Süddeutsche Zeitung

Dorfen:Schrecksekunden am Andreaskreuz

Lebensgefährliche Situationen am Bahnübergang Wasentegernbach: Wiederholt rauscht der Zug durch, obwohl die Schranken offen sind

Von Thomas Daller, Dorfen

Der Bahnübergang in Wasentegernbach ist lebensgefährlich: Immer wieder kommt es vor, dass Züge bei offenen Schranken mit mehr als 100 Stundenkilometern durchrauschen. "Es ist ein Wunder, dass es noch keinen Toten gegeben hat", sagt Feuerwehrkommandant Franz Bauer. Erst im März dieses Jahres hat eine aufmerksame Passantin einer Autofahrerin möglicherweise das Leben gerettet, als sie mit Gesten einen herannahenden Zug warnte. Durchschnittlich einmal pro Monat, so ein Erfahrungswert der Wasentegernbacher, ist diese Gefahrensituation gegeben. Der Bahn hingegen sind nach eigenen Angaben nur einige wenige Einzelfälle bekannt. Nun soll die Sicherheit nachgebessert werden. Bis eine technische Lösung greift, wird es allerdings noch ein Jahr dauern.

Der Bahnübergang in Wasentegernbach zählt zu den wenigen, an denen die Schranken noch von Hand von einem Schrankenwärter bedient werden. Die mechanische Technik stammt aus dem Jahr 1953. Drei Schrankenwärter wechseln sich dort im Schichtbetrieb ab; bundesweit gibt es nach Angaben der Bahn noch etwa 400 Schrankenwärter.

Am 15. März, einem Sonntagnachmittag, ging die Wasentegernbacherin Anni Weilnhammer im Ort spazieren, als sie die offenen Schranken und einen herannahenden Zug bemerkte. Als sie sah, wie sich ein Auto dem unübersichtlichen Bahnübergang näherte, gestikulierte sie so heftig, dass der Zugführer ein Warnsignal abgab. Die Autofahrerin reagierte und hielt vor dem Übergang an. Sekunden später rauschte der Zug durch. "Ich hab dann am Schrankenwärterhäuschen geklopft und gesagt, jetzt hast a solches Glück gehabt, dass nichts passiert ist", sagte Weilnhammer der SZ. "Aber der hat nicht aufgemacht, sondern telefoniert und dabei immer nur ,Scheiße, Scheiße' gesagt."

Der Schrankenwärter wird von der Bahn sofort vom Dienst suspendiert, aber das Problem mit den offenen Schranken bekommt sie damit trotzdem nicht in den Griff. Seit diesem Zwischenfall mit der Autofahrerin sei es fünf weitere Male dazu gekommen, dass die Bahnschranken offen gewesen seien, als der Zug durch Wasentegernbach fuhr. Die Lokführer waren vorher aber offenbar informiert worden: Sie bremsten stark ab und überquerten den Übergang im Schritttempo. "Wir hören das, wenn der Zug pfeift", sagte Weilnhammer: "Dann sind die Schranken wieder offen."

Den Wasentegernbachern reicht es, sie haben Angst um ihre Sicherheit. In einem offenen Brief an die Deutsche Bahn, der auch der SZ vorliegt, fordern sie die Verantwortlichen auf, unverzüglich für mehr Sicherheit am Bahnübergang zu sorgen. Sie fordern eine magnetgesteuerte Sicherheitsschleife, die bei offenen Schranken ein Widerlager an der Lok auslöst und den Zug automatisch zum Stehen bringt. Laut Auskunft eines DB-Notfallmanagers sollten diese Sicherheitsschleifen bereits 2014 an allen Bahnübergängen der Strecke München-Mühldorf eingebaut werden. Tatsächlich geschehen sei dies nur in Dorfen am Bahnübergang der B 15. "Besser und noch sinnvoller ist es", heißt es in dem Brief, "den Bahnübergang nach dem heutigen Stand der Technik auszubauen. Dadurch ist menschliches Versagen ausgeschlossen."

Doch einen Ausbau nach dem heutigen Stand der Technik wird es so schnell nicht geben. Die Bahn plant seit Jahrzehnten, diese Strecke zweigleisig auszubauen. Erst im Zuge dieses Ausbaus soll auch der Übergang in Wasentegernbach auf einen modernen Stand gebracht werden. Zumindest die magnetgesteuerte Sicherheitsschleife will die Bahn nun nachrüsten, was allerdings ein Jahr dauern wird, wie ein Sprecher der Bahn sagte: "Das können wir ab nächsten Sommer in Wasentegernbach anbieten." Die internen Mühlen der Bahn mahlen langsam, "wir können nicht mit einer Einzelfalllösung improvisieren".

Bis es so weit ist, will die Bahn ihr "Vieraugenprinzip" ausweiten. Bislang stehen der Fahrdienstleiter im nächstgelegenen Bahnhof, aus dessen Richtung der Zug kommt, und der Schrankenwärter in telefonischem Kontakt. Der Zug, etwa aus Dorfen kommend, darf dort erst losfahren, wenn der Bahnbedienstete in Wasentegernbach bestätigt, dass er die Schranken geschlossen hat. Künftig gilt das Sechsaugenprinzip. Das bedeutet, dass sich sowohl der Fahrdienstleiter in Dorfen als auch der Fahrdienstleiter im nächstgelegenen Bahnhof Schwindegg in einer Telefonkonferenz vom Schrankenwärter in Wasentegernbach bestätigen lassen, dass die Schranken geschlossen hat. "Wenn ein Fahrdienstleiter auch nur den Hauch eines Zweifels hat, kann er den Zug ad hoc zum Halten bringen", erläuterte der Bahnsprecher. "Wir nehmen den Vorfall sehr, sehr ernst. Es ist uns wichtig, dass sich die Menschen sicher fühlen. Da müssen wir ran."

Dass es am Bahnübergang Wasentegernbach Probleme gibt, ist bereits seit 1999 bekannt. Damals kam es beinahe zu einem schweren Unglück, als der zuckerkranke Bahnwärter ohnmächtig wurde, bevor er die Schranken senken konnte und ein Zug ungebremst über den Bahnübergang raste. Die Bahn reagierte mit einer Modifizierung des Vieraugenprinzips: Die Schranke in Wasentegernbach wurde nicht wie vorher geschlossen, bevor der Zug den Bahnhof Dorfen verließ, sondern bereits dann, wenn die Ankunft eines Zuges in Dorfen gemeldet wurde. Das führte lediglich dazu, dass sich die Wartezeiten an der Schranke von fünf auf zehn Minuten verdoppelten. Schon damals erklärte die Bahn, sie erwäge, alle Übergänge mit Sicherheitsanlagen auszurüsten. Für Wasentegernbach könne man aber "keinen Zeithorizont nennen".

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SZ vom 20.06.2015
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