Süddeutsche Zeitung

Projekt Adlstraß:"Ein Stückerl Paradies"

Lesezeit: 3 min

Das Lavendelfeld bei Dorfen ist ein besonderer Hingucker. Doch hinter dem Hof steckt noch viel mehr als nur eine beliebte Foto-Location.

Von Marie Seifert, Dorfen

Die Straße schlängelt sich durch die blühenden Wiesen und Felder. Vereinzelt ziehen Höfe an einem vorbei. Hier, nur wenige Kilometer außerhalb von Dorfen, erstreckt sich soweit das Auge reicht nur Grün. Doch plötzlich: ein lila Fleck in der Landschaft. Ein Anblick, der einem mediterrane Stimmung einhaucht, an den letzten Urlaub in Südfrankreich erinnert und damit eben so gar nicht in das Bild der bayerischen Mais- und Getreidefelderlandschaft passt. Auf dem Lavendelfeld in Adlstraß, der bayerischen Provence, tummeln sich Bienen und Schmetterlinge. Die wohlriechenden Blüten ziehen allerdings nicht nur Tiere an, sondern sind auch ein Highlight für Fotoliebhaber, ob vor oder hinter der Kamera.

Anfang Juli blüht der Lavendel am schönsten, erklärt Matthias Tafelmeier. Mit dem violetten Gewächs wollte er eine andere Kultur auf die Felder bringen und das war vor gut einem Jahr auch noch einzigartig in ganz Bayern. Mittlerweile ist er sich nicht mehr so sicher, ob es nicht schon Nachahmer gibt. Der gelernte Landschaftsgärtnermeister hat den ursprünglich konventionell bewirtschafteten Hof 2015 von seinen Eltern übernommen und seitdem daran gearbeitet, ihn zu einem "Stückerl Paradies, das wir gemeinsam schaffen und erleben" umzugestalten. Anstelle eines Betriebs, der sich "hauptsächlich auf Ertrag und Konkurrenz auf dem Weltmarkt ausrichten" müsste, und das größtenteils auf Kosten der Umwelt, will Tafelmeier der Natur etwas zurückgeben. Vor zwei Jahren gründete sich aus dieser Motivation heraus der Verein "Interessengemeinschaft Adlstraß", der inzwischen schon 60 Mitglieder zählt.

Ein beliebtes Motiv auf Instagram

Besucher teilen ihre Erinnerungen an ein Picknick oder eine Yoga-Einheit im Meer aus Lavendel gerne auf Instagram. Jedoch lebt Adlstraß von einem achtsamen Umgang mit der Natur und das wird auch von den Gästen erwartet. Wer das Feld für schöne Bilder betritt, darf das entweder tatkräftig mit einer Stunde Mithilfe bei der Pflege des Feldes oder finanziell durch eine Spende von 20 Euro ausgleichen. "Wir möchten die Menschen dafür sensibilisieren, was für ein Haufen Arbeit das ist", sagt Tafelmeier. Schließlich sei das meiste Schaffen auf dem Hof Handarbeit und da kann jede helfende Hand gebraucht werden. Auch die bayerische Familienministerin Ulrike Scharf ist begeistert. "Hier wird Nachhaltigkeit, Artenvielfalt und die Schonung der natürlichen Ressourcen gelebt", ließ sie kürzlich nach einem Besuch über eine Pressemitteilung ausrichten.

Mittlerweile ist der Großteil des Feldes abgeerntet. Ein bis zwei Wochen dauert es, bis Tafelmeier mit seiner eigens für die Lavendelernte optimierten, aus den 1960er Jahren stammenden Maschine und tatkräftiger Unterstützung das komplette Feld abgeleert hat. Die Blüten werden anschließend in einer Destille zu Lavendelöl verarbeitet. Doch hat Adlstraß noch viel mehr zu bieten als das kleine Stück Provence. Der 45 Hektar große Hof besteht zu knapp einem Drittel aus Wald. Dort werden vor allem Baumarten angesiedelt, die für die wechselnden klimatischen Bedingungen geeignet sind. Ein weiterer großer Bestandteil ist der Aronia-Anbau. Die schwarze Apfelbeere wird Mitte August geerntet und zu Saft verarbeitet, der unter anderem verspricht, das Immunsystem zu stärken, die Blutbildung zu unterstützen und die Darmtätigkeit positiv zu fördern. Auch Hanfpflanzen sind auf dem Hof zu finden. Das daraus hergestellte Hanfsamenöl kann sowohl für Salate, als auch für Smoothies, Aufstriche und vieles mehr verwendet werden und gilt als das "Beste aller Speiseöle", so heißt es auf der Adlstraß Website. Dort, sowie im Vereinsladen, können alle Erzeugnisse erworben werden.

Doch soll der Vertrieb der gewonnenen Produkte auf keinem Fall im Vordergrund stehen. "Es ist ein Spagat zwischen dem Wirtschaftlichem und dem Gemeinwohl", so erklärt es Tafelmeier. Doch sein größtes Anliegen: "Unser Ökosystem leidet!" Austrocknende Gewässer, brennende Wälder; der Klimawandel macht sich bemerkbar. Auch wenn es vor allem dem Lavendel besonders gut in einer warmen und trockenen Umgebung gefällt, hat die andauernde Hitze für viele andere Pflanzen verheerende Folgen. Der Landschaftsgärtnermeister betont, wie wichtig es sei, dass jeder einen kleinen Teil dazu beiträgt, der Natur etwas zurückzugeben. "Mit diesem einzigartigen Projekt in Adlstraß haben alle interessierten Menschen die Möglichkeit, vom Reden ins Handeln zu kommen", wird das Projekt Adlstraß auf der Website beschrieben. Jeder wird dazu eingeladen, auf dem Hof mitzuhelfen, beispielsweise bei der anstehenden Aronia-Ernte. Interessenten sollen dafür einfach Kontakt aufnehmen. "Wir sind für jede Unterstützung dankbar", so Tafelmeier "Ob tatkräftig, finanziell oder mit neuen Ideen".

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