Süddeutsche Zeitung

Meta-Theater Moosach:Sagenhaft und schicksalsträchtig

Lesezeit: 3 min

Das "Hotel Kitairon" im Moosacher Meta-Theater dehnt in mitreißender Inszenierung die antike Sagenwelt ins Hier und Heute aus. Ein packendes Opus, geistreich inszeniert und glänzend gespielt.

Von Ulrich Pfaffenberger, Moosach

Die griechische Sagen- und Götterwelt ist ein riesiges Wimmelbild. Wer sich auch nur ansatzweise damit befasst, braucht über kurz oder lang einen Notizblock, um die Orientierung zu bewahren. Wer gar den Willen aufbringt, sich in die Lektüre der drei Bände von Gustav Schwabs "Die schönsten Sagen des klassischen Altertums" zu begeben, dem mögen Apollo und die Musen gewogen sein bei einer nie endenden Reise. Unterwegs wird einem dann der Gedanke begegnen, was wohl wäre, wenn diese fantastische Welt in unsere Zeit überdauert hätte - und, schwupps, ist man in Moosach angekommen, wo am Wochenende im Meta-Theater das "Hotel Kitairon" geöffnet hatte. Ein Stück geschrieben von Simon Werle, inszeniert von Hausherr Axel Tangerding, in szenischer Lesung aufgeführt von Wolfgang Hartmann, Jasmin Bleicher, Franziska Ball und Martin Pfisterer.

Das Meta-Theater wird zu einer ganzheitlichen Bühne auf allen Etagen

Mit "szenischer Lesung" ist allerdings nur theoretisch umschrieben, was im Theater, zu einer ganzheitlichen Bühne auf allen Etagen einschließlich Garten umgewandelt, passiert. In seiner Probenarbeit ist dem Ensemble nämlich genau das passiert, was immer geschieht, wenn man sich mit dieser antiken Welt einlässt: Es hat sich mitreißen lassen und zu spielen begonnen. So ist das Publikum, das auf dem eigentlichen Bühnenboden Platz genommen hat, einem irritierenden Anblick ausgesetzt: das Ehepaar Kostas und Levke Labdakidis, das Zimmermädchen Xenia und der Hotelier Dimitri Mavrotimou - sie alle agieren mit dem offenen Textbuch in der Hand. Das kennt man normalerweise von ersten Proben, nicht von Aufführungen. Schnell jedoch wandelt sich die Irritation in Vertrautheit: Die Schnellhefter, die auch mal zu Boden fallen oder Gesten verstärken, wandeln sich in dramaturgisch spannende Elemente, die mit Leuchtmarkern gekennzeichneten Passagen zu Orakeln, aus denen man in die Zukunft sehen kann: Wer wird gleich wieder zu Wort kommen?

Legt man einen noch höheren Symbolwert an, sind die papierenen Zeichen ein erster Hinweis auf die Botschaft des Stückes: Nicht nur die Rollenfiguren sind unausweichlich mit ihrem Schicksal verknüpft, auch jene, die sie spielen, haben nur die Worte, die ihnen gegeben wurden. Allenfalls in Mimik und Gestik können sie noch gewisse Freiheiten äußern. Das passt ausgezeichnet zur historischen Vorlage des Stücks, der Geschichte des in der Wildnis des Kitairon ausgesetzten Kindes Ödipus, der seinen Vater tötet, Theben von der Sphinx befreit, als junger Held dann die Königswitwe Iokaste heiratet, nicht ahnend, dass sie seine Mutter ist. Damit tritt genau jene Weissagung ein, weshalb einst das Kind ausgesetzt wurde. Als dann in Theben die Pest ausbricht, verkündet der blinde Seher Teiresias, dass der Mörder des Königs gefunden werden müsse, um der Plage Herr zu werden. Abweichend vom Original sind in Werles Fassung die beiden im Hotel Kitairon untergetaucht. Sie hadern mit ihrer Bürde und ihren Schwächen, kämpfen mit Selbstzweifeln, suchen, unabhängig voneinander, nach einem Ausweg, wobei sie sich gleichzeitig voneinander entfremden und doch näherkommen.

Das Publikum kann auf einem Monitor zusehen oder, buchstäblich, "mitgehen"

Wie gut, dass sich Ensemble und Regisseur dazu entschieden haben, dem Szenischen mehr Raum zu geben und der reinen Lesung überzuordnen. Das gibt nicht nur der Dramatik und Dynamik des Geschehens mehr Kraft. Die auf hohem Niveau artikulierte Bühnensprache des Quartetts hat eine solche Kraft, dass sie die Bewegung braucht - ansonsten wäre das Publikum zerschmettert. Bewegung heißt bei dieser Aufführung auch Wechsel der Räume. Die Einheit des Ortes steht auf dem Papier, aber nutzt die Vielfalt der vorhandenen Architektur, ein bestrickender Einfall der Regie: Mal geht es ins Obergeschoß, mal in den Keller, mal in den Garten - aber nie "hinaus" aus dem Geschehen. Das Publikum kann auf einem Monitor zusehen oder, buchstäblich, "mitgehen". Wobei es durchaus möglich ist, dass manche auch "mitgerissen" sind vom Sog der Ereignisse, während andere im Schutz des einmal eingenommenen Platzes verharren - man weiß ja nicht, was einen erwartet. Unbeabsichtigt schlüpfen die Frauen und Männer damit in die Rolle des antiken Chores, in den Stücken von damals mit der Aufgabe betraut, zusammenzufassen, zu analysieren, die "Moral von er Geschicht'" zu liefern. Dieser Chor hier bleibt stumm und liefert doch durch die Geräusche seiner Schritte, das Scharren der Stühle beim Aufstehen und Hinsetzen sowie durch ihre Mienen und Haltungen eine veritable Botschaft ab: Keiner kann sich den Fäden des Schicksals entziehen.

Ein Schicksal, das nicht zementiert in der Wirklichkeit steht, sondern - großartig, wie im (Schau-)Spiel die Charaktere sich wandeln, wie sie vorpreschen und wieder zögern, wie sie an kleinen Fragen verzweifeln und große Antworten lässig vorbringen - unablässig arbeitet, mahlt, zwickt, peinigt und drückt. Bis es auf einmal scheinbare Auswege öffnet, der einen wie dem anderen einen komfortablen Weg zu Flucht anbietet. Bis es, "deus ex machina", lange Gesuchtes auftauchen lässt: am Sternenhimmel, in der Mineraliensammlung oder im wundersam weisen Esel, der geheime Weg durch den Wald und übers Gebirge kennt, in ein "Jenseits" in der Distanz zur Vergangenheit der Individuen. Iokaste und Ödipus erhalten, unabhängig voneinander, die gleiche Empfehlung, sich des rettenden Esels zu bedienen. Nur der Chor erfährt, dass jener in Wirklichkeit nicht Wassilij heißt, sondern: Teiresias. Unentrinnbar, das Schicksal. Fortsetzung folgt.

Ein packendes Opus, geistreich inszeniert, glänzend gespielt. Meta-Theater in Vollendung.

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