Süddeutsche Zeitung

Inhabergeführte Geschäfte:Kramer in Attaching: Das Herz der Ortschaft

Den kleinen Laden in Attaching gibt es bereits seit 132 Jahren, die meisten Dorfbewohner wissen das Angebot zu schätzen. "Was wir nicht haben, braucht keiner", sagt Barbara Ziegltrum, die das Geschäft gemeinsam mit ihrem Mann Willi betreibt

Von Johann Kirchberger, Freising

Attaching ohne Kramer, das wäre ein Drama, sagt Monika Riesch. Die Stadträtin ist Stammkundin des kleinen Geschäfts an der Dorfstraße und heute schon zum dritten Mal da, wie sie erzählt. Eigentlich ist es ja so etwas wie ein Tante-Emma-Laden, den Barbara und Willi Ziegltrum betreiben, aber diese Bezeichnung wäre despektierlich. Denn das Geschäft ist schlichtweg der Kramer, seit 132 Jahren.

Sein Urgroßvater habe hier in einen Bauernhof eingeheiratet, zu dem auch ein kleiner Laden gehörte und seither versorgen die Ziegltrums die Attachinger mit allem, was die gemeinhin brauchen. "Was wir nicht haben, braucht keiner", sagt Barbara, "Schuhbandl vielleicht, die haben wir nicht", schränkt der Willi ein.

Es gibt alles, was ein Haushalt benötigt

Ansonsten ist der Kramer so etwas wie ein Vollsortimenter. Die Wurst lieferte früher die Metzgerei Zuhr - auch ein Attachinger - und inzwischen eben der Nachfolger, die Metzgerei Boneberger. Semmeln, Brot und Brezen kommen von der Bäckerei Schweller, den Rest liefert Edeka. "Ein sehr guter Partner, mit dem ich sehr zufrieden bin", sagt der Kramer Willi, wie er in ganz Attaching genannt wird. Geliefert wird alles, was ein Haushalt so benötig, Milchprodukte, Konserven, Waschmittel, Drogerieartikel, Süßigkeiten oder Tabakwaren.

Zweimal in der Woche wird der Kramerladen auch mit frischem Obst und Gemüse versorgt. Dazu gibt es Zeitungen, Zeitschriften, Glückwunsch- und Trauerkarten, Schreibutensilien, alkoholische und nichtalkoholische Getränke aller Art, "Geschenkkörbe und Brotzeitplatten machen wir auch", sagt Barbara Ziegltrum. Die Attachinger können hier Briefmarken kaufen und Pakete aufgeben oder abholen. Der Kramer ist auch eine Lotto-Annahmestelle mit einem ganz speziellen Stammtisch. "Da kommen seit Jahren jeden Freitag ein paar Leute, machen ihre Kreuzchen und bleiben dann auf eine halbe Bier."

"Bei uns werd gredt mit de Leit"

Manche Kunden trinken auch nur einen Kaffee, im Stehen, nicht im Laufen. Weil er Mehl der niederbayerischen Vilstalmühle im Sortiment habe, kämen gelegentlich sogar Bäuerinnen aus der Holledau zu ihm, erzählt der Kramer Willi, "die brauchen dieses spezielle Mehl zum Schmalznudelbacken". Und wenn es einem schlecht geht, wenn einer sein Herz ausschütten will, "dann kann er auch zu uns kommen", sagt seine Frau, ihr Laden sei schließlich auch so etwas wie eine soziale Anlaufstelle, das Herz der Ortschaft eben. Wer in der Anonymität leben will, der komme nicht in ihren Laden, "bei uns werd gredt mit de Leit". Daher sei es für sie auch immer wieder eine Freude, wenn kleine Kinder mit einem Zettel der Mama auftauchen, ein bisserl aufgeregt ihre Wünsche vorbringen und dann stolz mit dem Einkauf nach Hause gehen.

Die meisten Attachinger wissen ihren Kramer zu schätzen. Was anderswo mühsam mit der Gründung von Dorfläden versucht wird, gibt es in Attaching schon immer. Einige Kunden deckten hier ihren gesamten Wochenbedarf - "wir sind nicht teurer als andere Edeka-Geschäfte", sagt der Kramer Willi - andere besorgten eben nur Dinge, die sie mal schnell benötigen. "Reich werden tust hier nicht, aber wir sind zufrieden."

"Die Vereine halten uns die Stange"

Besonders gut laufe das Geschäft mit den Brotzeitholern. Vor dem Laden könnten nämlich auch Lastwagen oder Traktoren kurz abgestellt werden. "Rein in das Geschäft und nach fünf Minuten wieder raus", das wüssten sie zu schätzen. Gut laufe auch der angegliederte Getränkeabholmarkt. "Die Vereine halten uns die Stange", sagt Willi Ziegltrum, sie deckten bei ihm ihren Bedarf "und ich liefere auch aus". Auch Schulen und Kindergärten beliefere er. Geöffnet ist von 7 bis 18 Uhr, bei zwei Stunden Mittagspause. Fremdes Personal leiste man sich nicht, sagen die Ziegltrums, "wir sind ein reiner Familienbetrieb". Unterstützt werden die beiden lediglich von einer Tante. Mit EC-Karte kann man beim Kramer übrigens nicht bezahlen, aber man könne anschreiben lassen. Der gute Name, hier ist er noch etwas wert.

Vom Fach sind die Ziegltrums nicht. Er ist gelernter Maschinenschlosser und Elektroniker und ist 2003 in den Betrieb eingestiegen, als der Vater gestorben ist. Sie hat zuvor als Buchhalterin gearbeitet, "das kommt mir natürlich jetzt zugute", sagt Barbara Ziegltrum, denn sie sei die einzige Bürokraft und so ganz nebenbei auch noch die Putzkraft. Das Herz einer Ortschaft zu sein, das sei manchmal aber auch ganz schön anstrengend, sagt sie. Das werde immer wieder deutlich, wenn es um den Flughafen und die dritte Startbahn geht. Zeitungsjournalisten, Fernseh- und Radioreporter, alle kämen in den Laden und fragten nach der Stimmung im Ort. Die könnten sie hier gerne erfahren, denn die dritte Startbahn, das wäre "der Supergau für uns und für die Ortschaft. Aber die kimmt eh net", ist sie sich ganz sicher, "weil wir halten zamm".

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SZ vom 06.08.2019/psc
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