Süddeutsche Zeitung

Public Viewing:Roter Himmel über Nettelkofen

Ein Dach über dem Kopf, ein Sitzplatz und nicht allzu weit bis zur nächsten Toilette - purer Luxus für Fußball-Fans. Beim Public Viewing in der Fuchshalle bejubeln mehr als 300 Anhänger den fünften Champions League Titel der Münchner

Grau präsentiert sich der Himmel über Oberbayern; wo er doch an diesem bedeutenden Tage kräftig weiß-blau strahlen müsste. Stattdessen: Kälte und Nässe. Auch in Nettelkofen. Doch anders als etwa auf der Theresienwiese in München haben die Bayern-Fans hier ein Dach über dem Kopf, eine Sitzgelegenheit und nicht allzu weit bis zur nächsten Toilette. Luxus pur also für die geneigten Anhänger, die sich in der Fuchshalle zum gemeinsamen Fußballvergnügen eingefunden haben, Public Viewing genannt.

Der Bayern-Fanclub "De Roudn Grafinga 08" hat das Event organisiert, samt Würstchen- und Getränkeverkauf. Und mehr als 300 Fans - vornehmlich in roten Klamotten - nehmen das Angebot dankend an. Darunter auch Severin Wieser: "Ich kenne den Fanclub, der das Event organisiert hat und treffe hier auch auf viele Bekannte. Außerdem ist es zurzeit so kalt, sodass es hier deutlich angenehmer ist, das Spiel zu verfolgen als in München." Der Straußdorfer, natürlich Bayern-Fan, ist vor Spielbeginn optimistisch: "Mein Tipp: 3:1 für die Bayern." Am Nebentisch sind unterdessen vier Kumpels eingetroffen, die ebenfalls alle auf einen Bayern-Sieg tippen: Zwischen einem klaren 4:0 und einem knappen 1:0 ist alles dabei. Alle vier - Josef Pollinger, Christian Thurnhuber, Otto Wieser und Günther Stadler - sind deshalb in die Fuchshalle gekommen, "weil hier viele Leute sind". Und tatsächlich füllt sich die Halle nach und nach, bereits drei Stunden vor Anpfiff beginnt das Programm, mit lauter Musik zum Mitgrölen und Video-Clips über Bayerns Weg ins Finale. Die Stimmung ist ruhig, von Anspannung ist kaum etwas zu merken. Erst mit Beginn der Final-Choreografie auf dem Rasen von Wembley steigt der Adrenalinspiegel. Der Auftritt von Bayern-Legende Paul Breitner im Ritterkostüm sorgt allerdings noch einmal für großes Gelächter.

Die ersten zwanzig Minuten gehören der Borussia und das wirkt sich auf die Stimmung aus: Es wird kaum ein Wort gesprochen, die Fangesänge verstummen allmählich. Als Bayern-Torwart Neuer eine Ecke sicher abfängt, brandet das erste Mal Applaus auf - ein Indiz dafür, wie groß die Anspannung ist. Im Laufe der Zeit macht sich unverständliches Gemurmel an vielen Tischen breit. In der 25. Minute dann die erste Großchance für die Bayern, die Fans wachen auf aus der Schockstarre und singen: "Auf geht's Bayern, schießt ein Tor." Endlich ein wenig Stadionatmosphäre.

Unbeeindruckt davon zeigen sich einige Kinder, die es nach einer halben Stunde nicht mehr auf den Sitzen hält. Doch die aufgedrehte Stimmung hält an: "Mei o mei", ruft einer nach einem verunglückten Freistoß von Schweinsteiger. Bis zum Halbzeitpfiff starren alle auf die Leinwand, auch die Bierverkäufer sind vollkommen fokussiert. Dann Halbzeit - durchatmen. In der Pause nimmt Discjockey Tom Barthuber seine Arbeit auf, während das Heute-Journal auf der Leinwand zu sehen ist, allerdings ohne Ton. Nachrichten sind heute nicht wichtig. Nach Wiederanpfiff finden sich alle wieder auf ihren Plätzen ein und setzen die Anfeuerungsrufe fort. Als die Spannung kaum mehr auszuhalten ist, erfolgt nach einer Stunde Spielzeit die zwischenzeitliche Erlösung: das 1:0 durch Mario Mandzukic, der Großteil der Zuschauer springt in die Höhe, es ertönen euphorische Kommentare sowie gut gemeinte Ratschläge: "Weiterspielen, weiterspielen jetzt!" Ein älterer Bayern-Fan meint nur: "Gott sei Dank." Nur acht Minuten später dann der Schock: Strafstoß! "Lächerlich", rufen einige - und Gündogan verwandelt eiskalt. Die Fuchshalle verstummt.

Als sich viele auf Verlängerung einstellen, kommt Arjen Robben in der 89. Minute an den Ball: Tor, 2:1 für die Bayern, es gibt kein Halten mehr, ekstatischer Jubel in der Halle. "Hier regiert der FCB" wird angestimmt, einige mahnen: "Es ist noch nicht vorbei." Nach drei Minuten Nachspielzeit ertönt der Schlusspfiff, in der Fuchshalle liegen sich alle in den Armen. Als Matchwinner Robben den Pokal in den Nachthimmel streckt, heben die in der Fuchshalle verbliebenen Bayern-Fans die Hände zu "We are the champions" in die Höhe, teilweise mit Tränen in den Augen. Plötzlich scheint der Himmel über Nettelkofen nicht mehr grau, sondern rot.

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Quelle:
SZ vom 27.05.2013
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