Süddeutsche Zeitung

Betreuung in Ebersberg:Blind Date im Kindergarten

Um ihre Einrichtungen den Eltern trotz der Coronamaßnahmen vorstellen zu können, lassen sich die Betreiber von Kindertagesstätten im Kreis Ebersberg viel einfallen.

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

"Es ist ein Mist", fasst Julia M., die eigentlich anders heißt, die Situation zusammen. Die Mutter aus Vaterstetten würde ihren zweieinhalbjährigen Sohn gern für den Herbst in einem Kindergarten anmelden. Derzeit ist es jedoch meist nicht möglich, sich Kindertagesstätten selbst anzuschauen, auch die Anmeldung wird vielerorts online gehandhabt.

Dabei wäre es wichtig, findet Julia M., die Einrichtung einmal vorher kennenzulernen - und auch die Erzieherinnen. "Mit dem Personal steht und fällt alles", sagt sie. M. ist es außerdem wichtig, dass ihr Sohn im Kindergarten die Möglichkeit hat, in einen großen Garten zu gehen, viel Platz zum Rennen zu haben. Bisher hat sie deshalb öfter Gespräche mit anderen Eltern auf dem Spielplatz geführt. "Viele geben ihre Kinder hier in private Einrichtungen, aber das ist doch recht teuer", sagt M. Deshalb informiert sie sich nun vor allem online und über Fotogalerien, wie die in Frage kommenden Kindertagesstätten von innen aussehen.

Beide Seiten würden gern wissen, mit wem sie es zu tun haben

Vor einem ähnlichen Problem steht Regina Schneider aus Ebersberg. Für September würde sie gerne ihre Tochter in einem Kindergarten anmelden. "Mein Vorteil ist, dass ich mir schon letztes Jahr alle Kindergärten angeschaut habe", sagt sie. Beim Kindergarten St. Sebastian machte sie einen Einzeltermin aus, bei dem sie vom Garten aus die Einrichtung zumindest von außen anschauen konnte. "Unter einer Überdachung im Garten war eine Biertischgarnitur aufgestellt, dazu eine kleine Spielecke", erzählt Regina Schneider. "Das war super."

Im persönlichen Gespräch mit einer Erzieherin konnte sie dabei Fragen stellen. Dass es derzeit nicht möglich ist, die potenziellen Erzieher ihrer Tochter kennenzulernen, findet sie schade. Vor allem die Sympathie und das Bauchgefühl würden in dieser Entscheidung helfen.

Auch seitens der Pädagogen stellt die derzeitige Situation eine Herausforderung dar. "Das ist eine langjährige Beziehung, die beide Seiten da eingehen", sagt Ingrid Kastner vom Familienzentrum Poing. "Die Eltern vertrauen uns ihre Kinder an und wollen wissen, wer wir sind." In den drei Einrichtungen des Familienzentrums gibt es daher seit einigen Wochen immer donnerstags die Möglichkeit für Eltern, sich telefonisch über die pädagogische Arbeit sowie über Eingewöhnung und Anmeldung zu informieren.

Im Poinger Familienzentrum darf man sich die Räume durchs Fenster anschauen

Auf der Homepage sind außerdem Filme über die Kitas abrufbar. Und für Samstag, 27. Februar, ist ein "Schaufenster-Infotag" angedacht. "Das ist kein normaler Tag der offenen Tür", erklärt Kastner. Ein Elternteil kann sich für diesen Vormittag anmelden und wird von einer Mitarbeiterin des Familienzentrums durch den Garten geführt. Von dort aus kann man Einblicke in die Einrichtung selbst gewinnen. Mit Abstand und FFP2-Masken können die Hygieneregeln eingehalten werden, so Ingrid Kastner.

Vom Kindergarten und Hort im Alten Schulhaus Markt Schwaben heißt es: "Interessierte Eltern haben die Möglichkeit, unser digitales Angebot zu nutzen und sich auf eine virtuelle Tour durch das Haus zu begeben, sich über unsere pädagogische Arbeit zu informieren und eine Voranmeldung auszufüllen." Außerdem gibt es die Möglichkeit, sich einen Termin für Freitag, 26. Februar zu reservieren, an dem das pädagogische Team für Beratungsgespräche online zur Verfügung steht.

In Maria Stern in Grafing informiert man lieber analog statt digital

Auf analog statt digital setzt beispielsweise der Kindergarten Maria Stern in Grafing. Rund um den großen Garten hängen dort am Zaun derzeit laminierte Plakate, die alle Infos zu Kosten, pädagogischem Angebot oder Eingewöhnung enthalten. Dazwischen tauchen selbst gemalte Bilder der Kinder auf. "Man muss einmal rund herum gehen, um alles zu lesen. Das kann schon eine halbe Stunde dauern", sagt Mitarbeiterin Bettina Fück. Derzeit würden viele Spaziergänger vorbeikommen und an dem bunt behängten Zaun stehen bleiben.

"Die Mehrheit unserer 21 Einrichtungen hat sich entschieden, über die Kita-eigene Website einen virtuellen Rundgang per Film oder Fotos zu zeigen und dazu individuelle Beratungstermine per Telefon anzubieten", heißt es vom Kinderland Plus auf Anfrage, das unter anderem im Poing, Markt Schwaben und Pliening Kitas betreibt. Einige der Einrichtungen haben Sammeltermine für Videokonferenzen per Zoom angeboten. Weiterhin sei telefonische Beratung möglich.

Einen Online-Info-Abend gibt es für Interessenten der Elterninitiative "Die kleinen Strolche" in Grafing. Auch die Vorstände werden sich vorstellen, so Serpil Kalic. "Außerdem ist eine Erzieherin vor Ort in der Einrichtung und wird einen virtuellen Rundgang machen."

Die Einrichtungen des Kreisverbands Ebersberg der Arbeiterwohlfahrt (Awo) erhalten das ganze Jahr über Voranmeldungen. Heuer bekommen die Eltern Informationen in schriftlicher Form, das heißt ein Anschreiben mit Telefonzeiten, um gezielte Fragen stellen zu können, sowie ein Handout und den Hinweis auf die Internetseite, auf der alle relevanten Informationen zu finden sind. "Zudem werden wir, wenn es die Möglichkeit wieder gibt, bei Interesse Besichtigungstermine vereinbaren", so eine Mitarbeiterin der Awo.

Ein Erklärvideo soll die wichtigsten Fragen beantworten

Beim Waldkindergarten Ebersberg, einer staatlich geförderten Elterninitiative, setzt man auf ein professionell produziertes Video, das alle häufig gestellten Fragen beantworten soll. In dem etwa fünf Minuten langen Clip stellt die pädagogische Leiterin Uschi Hartl das Konzept des Kindergartens vor, schildert den Tagesablauf und erklärt, wo die Kinder aufs Klo gehen.

Julia M. aus Vaterstetten hat sich letztlich bei drei Einrichtungen in Vaterstetten und Umgebung angemeldet. Bei einem Kindergarten hatte sie das Glück, schon im vergangenen Jahr an einem Tag der offenen Tür teilgenommen zu haben. Die künftigen Erzieherinnen ihres Sohnes kennt sie trotzdem nicht. "Alle drei Einrichtungen haben mich nicht hundert Prozent überzeugt", sagt M. - vor allem, weil der persönliche Kontakt und das Kennenlernen fehlte. Nun wartet die Mutter auf einen Bescheid und hofft, dass es letztlich schon passen wird.

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Quelle:
SZ vom 23.02.2021
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