Süddeutsche Zeitung

Oberding:Stattliche Figur, gute Zähne, 1600 Jahre alt

Archäologenteam entdeckt in Oberding das Grab eines römischen Soldaten. Sein Schwert verrät, dass er aus dem 5. Jahrhundert stammt

Einen außergewöhnlichen Fund haben Archäologen vor wenigen Tagen bei Grabungen in Oberding gemacht. Im Bereich der künftigen Schulsportanlage entdeckten sie ein Grab mit einem Krieger aus der Römerzeit samt 70 Zentimeter Schwert und einer Mantelbrosche. Aufgrund der Waffe kann der Mann dem 5. Jahrhundert nach Christus zugeordnet werden. Eine kleine Sensation und ein weiteres Indiz, dass sich in der Nähe eine römische Siedlung befand.

Oberding ist ein gutes Pflaster für Archäologen. Bei den obligatorischen Bodenuntersuchungen vor Bauprojekten findet sich fast immer etwas. Als das Team des Archäologischen Büros Anzenberger & Leicht auf dem Gelände der künftigen Sportanlage in Oberding losgelegt hatte, fiel den Mitarbeitern gleich eine lange rechteckige Grube ins Auge. Sie vermuteten ein Grab und begannen zuerst dort mit den Arbeiten. Sie wurden fündig.

In dem Grab liegt ein Mann, der zum Todeszeitpunkt um die 20 Jahre alt war

In einer Tiefe von 80 Zentimetern stießen sie auf eine "ungestörte Bestattung", wie es im Fachjargon heißt. Auf der rechten Schulter entdeckten die Mitarbeiter eine eiserne Fibel mit einer Spirale zu den Füßen. "Wahrscheinlich handelt es sich um eine Armbrustfibel", sagt Birgit Anzenberger, Geschäftsleiterin von Anzenberger & Leicht. Mit solchen Broschen wurde der Mantel auf der Schulter verschlossen. Im Bereich des Beckens lagen drei Eisenobjekte, die wohl von einem Gürtel stammen. Rechts neben dem Skelett lag schließlich ein Schwert, ein 70 Zentimeter langer Sax. "Das ist schon ein toller Fund", sagt Birgit Anzenberger. Anhand des Schwertes könne das Grab in die ausgehende Spätantike, dem zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts datiert werden. Wie das Büro in einem Begleittext zum Fund informiert, sind bisher diese Waffen nur aus frühesten merowingerzeitlichen Bestattungen bekannt, also ab 5. bis Mitte 8. Jahrhundert. "Saxe dieser Form, werden - ob zurecht oder nicht sei dahingestellt - dem reiternomadischen Milieu zugerechnet." Das Grab in Oberding zeige "eindrücklich, dass beide Zeithorizonte nahtlos ineinander übergehen". Zudem lasse sich damit die Vermutung untermauern, dass "hier irgendwo in diesem Bereich wohl eine römische Siedlung gewesen sein muss", so die Archäologin.

Nun laufen die Untersuchungen. Die Funde werden gereinigt und soweit möglich geröntgt, ein Anthropologenteam und das Amt für Denkmalpflege sind eingebunden. Was sich laut Birgit Anzenberger jetzt schon sagen lässt: Bei dem bestatteten römischen Krieger handelt sich um einen Mann, der zum Todeszeitpunkt etwa 20 Jahre alt war, mit stattlicher Statur und mit guten Zähnen. Er war sicher "etwas Besseres", stammte wohl aus der gehobenen Mittelschicht.

In Oberding ist man außergewöhnliche Entdeckungen gewohnt. Beim Bau des Seniorenzentrums wurden 2012 zum Beispiel Artefakte aus keltischer Zeit aus Glas, Buntmetall und Eisen im Boden entdeckt. Der bekannteste Fund ist sicher der Spangenbarrenhort, der 2014 in Oberding gefunden wurde. Die knapp 800 Spangenbarren aus Kupfer stammen aus der frühen Bronzezeit. Der Fund war 2018 sogar in der Ausstellung "Bewegte Zeiten" in Berlin zu sehen. Oberding hatte ihn der Stadt Erding als Schenkung überlassen, mit dem Zusatz, dass die Objekte für eine Ausstellung in den Ort zurückkehren. Wer will, kann den Spangenbarrenhort im Museum Erding betrachten, das ab Sonntag, 17. Mai, wieder geöffnet ist.

Auch wenn in Oberding zuweilen über die obligatorischen archäologischen Untersuchungen auf Baugrundstücken gemurrt wird, so ist die Gemeinde doch ein wenig stolz über den "Volltreffer", wie Bürgermeister Bernhard Mücke (CSU) den jüngsten Fund im Gemeinderat angekündigte. Sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind, kehrt der Krieger wieder in die Gemeinde Oberding zurück, in deren Besitz er sich befindet. Was mit dem Römer geschehen soll, ist noch nicht entschieden.

Außer dem Grab des Römers zeigten sich auf dem Grundstück der Oberdinger Schulsportanlage "mehrere Grubenkomplexe", in denen römische Keramik gefunden wurde. Aus einer weiteren Grube stammt eine Fibel aus Buntmetall. Große Sensationen im Erdreich vermutet Birgit Anzenberger erst einmal nicht mehr. "Die Archäologen präsentieren als erstes immer die tollsten Funde".

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SZ vom 15.05.2020
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