Süddeutsche Zeitung

Freimann:Plastikfische in Wassersäulen

Nach Sanierung und Wiedereröffnung Ende 2015 ist im Freizeittreff Freimann der Alltag eingekehrt - ein Ortsbesuch

Von Astrid Benölken, Freimann

"Hallo" ist ein Wort, das Michaela Mösl an diesem Freitag sehr oft sagt. Sie ruft es den drei Jugendlichen im Flur zu, die am Billardtisch die Kugeln klackern lassen, flüstert es halblaut in das dunkle Spielezimmer, in dem eine Gruppe Mädchen bei Handylicht gemeinsam auf dem Sofa sitzt und auf ihr dahingeworfenes "Hallo" in der Küche schallt ihr ein mehrstimmiger Begrüßungschor entgegen. Wer reinkommt, grüßt und wird gegrüßt, das gehört im Freizeittreff Freimann dazu. Am Anfang komme das vielen Besuchern etwas seltsam vor, sagt Leiterin Michaela Mösl. Doch auch den nach der Wiedereröffnung im November neu dazugekommenen Gästen sei die Begrüßung inzwischen ins Blut übergegangen.

Knapp zwei Monate ist die Eröffnung inzwischen her, es ist so etwas wie Alltag an der Burmesterstraße eingekehrt. Eineinhalb Jahre dauerte die Generalsanierung, die insgesamt etwa 3,4 Millionen Euro gekostet hat. Die Investition war dringend nötig: 30 Jahre nach der Ersteröffnung waren die Technik veraltert und die Energiestandards überholt, die Raumaufteilung entsprach längst nicht mehr den Bedürfnissen, das Inventar auch nicht. Mit der Sanierung ist aus dem alten Haus wieder ein Gebäude geworden, das zu seinem jungen Zielpublikum passt: Der Eingangsbereich ist nun heller, die Terrasse zur Straße hin betont den offenen Charakter der Einrichtung, eine Solaranlage auf dem Dach den Nachhaltigkeitsgedanken. Noch ist die Theke nicht gestrichen, im Keller warten volle Kartons und die Zeitschaltuhr für den Außenbereich spinnt. "Kinderkrankheiten," kommentiert Leiterin Michaela Mösl das und winkt ab. Nach dem stressigen Umzug ist ihr vor allem wichtig, dass sich Team und Besucher wieder einleben.

Im weiß gestrichenen Computerraum sticht der Geruch nach frischer Farbe in die Nase. Ein Schnittplatz soll hier noch entstehen, um Filmkurse anbieten zu können. Den Fortschritt auf der Baustelle haben die Jugendlichen bereits als Außenreporter mit einem Dokumentarfilmprojekt begleitet. Die Freizeittreff-Besucher sollten so gut wie möglich in den Umbau eingebunden werden. "Wir wollten präsent bleiben," sagt Leiterin Mösl. Während der Sanierung wohnt der Treff in einem beengten Container, also erweiterte das Team die Draußen-Angebote, lud zum Mitspielen auf freien Wiesen im Viertel ein. "Einige Gruppen haben wir dadurch verloren", sagt Mösl. Die meisten sind aber seit der Eröffnung wieder da. "Wir sind in den ersten zwei Wochen regelrecht überlaufen worden," sagt die Leiterin. Etwa 80 bis 100 Jugendliche kamen über den Tag verteilt, jeder wollte schauen, wie der neue "alte" Treff an der Burmesterstraße aussieht. Inzwischen ist wieder Normalität eingekehrt, 50 Besucher kommen im Schnitt pro Tag ins "Freizi", wie es die Jugendlichen nennen.

Michaela Mösl hält ihren Schlüsselbund vor die nächste Tür und dreht an einem Rädchen. "Das ist fantastisch: Chip statt Schlüssel", sagt sie. Es ist zwar nur ein Detail von vielen bei dieser Sanierung, doch es erspart dem Team einiges an Organisation, wenn Fremdnutzer die Räume buchen möchten. Und öffnet ein breites Feld: Künftig sollen einige Jugendgruppen auch außerhalb der Öffnungszeiten als sogenannte Selbstöffner Zugang zu eigens dafür eingerichteten Räumen haben.

Einen Schlüssel gibt es allerdings noch - für den neu eingebauten Aufzug, der das Haus barrierefrei macht. "Den Schlüssel brauchen wir, sonst würden unsere Jugendlichen den ganzen Tag nur hoch und runter fahren", sagt Mösl, lacht, und drückt auf den Knopf für das Untergeschoss. Im Keller wird deutlich, wie das Haus vor dem Umbau aussah: Roter Fliesenboden statt hellem Parkett, x-beinige Tische, in den Ecken Kartons mit altem Material. "Alle Jugendlichen sagen uns: Es war vorher nicht schlecht. Es ist heute nur einfach besser", erklärt Mösl.

Besser ist ihrer Meinung nach vor allem die Lärmsituation geworden. "Ich fand das Haus immer zu laut, das sorgt für Unruhe", sagt die Leiterin. Im Erdgeschoss sind die Räume nun nach aufsteigender Lautstärke sortiert: Vorne der neue Gruppenraum mit Sofas und Sitzsäcken zum Entspannen, am Ende des Flurs die Disco mit wandgroßem Spiegel und neuer Musikanlage. Auch die neu verdämmten Decken in jedem Raum schlucken einiges an Schall.

Neben Nützlichem wie Lärmschutzdecken haben Pädagogen und Jugendliche gemeinsam eine "Patenliste" geschrieben, eine Art Wunschzettel für Bälle, Sitzkissen oder Boxsäcke, die nicht vom Budget getragen worden wären und für die Paten gesucht wurden. "Insgesamt haben wir mit den Listen über 3000 Euro gesammelt" sagt Mösl. Ein Aquarium, das war unter den Jugendlichen Usus, sollte auf jeden Fall in das generalüberholte Haus. Aber die Pädagogen hatten ihre Zweifel: "Wenn man sich nicht richtig auskennt, ist das Tierquälerei", sagt Michaela Mösl. Stattdessen stehen jetzt zwei meterhohe Wassersäulen im Thekenraum, in denen Plastikfische zwischen aufsprudelnden Luftblasen tänzeln. Nach einer Stellprobe mit den roten Ziegelwänden sind es auch nicht die von den Jugendlichen heiß ersehnten pinken Möbel geworden, sondern zeitloses Inventar in weiß, grau und schwarz, das mit dem frischen Grün harmonisiert, das sich durch die Räume zieht. "Kompromisse gehören dazu - das Haus muss schließlich auch zukünftigen Generationen gefallen", betont Mösl.

In den kommenden Wochen gilt es erst einmal, den pädagogischen Unterbau für diese Zukunft zu setzen. Das Team wird die bisher gemachten Erfahrungen mit den Räumen abgleichen. "Jugendliche haben ihre ganz eigene Dynamik", sagt die Pädagogin. Dass im Spieleraum derzeit eher im Dunkeln Sitzen, Entspannen und Musikhören statt Spiele angesagt sind, sei egal, "die Jugendlichen sollen die Räume nach ihren Bedürfnissen nutzen, darum geht es schließlich". Das sanierte Haus schaffe aber auch eine Vielzahl an Angeboten für die Jugendlichen. Schon bei der Disko gerät Mösl ins Schwärmen: Vielleicht kann man bald mehr Tanzkurse anbieten? DJ-Übungen? Theatergruppen? "Es ist ein ganz neues Arbeiten", sagt Mösl und begrüßt den nächsten Gast durch die Glastür ihres Büros mit Kopfnicken und einem "Hallo".

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Quelle:
SZ vom 13.01.2016
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