Süddeutsche Zeitung

Feldmoching:Rechnen mit dem Risiko

Im Abschnitt des Würmkanals benennt das Wasserwirtschaftsamt aktuell Überschwemmungsgebiete. Aus Sorge um den Wert ihrer Grundstücke laufen einige Feldmochinger Eigentümer dagegen Sturm

Eigentlich ist es bisher nur ein banaler Schritt der Verwaltung, ein Akt auf Papier. Im Norden der Stadt aber hat das behördliche Vorgehen schon jetzt Unverständnis und Ärger ausgelöst. Vor dem Hintergrund der Hochwasserereignisse der vergangenen Jahre ermittelt das Wasserwirtschaftsamt (WWA) gemeinsam mit dem Referat für Gesundheit und Umwelt seit Längerem das Überflutungs-Risiko für Münchner Gewässer und weist dabei Flächen im Raum München als sogenannte Überschwemmungsgebiete aus. Vor Kurzem hat das Verfahren für den am nördlichen Stadtrand Münchens liegenden Abschnitt des Würmkanals begonnen. Einige Landwirte und Grundstückseigentümer in Feldmoching, denen Flurstücke in diesen Abschnitt gehören, laufen gegen die Entscheidung Sturm. Alarmiert sind außerdem die Bewohner der nahe dem Kanal gelegenen Schwarzhölzl-Siedlung. Sie alle sind aufgebracht, weil trotz der Ausweisung nach derzeitiger Rechtslage der Freistaat keine Maßnahmen zum Hochwasserschutz einleiten muss.

Bisher sind die Flächen als Schwemmungsgebiet nur "vorläufig gesichert", die endgültige Festsetzung muss innerhalb von fünf bis sieben Jahren erfolgen. Baumaßnahmen auf den Flächen sind darum jetzt schon untersagt oder eingeschränkt. Sauer sind die betroffenen Landwirte aber aus einem anderen Grund. Der Vorwurf: Die Behörden würden mit der Ausweisung ihre Grundstücke entwerten. Die Antwort des WWA lässt sich so zusammenfassen: Wir halten nur amtlich fest, was eh schon gilt. Die Ausweisung stelle keine "behördliche Planung", sondern die "Darstellung eines Zustandes" dar, heißt es seitens des WWA. "Das Gebiet, welches in den Karten als Überschwemmungsgebiet dargestellt wird, wird also bereits im Istzustand überflutet", schreibt das Amt auf Anfrage.

Laut dem Baudirektor des Wasserwirtschaftsamtes, Christian Leeb, setzt der Freistaat lediglich die EU-Richtlinie für "Hochwasserrisikomanagement" um. Abgeschlossen ist das zum Beispiel schon für Abschnitte der Würm im Landkreis Starnberg. In Feldmoching betrifft die Ausweisung mehrere Flurstücke nördlich des Kanals zwischen Karlsfeld und der Ruderregattastrecke, sie ziehen sich westlich des Kalterbachs bis nördlich in das Krenmoos hinein, und liegen zum Teil südlich der Wassersportstätte.

Die Behörde hat ausgerechnet, dass diese Areale um den Würmkanal bei einem Hochwasser überschwemmt wären, das statistisch nur alle 100 Jahre vorkommt. Bettina Mattes vom Referat für Gesundheit und Umwelt erklärt es so: Die Grundstücke könnten nächstes Jahr überflutet werden und nochmals in fünf Jahren, oder aber in 150 Jahren nicht.

Wie groß die Anspannung im Norden jetzt schon ist, war sehr deutlich Anfang August bei einem Ortstermin zu sehen. Erregte Feldmochinger und zuständige Beamte diskutierten am schattig-kühlen Würm-Ufer zum Teil heftig über die Auswirkungen der Ausweisung. Behördenleiter Leeb sagte, im Fall eines Hochwassers würden etwa zehn Kubikmeter Wasser pro Sekunde in den Kanal strömen, der Kanal habe aber nur eine Leistungsfähigkeit von 7,7 Kubikmetern. Immer wieder verwies er auf die für ihn eindeutige Rechtslage: Im Fall von landwirtschaftlichen Flächen sei der Freistaat nach Gesetzeslage nicht angehalten, bauliche Schutzvorkehrungen einzurichten - lediglich bei Siedlungsflächen müsse das Bundesland handeln. Der Kanal stehe außerdem unter Denkmal- und Naturschutz und könne darum nicht verändert werden. Aufgeregt sind die betroffenen Grundstückseigentümer, weil der Freistaat aus ihrer Sicht den Kanal jahrelang vernachlässigt hat.

Nahezu unter Beschuss genommen wurde deshalb auch der zuständige Münchner Flussmeister Michael Greiner. Denn, das ist der Konsens der Leute vor Ort, es mangele erheblich an der Pflege des Kanals und der seitlich ablaufenden Nebenfluter, deren Verstopfung drohe und darum eben erst die Überschwemmung bewirken würden. So tingelte der Tross des Ortstermins mehrere kräftig vollgewachsene Stellen der Würm ab.

"Beschämend" sei der Zustand des Kanals, sagte Landwirt und Bezirkspolitiker Martin Obersojer, "is' scho recht" erwiderte Greiner. Behördenleiter Leeb sagte: "Hier wurde regelmäßige Gewässerunterhaltung durchgeführt, auch in den vergangenen 40 Jahren." Flussmeister Greiner widersprach vehement dem Vorwurf der schlechten Pflege. Ein "totaler Krampf" sei der Vorwurf, seine Mitarbeiter und er würden abgeholztes Material nicht abtransportieren und entsorgen, sondern liegen lassen - das würde sehr wohl nach und nach geschehen. "Wisst ihr, was wir hier wegfahren?", sagte er zu seinen Kritikern. Sowohl Wasserwirtschaftsamt-Leiter Leeb als auch Bettina Mattes von der Stadt stellten dar, dass mehr Eingriffe auf die Nebenfluter nicht den von den Landwirten erhofften Effekt hätten. "Wenn wir die einebnen würden, würden die Überschwemmungen noch schlimmer sein", sagte Mattes.

Südlich des Würm-Kanals liegt die Schwarzhölzl-Siedlung. Das Wasserwirtschaftsamt hat ermittelt, dass der Kanal freilich auch etwas in diese Richtung übers Ufer treten würde, laut Karte wären aber auch hier keine bewohnten Gebiete betroffen, sondern nur Ackerflächen. Die Siedlungsbewohner bangen, ob im Fall der Fälle auch ihre Grundstücke volllaufen. WWA-Direktor Leeb sagte bei dem Treffen am Kanal dennoch: "Da fließt kein Wasser hin." Mattes: "Im 24. Stadtbezirk ist vom Überschwemmungsgebiet kein Haus betroffen." "Theoretisch", antwortete Siedlervereins-Vorstand Stefan Neudorfer, er war von diesen Antworten nicht überzeugt. "Das ist eine harte Grenze. Sie könnten es kontrolliert steuern, wenn sie wollen würden. Einfach nur herzugehen und ausweisen, finde ich sehr schwach." Leeb wiederholte, der gesetzliche Auftrag sei es, Siedlungen zu schützen. Heißt: "Landwirtschaftliche Flächen werden nicht geschützt."

Vollkommen ohne Versuche, eine Lösung zu finden, verblieb die Begehung aber auch nicht. Ein Lichtblick: Der ebenfalls teilnehmende Landtagsabgeordnete Joachim Unterländer (CSU) hat die Idee mitgenommen, nach der eine Landtagspetition vielleicht den Freistaat dazu bringen könnte, mögliche Maßnahmen zu finanzieren. Baudirektor Leeb stellte in Aussicht, dass das WWA bald in die Planung für die Würm-Abschnitte bei Karlsfeld und Dachau gehe. Im Landkreis sind Wohnhäuser betroffen, darum müsse das WWA Maßnahmen ergreifen - die sich womöglich auch auf die Feldmochinger Abschnitte auswirken. "In diesem Kontext kann man darüber nachdenken, ob man die Aufteilung des Wassers beim Allacher Wehr anders gestaltet, um auch hier die Situation zu verbessern", sagte Leeb.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4112326
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 01.09.2018
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.