Süddeutsche Zeitung

Tiere auf dem Fliegerhorst Erding:Wir bleiben da

Turmfalken, Rehe, Fledermäuse und Schmetterlinge erobern sich das Militärgelände. Für die Tiere hat sich wertvoller Lebensraum aufgetan, seit immer mehr Einheiten den Fliegerhorst verlassen. Auf die Bürger wartet ein Stück wertvolle Natur.

Von Tom Burggraf, Erding

Wenn Kasernenfeldwebel Rainer Lohmeier morgens den Fliegerhorst Erding betritt, fühlt er sich nur noch als Gast. Nicht mehr die Soldaten bestimmen das Bild, sondern Rehe. Sie wagen sich bis auf den Lt. Williams-Platz hinter der Schranke vor und gehen auch nur gemächlich zur Seite, wenn ein Soldat des Weges kommt, sagt Lohmeier. "Die Herren sind die Rehe, wir sind nur noch diejenigen, die das Gebiet mitnutzen." Die Stimmung auf dem Fliegerhorst hat sich drastisch verändert, seit immer mehr militärische Einheiten das Gelände verlassen haben.

Einen tiefen Einschnitt markiert der Tag, als der militärische Flugbetrieb eingestellt wurde. Seitdem ist es noch ruhiger geworden. Rehe, Bussarde und Hasen profitieren davon, sie fühlen sich wohl auf den weitläufigen Wiesen und finden Rückzugsorte in den Gehölzen. Bald folgt der nächste Einschnitt: Das Militär verlässt den Fliegerhorst Ende 2024 endgültig, dann entsteht hier ein neues Quartier.

Mehr als hundert Rehe gibt es mittlerweile auf dem Gelände, das sind doppelt so viele Rehe wie Soldaten. "Gejagt wurde in der Vergangenheit kaum, weshalb sich eine stolze Population Rehwild entwickeln konnte", sagt Martin Dawid. Er ist Förster beim Bundesforst und zuständig für die Waldflächen auf dem Fliegerhorst. Etwa dreimal im Jahr ist Dawid mit einer Handvoll weiterer Jäger auf dem Gebiet. Den Rest des Jahres könnten die Tiere machen, was sie wollen. Sie haben ihre Scheu vor den Menschen verloren, weil sie erkannt hätten, dass ihnen keine Gefahr droht, erklärt Dawid. Und das merkt man auch.

Parallel zur Alten Römerstraße verläuft auf dem Fliegerhorst eine Straße am Rollfeld vorbei. Sie wird Teil der geplanten Nordanbindung, aber heute gehört das Gelände noch den Tieren. Links ein junger Rehbock zehn Meter von der Straße entfernt. Er schaut auf, verweilt - und frisst weiter. Rechts ein Zaun, der die Straße zum Rollfeld abtrennt. Dahinter weitere Rehe. Ein kleiner Bock genießt die Sonne, andere Tiere laufen über die offene Fläche.

Auf dem gesamten Gelände ist über Jahrzehnte hinweg eine besondere Flora und Fauna entstanden. Kasernenfeldwebel Lohmeier weiß von einem Dachs, vielen Füchse, Hasen, Kaninchen und Mardern. In den alten Baumbeständen tummeln sich Vögel und Fledermäuse, es wurden Grün- und Buntspechte, zwei Schleiereulen und eine Waldohreule gesehen. Unter dem Blechdach einer Lagerhalle hat sich eine Mauerseglerkolonie eingenistet. Bedrohte Arten haben sich in die extensiv bewirtschafteten Wiesen rechts und links des Rollfelds zurückgezogen.

"Achtung Einsturzgefahr", liest man des Öfteren auf dem Flughafengelände

Rainer Lohmeier kennt den Fliegerhorst seit Jahrzehnten. Mit einer Unterbrechung arbeitet er hier seit 1990. Nachdem 2011 die Schließung des Standorts beschlossen wurde, "schreitet der Auszug Schritt für Schritt voran", wie er sagt. Eine Dienststelle nach der anderen werde geschlossen. Bis vor vier Jahren leiteten Ampeln den Verkehr auf dem Gelände. Inzwischen werden sie nicht mehr gebraucht, weil so wenig los ist. In der Kirche auf dem Fliegerhorst finden noch viermal im Jahr Gottesdienste statt.

Auf den Betonflächen vor den Lagerhallen liegen noch vereinzelt Flugzeugteile herum. Alte Tragflächen und Heckflossen sind zu sehen. Bis auf eine Halle seien aber schon alle leergeräumt, sagt der Pressesprecher der Bundeswehr in Bayern, Carsten Spiering. Manches wurde verschrottet, vieles an den neuen Standort in Manching umgezogen. Zwei in den Boden eingelassene Treibstofftanks sind leergepumpt und gereinigt. Die Truppenküche schließt Ende des Monats, das Offizierskasino nächsten Juni. Einige Fußwege auf dem Gelände sind schon mit Moos bedeckt. Zwischen Betonplatten drückt sich das Unkraut empor.

Der Fliegerhorst umfasst eine Fläche von 435 Hektar. Damit ist es Bayerns größte zusammenhängende Konversionsfläche. Die Stadt Erding will die 350 Hektar erwerben, die auf dem Stadtgebiet liegen. Die Tübinger Architekten Mathias Hähnig und Martin Gemmeke haben mit ihrem Entwurf den Planungswettbewerb gewonnen und zeigen auf, wie Wohnen, Gewerbe, Freizeit und Natur auf dem riesigen Fläche verteilt werden.

Der riesige und wertvolle Baumbestand soll dabei größtenteils stehen bleiben. Biotope sollen verbunden, Wiesen, Hecken und Gehölzstrukturen sich abwechseln. Wo jetzt schon Lagerhallen stehen und der Triebswerkbauer MTU seine Werkstätten hat, soll weiteres Gewerbe dazukommen. Im Süden soll Wohnraum für bis zu 3500 Menschen entstehen. Im Eingangsbereich entsteht der neue Bahnhof Erding, der Teil des Erdinger S-Bahn-Ringschlusses ist. Stabsgebäude, Kirche und Offiziersheim bleiben als Zeugen des Fliegerhorsts erhalten.

Manche der etwa vierhundert Gebäude auf dem Gelände sind noch ganz gut in Schuss. Andere verfallen, stehen schon länger leer. Keines ist denkmalgeschützt. Ende 2024 werden die Gebäude kalt, dunkel, trocken und verschlossen der Bima (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) übergeben. Aber nicht alle, einige werden auch abgerissen, zum Beispiel Gebäude 401. Das Unteroffiziersheim war ein Treffpunkt, auch für Lohmeier. Heute ist es von einem Bauzaun umstellt. Das Dach ist bemoost, aus der Dachrinne sprießt Unkraut, durch ein Loch im Dach wächst eine Birke. Die Türen sind von roten Balken versperrt: Achtung Einsturzgefahr.

Nicht alle einsturzgefährdeten Gebäuden werden dem Erdboden gleichgemacht. In der Halle 8 wurden früher Tornados instandgesetzt, jetzt haben sich Fledermäuse dort einquartiert. Weil Fledermäuse eine geschützte Art sind, darf die Halle nicht abgerissen werden. In drei Gebäuden sind Fledermäuse nachgewiesen worden, in zwei weiteren werden sie vermutet. Darunter Zwergfledermäuse, Große Abendsegler, aber möglicherweise auch noch seltenere Arten wie die Weißrand- oder Rauhautfledermaus.

Auch kleine Waldflächen sind sich selbst überlassen, im Nordwesten ist ein besonderes Biotop entstanden. "Das ist wie ein Dschungel", sagt Lohmeier. Es gibt fast kein Durchkommen, Büsche und Bäume versperren den Weg. Hinter ihnen versteckt sich eine sieben Meter tiefe Senke. Dort steht Wasser, umgefallene Bäume liegen übereinander. Seit Jahrzehnten wird der etwa 300 Meter lange und etwa 80 Meter breite Waldstreifen nicht bewirtschaftet. Gerade für totholzbewohnende Arten wie Spechte, Insekten oder Fledermäuse, sei dadurch ein wichtiger Lebensraum entstanden, sagt Förster Dawid.

Der Fliegerhorst sei zu einem "sehr wertvollen Lebensraum" geworden, meint Alexander

Bei einer Kartierung wurden auf dem gesamten Fliegerhorst 4328 Bäume gezählt, darunter 97 besonders schützenswerte Habitat Bäume, die von Vögeln oder anderen Tieren bewohnt werden. Ansonsten dominiert mittelaltes Laubholz den Bestand. Vereinzelt gibt es alte Eichen, Buchen, Ahorn oder Schwarzpappeln.

1935 wurde der Militärflughafen von der Wehrmacht gebaut, 1936 eingeweiht. Nach dem Krieg übernahmen die Amerikaner das Gelände und starteten unter anderem von Erding aus mit Rosinenbombern für die Luftbrücke nach Berlin. Seit 1956 ist die Bundeswehr auf dem Gelände. Sie nutzte es unter anderem als Logistikzentrum und für die Instandhaltung von Flugzeugen, auch ein Schienennetz gibt es, das heute mit Gras überwuchert ist.

Der letzte Tornado hob am 16. September 2014 von Erding ab. Heute jagen vor allem Bussarde, Falken oder Reiher über die Landebahn. Sie haben sich ausgebreitet, nachdem der aktive Flugverkehr eingestellt worden ist, sagt Sascha Alexander vom Bund Naturschutz. Er sieht einen besonderen ökologischen Wert in den Magerwiesen um die Start- und Landebahn. Bei Kartierungen habe er dort gefährdete Wiesenbrüter entdeckt, auch ein Brutpaar des Großen Brachvogels. Die Art ist in Bayern vom Aussterben bedroht.

Der Vogel lasse sich nur ein paar Mal stören, "dann ist er weg", sagt Alexander. Er zählt auf, welche Vögel er noch gesehen hat: Feldlerchen, Wiesenschafstelzen, Wachteln, Grauspechte, Pirole oder Rebhühner. Auch letztere sind bedroht. Durch die extensive Bewirtschaftung sei der Fliegerhorst zu einem "sehr wertvollen Lebensraum" geworden. Das Gelände wird weder gemulcht noch gedüngt und nur ein bis zwei Mal pro Jahr gemäht.

Auch die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt hat das Geländer kartiert und eine große Insektenvielfalt auf den Wiesen registriert. Es gebe viele Schmetterlingsarten, darunter Bläulinge, Distelfalter, Zwerg-Bläulinge, Himmelblaue Bläulinge oder Kleine Wiesenvögelchen. Auch seltene Heuschrecken-, Laufkäfer- und Ameisenarten seien in Einzelfällen nachgewiesen.

Dieser Typ Wiesenlandschaft sei im Landkreis Erding in der Größe und Qualität einmalig, erklärt Alexander. Magerwiesen seien deutschlandweit rückläufig. Ihm sei es wichtig, sagt er, die Flächen zu erhalten oder gar weiterzuentwickeln. Auch die Stadt will das Gebiet um das Rollfeld als Landschaftsschutzgebiet erhalten. In der Artenvielfalt liege der große Wert, betont Alexander.

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SZ vom 18.09.2021/lfr
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