ja schon mal was...

Wie stehen Sie denn zum Corona-Management des Freistaats?

Ich war ausgesprochen positiv überrascht, wie unsere Regierung sich erst mal für den Menschen eingesetzt hat. Es brauchte diese pauschalen Maßnahmen. Die Lockerungen jetzt finde ich dagegen drei Wochen zu früh. Wir hätten diese Reproduktionszahl noch weiter senken können, danach hätte man sich regional orientieren können, mit entsprechenden Tests. Und ich fand ganz schlecht, dass man immer gesagt hat: Die Alten sterben, die Jungen übertragen. Die Anti-Corona-Demos mit den ganzen Hasstiraden und Verschwörungen finde ich total schrecklich.

Bringt die Krise auch positive Entwicklungen?

Positiv war die Entschleunigung, die hatte irgendwie was Gutes. Aber je länger dieses Drama dauert, desto mehr habe ich das Gefühl, dass die Leute wieder in ihren alten Sog reinkommen. Ich suche immer noch mehr Positives, aber ich tue mich da schwer, muss ich sagen.

Noch mal zum Anfang des Gesprächs: Was bleibt an Arbeit, das sie weiter beschäftigt?

Sitzungsunterlagen und Protokolle der letzten drei Jahre bei den Linken habe ich geordnet und ins Fraktionszimmer gebracht. Ich durchforste jetzt noch Stadtratsunterlagen und interne Korrespondenzen und Mails, die ich aufheben will. Die werden sicher noch weniger werden, weil ich nicht der Mensch bin, der alles ewig aufhebt. Und jetzt sitze ich in meinem Büro vor drei leeren Regalfächern. Es war eine gute Zeit, die 18 Jahre im Stadtrat, mit heftigen Geschichten. Und es ist gut, dass es jetzt zu Ende ist.

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Quelle:
SZ vom 18.05.2020/nta
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