Süddeutsche Zeitung

Mit Handy, Laptop und Co.:Hände vor die Linse!

Jan Prochazka, Klavierlehrer und Chorleiter an der Musikschule Vaterstetten, hält trotz Corona-Krise Kontakt mit seinen Schülern

Ganz schön praktisch, wenn man sich in Zeiten von Schulschließungen so gut mit Skype und Konsorten auskennt wie Musiklehrer Jan Prochazka. Der gebürtige Tscheche lebt seit 1995 in Bayern, wo er an den Hochschulen Nürnberg-Augsburg, Würzburg und München studiert hat. Als sein Chef Bernd Kölmel ihn und die rund 55 anderen Kolleginnen und Kollegen der Musikschule Vaterstetten darüber informiert, dass auch diese ihre Pforten schließen muss, weiß der Mittvierziger gleich, was zu tun ist: Per Mail setzt er sich mit den Eltern seiner rund 60 Akkordeon-, Keyboard- und Klavierschüler in Verbindung - oder gleich mit ihnen selbst, denn deren Altersspanne reicht von fünf bis 77 Jahren. Egal, ob sie sich im Gebiet Vaterstetten, Sauerlach oder Ampertal befinden, denn überall dort gibt Prochazka Unterricht, die Frage ist immer dieselbe: Könnte man auf Whatsapp oder Skype ausweichen?

Da bei allen die Resonanz positiv ist, geht es sofort los: Statt in den Räumlichkeiten der verschiedenen Schulen sitzen nun alle Beteiligten in ihrem jeweiligen Wohnzimmer. Prochazka in Vaterstetten hat seine Handykamera mit der Telefonhalterung aus dem Auto auf einem Notenständer befestigt, denn den "kann man wie ein Stativ sehr gut bewegen". In den Haushalten des Musik-Nachwuchses verhält es sich entweder genauso, oder das Mobilfunkgerät wird, falls es nicht mit Tesa oder Klammer irgendwo fixiert werden kann, von jemand anderem gehalten. Vorher hat der Lehrer allen noch eingeschärft: Unterrichtszeiten bleiben, Handyakku dafür unbedingt laden und, ganz wichtig: Während der Stunde kein Close-Up von Gesichtern, sondern die Hände zeigen! Beim Klavier- oder Keyboardunterricht muss der Blick seitlich sein, bei den Akkordeon-Schülern sollte man mit circa einem Meter Abstand von vorn alle Finger sehen können.

Die Ausgangssituation mag für manche der Lernenden ungewohnt sein - wo vorher nur zwei Personen waren, ist plötzlich eine mehr im Raum. Tatsächlich aber winkt nur ein Schüler seine Mutter ganz offensichtlich aus dem Raum, alle anderen nehmen die Elternpräsenz als Hilfe, nicht als Störung. "Achtzig Prozent passen sogar mehr auf als vorher", sagt der Vaterstettener und lacht. Der Lehrer selbst hat absolut kein Problem mit Zuschauern bei seiner Arbeit und erklärt: "Wenn ich dirigiere, passiert das auch nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit."

Für seine Singklassen hingegen hat sich der Chorleiter etwas ganz anderes einfallen lassen. Normalerweise besucht Prochazka wöchentlich jeweils eine Schulstunde lang alle dritten Klassen der Wendelsteinschule und macht die Mädchen und Buben mit einem breiten Spektrum von Stücken vertraut. Manche wählt er aus, den Rest dürfen sich die Kinder wünschen. Besonders hoch im Kurs: Das "Rote Pferd" und der "Pippi Langstrumpf"-Song. Auch die jeweiligen Lehrkräfte beteiligen sich meist eifrig und betrauern, wie ihre Zöglinge, stets das Ende der Stunde. Um auch sie weiter zu versorgen, hat der Chorleiter nun die Lieder der letzten zwei Proben am Klavier aufgenommen, alle Strophen eingesungen und samt Text über den Elternbeirat verschickt. Die ersten positiven Rückmeldungen seien bereits eingegangen, erzählt er. Wer nun Lust bekommen hat, selbst einmal aus voller Kehle zu singen, sollte einen Livestream am Mittwoch, 1. April, nicht verpassen. Von 11 Uhr bis 11.45 Uhr lädt Prochazka unter dem Motto "Singen macht Spaß!" alle Gesangstalente oder solche, die es werden wollen, ein, beliebte und fetzige Lieder zu singen. Zwei Tage später, am Freitag, 3. April, ist er von 18 bis 19 Uhr am Start, diesmal gemeinsam mit Bernd Kölmel: Zu zweit wollen sie allen Singbegeisterten traditionelle und moderne Lieder nahebringen.

Doch was sagt der Musiker zu technischen Hilfsmitteln wie Zoom, angeblich ideal für Videokonferenzen und Meetings mit zahlreichen Teilnehmenden? Wäre das nicht praktisch für die Chor- und Ensembleproben, die er normalerweise dreimal die Woche abhält? Prochazka winkt ab - er hat das mit Kollegen getestet und ist nicht wirklich zufrieden: "Der Auftakt kam mit einer halben bis einer Sekunde Verzögerung!" Ein möglicher Mehrwert könnte höchstens in der Aufrechterhaltung des gewohnten Probensettings und damit einer Stärkung der Moral bestehen. Allerdings werde diese Lösung ohnehin von manchen aus Datenschutzgründen abgelehnt.

Die Musik selbst ist für den Vater eines Trompete spielenden 12-Jährigen - geübt wird derzeit in der Garage - ein ganz wesentlicher Faktor, um die aktuelle Krisensituation zu bewältigen. "Auch meine Schüler vergessen beim Spielen oft die Welt um sich herum."

Wenn alles vorbei ist, plant Jan Prochazka, auch wieder seiner zweiten Leidenschaft nachzugehen, dem Reisen. Bestimmt führt ihn der Weg dabei zu Oma, Mama und Bruder in Brno/Brünn. Wenn er dann Skype anwirft, dann höchstens, um Schulleiter Bernd Kölmel einen Gruß zu senden. Immerhin beweisen dieser und alle anderen Kollegen aktuell, dass man dem Ziel, "die Musikschule zu einer großen Familie zu machen", bereits sehr nahe gekommen ist.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4859177
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.03.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.