Süddeutsche Zeitung

Ehemaliger TU-Präsident Wolfgang Herrmann:"Eine erste Adresse in der Welt"

Wolfgang Herrmann war 24 Jahre lang Präsident der TU München. Er hat Weihenstephan zum international renommierten Wissenschaftsstandort gemacht.

24 Jahre lang stand Wolfgang Herrmann, 71, an der Spitze der TU München, so lange wie kein anderer Präsident einer deutschen Universität. Zum 1. Oktober hat er das Amt an seinen Nachfolger Thomas Hofmann übergeben. Gerade am Standort Weihenstephan hat sich in Herrmanns Amtszeit viel verändert. Die SZ Freising sprach mit ihm über die Reform und was er jetzt vorhat.

SZ: Sind Sie erleichtert oder auch ein bisschen wehmütig, dass Ihre Amtszeit als Präsident der TU München zu Ende gegangen ist?

Wolfgang Herrmann: Ganz erleichtert. Die Verabschiedung im vollbesetzten Audimax war überhaupt nicht wehmütig für mich, sondern im Gegenteil ein wunderbarer Rückblick auf eine Zeit, die vieles verändert hat an der TU München - und auch in der Vorausschau auf einen sehr guten Nachfolger. Ich bin echt glücklich.

Sie haben keine Probleme loszulassen?

Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich schon lange darauf. 24 Jahre sind eine sehr, sehr lange Zeit. Das bedeutet ja auch Durchhaltevermögen. Man darf bis zum Schluss nicht müde werden. Wir hatten jetzt zum dritten Mal eine Exzellenzinitiative zu bestehen, wir waren wieder souverän erfolgreich. Aber das musste erarbeitet werden, das habe ich als meine letzte große Aufgabe gesehen. Dass auch die geschultert ist, kann nur zufriedenstellen.

Was kommt jetzt? Gehen Sie Golf spielen oder angeln?

Jetzt überwiegt erst einmal der Genuss, Freiheit gewonnen zu haben. Aber es stehen schon die nächsten Aufgaben an, zum Beispiel die Adventsmatinée in der Philharmonie. Dann bin ich bei der TUM-Universitätsstiftung tätig und ich werde mich stärker in der TUM Asia in Singapur engagieren. Dort bin ich einer der beiden Direktoren. Ich bin als Präsident vergleichsweise sesshaft gewesen, weil ich die drei Standorte hier im Blick haben und mit den Leuten reden wollte. Jetzt werde ich wieder mehr reisen.

Gibt es etwas, was Sie für den Standort Freising noch gerne erreicht hätten?

Die Reform in Freising war meine erste Herausforderung, und die ist gelungen mit dem Campus für Landnutzung, Ernährung und Umwelt - den Jahrhundertherausforderungen. Es war titanisch schwierig und ich habe viele Feinde gehabt. Das hat mich die ersten 15 Jahre sehr stark beansprucht. Auch der Maschinenbau hätte eine grundlegende Reform nötig gehabt. Aber es gibt ja die Lebenserfahrung: Man soll nicht zu viele Kriegsschauplätze gleichzeitig haben, sonst geht man unter. Aber das Werk Weihenstephan habe ich vollenden können. Als Freisinger Bürger freut mich das besonders und auch als Wissenschaftler. Weihenstephan publiziert jetzt in Science und Nature, auch die beste biomedizinische Darmforschung der Republik wird hier in Freising gemacht, an der Schnittstelle zwischen Human- und Tiermedizin.

Wie steht Weihenstephan im internationalen Vergleich da?

Hervorragend. Das ist wirklich eine erste Adresse in der Welt, die Leistungsträger sieht man, die Studierenden spüren das, man ist gerne hier. Die Infrastruktur hat sich hervorragend entwickelt, beginnend mit der Bibliothek, die ich als erste Maßnahme aufgebaut habe. Wir haben ein mit der Welt vernetztes Fächerportfolio. Heute fragt keiner mehr: Weihenstephan, wo gehört denn das hin? Ich schreibe mir zugute, dass ich Weihenstephan als erster Präsident wirklich ernstgenommen und ins Herz geschlossen habe. Die Reform war strukturell die große Blaupause für die ganze Universität, auch bezüglich der Interdisziplinarität.

Gibt es etwas, was Sie nicht umsetzen konnten?

Da muss ich einen Moment nachdenken. Ja freilich: Das Kongresszentrum auf dem Campus. Und ein Zentralgebäude für die Universitätsverwaltung und für interdisziplinäre Pilotforschung. Geträumt habe ich immer von einem architektonisch gut gemachten Turmbau am Fuß des Weihenstephaner Bergs. Das bleibt für die Zukunft, in meiner Zeit wurden über 400 Millionen Euro in Weihenstephaner Neubauten investiert.

Widerstände haben Sie nie gescheut?

Nein, aber die Familie hat natürlich manchmal darunter gelitten. Meine jüngste Tochter hat, nicht einmal zehn Jahre alt, in der Schule gesagt gekriegt, dein Papa macht Weihenstephan kaputt. Da muss man durch, sonst sind Sie keine Führungskraft. Wenn die Universität so geblieben wäre wie damals Weihenstephan, wären wir bei der Exzellenzinitiative niemals dabei gewesen, ausgeschlossen. Am beständigsten ist der Wandel, nach diesem Prinzip habe ich gearbeitet. Dadurch ist mein Amt als Präsident sehr viel anstrengender geworden, als wenn ich überall freundlich gewesen wäre, aber nichts gemacht hätte. Die würden mich jetzt vielleicht auch ein bisschen loben, aber ich wäre nicht zufrieden damit.

Wo muss es für Weihenstephan weiter hingehen?

Die internationale Verschränkung muss weiter intensiviert werden. Aber das ist auf bestem Wege, weil wir in den letzten 15 Jahren so tolle Berufungen gemacht und zukunftsfähige Strukturen angelegt haben. Es sind viele junge Spitzenkräfte da.

Sind Sie auch mal falsch gelegen?

Natürlich. Wenn man Entwicklungen, die sich als prägend für die Wissenschaft und die Gesellschaft erweisen, nicht früh genug erkennt. Das Thema Smart Farming von Professor Auernhammer habe auch ich am Anfang nicht in seiner enormen Bedeutung gesehen. Als wir das erkannt haben, haben wir sofort reagiert. Das Thema Digitalisierung in der Landnutzung muss zu einem großen werden, aktuell sind wir dabei, einen exzellenten Mann zu berufen, einen Deutschen aus den USA. Ich hoffe, das klappt.

Was hat Sie bewogen, damals das Präsidentenamt zu übernehmen?

Ich wollte es eigentlich nie machen. Ich war Ende der Achtzigerjahre Dekan und im Senat der TU, jede Fakultät hat damals ihr Ding gemacht, es war kein Duktus in der Universitätsentwicklung zu erkennen.

Warum haben Sie es dann doch gemacht?

Ich habe erst abgesagt. Dann hat mich ein Ingenieurskollege angerufen und gesagt: "Sie haben so viel an der TU kritisiert, jetzt lassen Sie sich doch auch mal in die Pflicht nehmen". Das hat mich umgedreht. Vier Jahre wollte ich es machen, daraus sind 24 Jahre geworden.

Sie wären 2001 fast in die Politik gegangen. Bedauern Sie, dass es nicht geklappt hat?

Nein, wirklich nicht. Der liebe Gott schreibt auf krummen Zeilen immer wieder gerade - das ist von Augustinus, und recht hat er. Das hat damals geschmerzt, aber ich wäre nicht glücklich geworden. Ich bin froh, dass statt meiner mein Sohn in die Politik gegangen ist. Der kann besser zuhören und er fängt nicht so schnell Streit an. Ich glaube, ich hätte mich in diesem politischen Umfeld, das immer nach Kompromissen sucht, nicht wohl gefühlt. Ich bin auf meine Weise ja auch politisch tätig gewesen, aber meine Basis und das Feld, das ich bewegen konnte, war die Wissenschaft.

Sie sind Chemiker, haben Sie ihre Liebe zu den Naturwissenschaften schon in der Schule entdeckt?

Die habe ich durch die Tätigkeit meines Vaters als Lehrer entwickelt, wir sind im Schulhaus aufgewachsen. Da gab es einen Naturkunderaum, in dem habe ich mich immer rumgetrieben. Eigentlich bin ich im Klassenzimmer sozialisiert worden. Kindergarten gab es keinen, dann haben sie mich halt rüber geschickt in die Schulzimmer.

Und die Liebe zur Musik?

Mein Vater war ein hochmusikalischer Mensch, er war auch Organist. So kam ich dazu. Ich habe noch Waldhorn lernen müssen, weil wir im Kelheimer Musikverein ein zweites Waldhorn gebraucht haben.

Sie geben Konzerte, haben Sie je überlegt, eine musikalische Laufbahn einzuschlagen?

Ich habe mir gesagt, dafür langt es nicht. Ehrgeizig war ich schon. Obwohl - in den ersten Gymnasialklassen war ich sauschlecht. In Deutsch und Mathe habe ich Fünfer daher gebracht. Mein Vater hat gesagt, wenn du es nicht kannst, wirst du Pfannenflicker. Ich habe es dann irgendwo doch gerafft und ein 1,0-Abitur gemacht. Es lag an der Unbekümmertheit auf dem Dorf. Wenn du dich nur rumtreibst mit deinen Freunden in Wiesen und Feldern, dann fehlt die Zeit zum Lernen. Mein Deutsch war furchtbar, aber ich sprach einen wunderbaren mittelbairischen Dialekt.

Aber es war sicher eine schöne Kindheit.

Diese Kindheit war so schön, wie ich mir einst das Paradies nicht schöner vorstellen kann - wenn ich es überhaupt so weit bringe.

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Quelle:
SZ vom 21.10.2019/av
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