Süddeutsche Zeitung

Sanierung der Bahngleise:Grafinger Chaostage

Obwohl lange vorher angekündigt, trifft die Sanierung die Stadt vollkommen unvorbereitet. Auch sonst läuft einiges schief

Morgens können die Grundschüler ihren Bahnübergang noch queren. Auf dem Heimweg ist er dann plötzlich gesperrt: Eltern sammeln ihre Kinder ein. Zweitklässler kommen in ihrem früheren Kindergarten unter. Grundschulhausmeister Georg Schlechte klappert mit dem Fahrrad die Schulwege an. Die Wochen nach den Osterferien bleiben als die Grafinger Chaostage in Erinnerung.

Aber von vorne: 13 000 Tonnen Schotter wollte die Bahn zwischen Grafing-Bahnhof und Ebersberg austauschen, über zehn Kilometer neue Gleise und 8800 neue Schwellen verlegen. Über sieben Wochen erstreckt sich die Baustelle, die Bahn richtet einen Schienenersatzverkehr ein, doch auch der steht erst einmal im Stau: Zwei von vier Grafinger Bahnübergängen bleiben die ganze Zeit gesperrt. Die zwei verbleibenden seien, je nach Baufortschritt, mal offen und mal geschlossen, heißt es. Was irgendwo auf dem Kommunikationsweg von Bahn zu Stadt verloren gegangen scheint: Es handelt sich um Komplettsperrungen. Grafing war dagegen davon ausgegangen, nur die Straßen seien gesperrt - nicht aber die Fußgängerwege. Eine empfehlbare Schulwegalternative gebe es nicht, muss Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) zähneknirschend feststellen. "Die Eltern werden gebeten, ihre Kinder in die Schule zu begleiten."

Erst als Landrat Robert Niedergesäß (CSU) Vertreter von Polizei, Bahn und Verwaltungen zur Krisensitzung einlädt, kommt Bewegung in die Angelegenheit. Gesperrt bleiben die Fußgängerüberwege nur dann, wenn dort auch wirklich gearbeitet wird. Obendrein werden die Bautrupps angewiesen, Fußgängern behilflich zu sein. Allseits gelobt man, sich bei künftigen Vorhaben besser abzustimmen.

Auch auf dem politischen Parkett hat die Sache ein Nachbeben. Für die Grafinger CSU endet sie unangenehm: Stadtrat und Kreisvorsitzender Thomas Huber kritisiert Bürgermeisterin Obermayr deutlich, sieht in ihrem Rathaus die Hauptverantwortlichkeit für das Chaos. Wenig später schließt sich die Grafinger CSU-Führungsriege inklusive Zweitem Bürgermeister Josef Rothmoser der Kritik des Kreisvorsitzenden an. Dann stellt sich heraus: Die Stadt Grafing war sehr wohl über die Komplettsperrungen informiert worden. Und zwar just in jener Woche, als Bürgermeisterin Obermayr im Urlaub weilte und Zweiter Bürgermeister Rothmoser im Rathaus regierte.

Drei Tage nach Beginn der Gleissanierung beginnt die nächste Posse: Ohne Grafing Bescheid zu geben - und obwohl die Hauptumleitung für die gesperrten Bahnübergänge - lässt das Straßenbauamt die Glonner Straße sanieren. Nun steht der komplette Grafinger Westen still. Zwar erwirkt die Bürgermeisterin einen sofortigen Baustopp. Doch da ist der heiße Teer schon ausgebracht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3805770
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.12.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.