Süddeutsche Zeitung

Protest aus Vaterstetten:Wie viel heile Welt braucht die katholische Kirche?

Der Autor Gregor Wolf hat angesichts des Eklats rund um den Jugendroman "Papierklavier" eine ganz klare Haltung.

Interview von Michaela Pelz

Selten gab es so viel Wirbel um die Vergabe des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises wie in diesem Jahr, hat doch der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz das Votum der Jury ignoriert und "Papierklavier" von Elisabeth Steinkellner und Anna Gusella nicht nur den Gewinn verweigert, sondern den bereits mit zahlreichen Auszeichnungen bedachten Titel komplett von der Empfehlungsliste gestrichen. Dagegen protestierten in einem offenen Brief 222 Menschen, die selbst Kinder- und Jugendbücher schreiben oder illustrieren. Einer von ihnen: Gregor Wolf. Hier erklärt der Vaterstettener seine Haltung in der Debatte und welche Werte ihm als Autor generell wichtig sind.

Herr Wolf, was steht so Schlimmes in "Papierklavier", dass es "nicht hinreichend den Kriterien des Preises entspricht"?

Gregor Wolf: Tja, das ist diese entscheidende Frage, die nie wirklich beantwortet wurde. Darum kann ich mich auch nur an dem orientieren, was in der Presse stand und für mich wie ein fadenscheiniger Vorwand klang, nämlich, es habe den Statuten nicht entsprochen.

Diese lauten: "Ausgezeichnet werden ... Bücher, die beispielhaft und altersgemäß ... christliche Lebenshaltungen verdeutlichen." Wie passt "Papierklavier" da hinein?

Das Buch ist ein Coming-of-Age-Roman, in dem es unter anderem um Feminismus, Alleinerziehung oder Transsexualität geht - Inhalte also, die vielleicht auf den ersten Blick als für die katholische Kirche "schwierig" wahrgenommen werden könnten. Gleichzeitig werden relevante Themen unserer Zeit aufgegriffen, etwa Body-Shaming. Und Elemente, die gerade für die Kirche wichtig sein sollten: Umgang mit dem Tod der Oma, Armut, Nächstenliebe.

Das klingt, als sei in dem Buch doch eine Menge "christliche Lebenshaltung" enthalten...

So sehe ich das auch. Was aber viel wichtiger ist: Die gewählte Fachjury, die ja mit den Statuten wohlvertraut ist, hat das Buch unter den genannten Aspekten für preiswürdig befunden, was aber die Bischofskonferenz nicht akzeptiert hat. Aufgrund dieses Vetos frage ich mich: Wie muss ein Buch aussehen, wie viel heile Welt muss drinstecken, damit der Titel einen Preis von der Kirche verdient? Meiner Meinung nach wackelt die Glaubhaftigkeit des Preises durch die getroffene Entscheidung. Das ist schade.

Zunächst hieß es ja, das Thema "Transgender" habe den Ausschlag gegeben, was die Bischofskonferenz aber verneint. Unabhängig davon die Frage an Sie: Gehört Sexualität in ein Buch für Jugendliche?

Ja! Unbedingt. Das ist ein zentrales Thema der Pubertät und spielt in diesem Lebensalter eine ganz entscheidende Rolle. Nicht nur in der Schule, sondern auch als Eltern sollte man spätestens dann mit seinen Kindern über dieses Thema in all seinen Facetten sprechen.

Literatur kann für Diversität sensibilisieren. Was ist mit anderen Werten? Welche Verantwortung tragen Autoren diesbezüglich?

Die Wertevermittlung ist für mich als Schreibender etwas sehr Grundsätzliches. Ein Buch funktioniert nur über Werte. Einmal auf der Metaebene, der Grundaussage, die über allem liegt. Aber auch auf der Handlungsebene: Die Motivation des Protagonisten, die bestimmt, was er tut, gründet sich auf das, woran er glaubt. Das müssen nicht immer "gute" Werte sein; es gibt zum Beispiel im Erwachsenenbuch (siehe "Simonini" aus Ecos "Der Friedhof in Prag") auch absolut unsympathische Helden. Wichtig ist, dass ihre Wertevorstellung und das daraus resultierende Handeln die Leser überzeugt.

Wird das dann am Reißbrett entworfen?

Als Autor kann ich mich gar nicht dagegen wehren, meine eigenen moralischen Vorstellungen, die auf meiner Prägung basieren, einfließen zu lassen. Allerdings wird man immer versuchen, andere Sichtweisen zu verstehen und darzustellen.

Gilt das generell in der Literatur?

Im Kinderbuch spielt es für mich eine besonders große Rolle, was man sagen will. Da darf auch mal plakativ vermittelt werden, wie wichtig Freundschaft, Toleranz, Offenheit und Pluralismus für andere Denkweisen sind. Beim Jugendbuch muss man schon ein wenig mehr differenzieren. Dennoch: In jeder Geschichte geht es um einen zu bewältigenden Konflikt, hinter dem natürlich auch Werte stehen.

Welche Autorenkollegen haben das Ihrer Meinung nach besonders gut umgesetzt?

Herausragend ist sicherlich Michael Ende, der in "Momo" aus heutiger Sicht fast prophetisch auf den Zeitraub durch materielle Güter eingeht. Oder nehmen Sie "Jim Knopf": Lukas mit seiner Weltoffenheit und seinem Grundoptimismus, diesem "Wir schaffen das schon!", ist ein total sympathischer Typ.

Das lässt sich auch über die Figuren in Ihrem Erstling "Die abenteuerliche Reise des Leopold Morsch" sagen. Auch dort ist die teils märchenhafte Handlung verwoben mit ganz handfesten Themen.

Oh ja, etwa Unterdrückung, Profitgier, den Umgang mit Ressourcen... Dem gegenübergestellt werden Toleranz, Freundschaft, Freundlichkeit, Nachhaltigkeit.

Themen, die Sie alle auch in dem Buch aufgreifen, an dem Sie aktuell arbeiten. Es erscheint nächstes Jahr.

Richtig. Im Mittelpunkt stehen ein Zauberlehrling, der ein Abenteuer bestehen muss und ein Mädchen, das gerne Ritter werden möchte, was wiederum nicht den geltenden Normen entspricht. Darum geht es hier neben Perspektivenpluralismus auch um die Gleichbehandlung der Geschlechter, also Fairness.

Jetzt sprechen wir die ganze Zeit über "Wertevermittlung". Was ist mit dem Recht auf reine Unterhaltung, Inhalte, die erlauben, sich beim Lesen einfach mal aus der Realität wegzuträumen?

Das sind zwei Punkte, die miteinander einhergehen, aber auch voneinander getrennt werden dürfen. Das Kinderbuch soll grundsätzlich unterhalten und fesseln. Ein Jugendbuch wie "Papierklavier" unterhält, selbst wenn es Probleme anschneidet, weil die Leser sich aktiv für das Thema entschieden haben. Wichtig ist immer, dass ich nicht mit der "Keule" vermittle und jedem die Freiheit lasse, es anzunehmen oder zu überlesen. Man darf auch mal ein Buch weglegen, wenn es einem nicht gefällt.

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Quelle:
SZ vom 12.06.2021
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