Süddeutsche Zeitung

Historisches Kirchseeon:Leidenschaftlich suchend

Seit mehr als 40 Jahren stöbert Dagmar Kramer in der Kirchseeoner Ortsgeschichte. Inzwischen ist die 85-Jährige zu einer gefragten Expertin in Lokalhistorie geworden. Über die Anfänge, Erfolge und Recherche-Hindernisse

Von Franziska Langhammer, Kirchseeon

Wenn Dagmar Kramer und ihr Mann in den Urlaub fahren, dann gehen sie dort erst einmal über den Friedhof. "Da sieht man, wie sehr die Toten geehrt werden", sagt sie, "und dabei lernt man viel über die Menschen." Dagmar Kramer ist in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden und immer noch beinahe täglich als passionierte Spürnase in Sachen Heimatgeschichte unterwegs. Seit 40 Jahren stöbert sie in der Historie von Kirchseeon und Umgebung - ein Projekt, das sie "mein Kind" nennt. Und das, obwohl sie ursprünglich gar nicht aus der Gegend kommt.

Geboren in der Nähe von Berlin, spülte der Krieg ihre Familie, wie Kramer selbst es formuliert, nach Bayern, besser gesagt: nach Dachau, in ein kleines Dorf namens Vierkirchen. "Ich bin von Natur aus neugierig", bekennt sie. "Warum hieß das Dorf Vierkirchen? Das hat mich interessiert." Später zog sie nach München, heiratete schließlich nach Freising. Am Telefon erzählt sie, ihr Mann und ihr Sohn hätten dort gemeinsam mit einem befreundeten Lehrer am Domberg gegraben. Auf eigene Initiative, zuerst heimlich, dann mit offizieller Erlaubnis. Der Lehrer nämlich habe die These angezweifelt, Freising sei erst 700 nach Christus gegründet worden. Das müsse viel früher gewesen sein, glaubte er. Und tatsächlich, so Kramer, hätten die Hobby-Forscher herausgefunden, dass Freising viel älter ist als bis dato vermutet.

Das Interesse an Geschichte ist bei Dagmar Kramer nicht beruflich bedingt. Eigentlich hat sie Diätassistentin im Krankenhaus gelernt - ein Job, den sie sechs Jahre lang machte, bis zu ihrer Ehe. Gemeinsam mit ihrem Mann wurde sie dann zunächst Sportreporterin bei einer Freisinger Lokalzeitung. Das kam so, erzählt sie: Ihr Mann arbeitete schon zu Schulzeiten als Sportreporter für die Zeitung. Als die Stelle ausgeschrieben war, übernahm das Ehepaar Kramer sie zusammen. Am Wochenende telefonierte sie alle Vereine durch, fragte nach den Sportergebnissen oder Besonderheiten wie Schlägereien zum Beispiel. Die Tabelle, erinnert sie sich, musste sie damals noch von Hand zeichnen. Telefonisch gab sie ihrem Mann die Ergebnisse durch, der diese schließlich seiner Sekretärin diktierte. Als Familie Kramer erfuhr, dass der Erdinger Flughafen gebaut werden sollte, machte sie sich auf die Suche nach einem Grundstück außerhalb der Einflugschneise - und wurde in Kirchseeon fündig. 1981 zogen sie dorthin. Ihr Mann arbeitete mittlerweile als Rechtsanwalt, der Sohn sollte sein Abitur noch in Freising machen und dann nachkommen. "Wir sind natürlich in Kirchseeon immer in die Bürgerversammlungen gegangen", erinnert sich Kramer. Eines Abends fragte jemand den damaligen Bürgermeister Josef Miethaner: "Haben Sie schon einen, der die Chronik schreibt?" Die Geschichte Kirchseeons sollte zu einem Buch zusammen gefasst werden. Dagmar Kramer fand, es sei für ihren Sohn eine gute Gelegenheit, sich mit der neuen Heimat vertraut zu machen, und meldete ihn für diese Aufgabe an. Der jedoch war nicht sehr begeistert davon. "Na, i mog ned", soll er gesagt haben. Nach einigem Hin und Her entschloss sich Dagmar Kramer, es selbst zu machen - trotz der Warnung des Bürgermeisters. "Wir haben nichts an alten Unterlagen." Vieles sei weggeworfen worden, als das neue Rathaus gebaut wurde. Also machte sich Kramer selbst an die Recherche: Sie las Vereinsprotokolle, besuchte das Bayerische Staatsarchiv, die Staatsbibliothek, alles ehrenamtlich - und das bis heute. "Anfangs war es schwer, alles zu finden", erinnert sie sich. "Aber dann hatte ich mich gut eingearbeitet." Zunächst widmete sie sich den Bauern. "Mein erstes Erfolgserlebnis", sagt sie, und es schwingt ein wenig Stolz in ihrer Stimme mit. In einem Dokument fasste sie die Namen der Bauern und Felder um 1800 zusammen. Eines Tages kam im Lesesaal des Staatsarchivs ein Wachmann auf sie zu und fragte, ob er das Dokument einmal haben dürfe. "Au weia", habe sie sich gedacht, "was habe ich jetzt verbrochen?" Der Mann wollte jedoch nur das Dokument für seinen Chef kopieren, und auch das Haus der bayerischen Geschichte meldete Interesse an. "Da habe ich gemerkt: Ich bin auf dem richtigen Weg."

1983 wirkte sie zum ersten Mal bei einer Ausstellung mit, als das zehnjährige Jubiläum der Volkshochschule gefeiert wurde. Ihr Mann und ihr Sohn hatten Postkarten alter Gebäude in Kirchseeon fotografiert und vergrößert, stellten sie nebeneinander aus. Das Interesse der Bürger war sehr groß. Zwei Jahre später veranstaltete Kramer die erste Fotoausstellung, "da ging's los", sagt sie. Die Menschen kamen zu ihr, liehen ihr Fotos, erzählten alte Geschichten, an die sie sich noch erinnern konnten. Ein Mann berichtete, er sei dabei gewesen, als im Ersten Weltkrieg die Glocken aus der Kirche abgehängt und zu Kanonen verarbeitet wurden. Im Staatsarchiv fand Kramer dazu Aufzeichnungen.

Über 30 Ausstellungen hat sie seitdem initiiert, mit verschiedensten Schwerpunkten. "Als die Schule 100 wurde, das war ein Renner", sagt sie. Damals zeigte sie Fotografien von Schülern unterschiedlicher Jahrgänge. Auch über die Kirchseeoner Bürgermeister seit 1880 lief eine Ausstellung, und die Geschichte der Fiat-Werke in der Marktgemeinde. Für die Chronik zum 50-jährigen Bestehen des Markts Kirchseeon, bei der sie mitschreibt, musste sie sich kurz halten. Weil sie aber merkte, dass sie noch so viel mehr zu erzählen hat, gab Kramer von da an in Eigenregie Hefte zur Ortsgeschichte heraus, die sie selbst kopieren und binden ließ.

Als das Museum für Wald und Natur in Ebersberg gegründet wurde, war ihre Expertise in Sachen Forst gefragt. Im Rathaus Kirchseeon baute sie ein Archiv auf, bekam bald einen neuen Raum, weil der alte zu klein wurde. Jahrelang war sie Vorsitzende des Kirchseeoner Heimatkundevereins. "Ich bin da einfach reingewachsen." Noch heute hat sie viel zu tun, digitalisiert ihre handschriftlichen Notizen, archiviert alte Zeitungsartikel, sortiert Informationen aus Vereinsprotokollen. Wer auch immer ihre Aufgabe einmal übernehmen wird, es wird eine große Aufgabe werden, das weiß sie. "Ich will das alles auch ordentlich übergeben", sagt sie. Dagmar Kramers Expertise ist übrigens nicht nur in der Region sehr gefragt; immer wieder bekommt sie Anfragen aus anderen Ecken Deutschlands. 2016 bekam sie für ihr ehrenamtliches Engagement eine Auszeichnung des Bayerischen Ministerpräsidenten.

Auf die Frage, welches geschichtliche Thema ihr persönliches Steckenpferd sei, muss sie nicht lange überlegen. "Alte Bücher", sagt sie. "Bei alten Büchern, da werde ich ganz fromm." Einmal habe sie ein altes Kochbuch aus dem Jahr 1470 in den Händen halten dürfen. Sie wollte es umschreiben für ihren Sohn, in lesbare Schrift. Dazu wurde sie in den Safe des Bayerischen Staatsarchivs gebeten. "Alte Bücher, das greift mich an", sagt sie. Die Rezepte aus dem Kochbuch, die könne man übrigens heute nicht mehr nachkochen. Eines beschreibt das Bierbrauen. "Ich glaube, derjenige, der das geschrieben hat, hat nebenbei immer mal wieder was davon probiert", sagt die Ortschronistin und lacht. "Die Schrift wurde mit den Seiten immer unleserlicher."

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Quelle:
SZ vom 11.09.2021
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