Süddeutsche Zeitung

Ebersberger Stadtgeschichte:Abschied vom Speicher

Antje Berberich ist nicht mehr länger Archivarin in Ebersberg. Ihre historischen Forschungen aber will sie fortführen

Von Anja Blum

Es gibt noch so viel zu tun", sagt Antje Berberich und lächelt. "Mein Kopf ist voller Ereignisse, Erinnerungen, Ideen. Egal wo ich bin - überall sehe ich Ebersberg." Nach Abschied klingt das nicht. Und doch ist im Rathaus der Kreisstadt nun eine Ära zu Ende gegangen: Antje Berberich hat schweren Herzens ihr Amt als Leiterin des Stadtarchivs niedergelegt, in der Hoffnung auf eine frische Nachfolge. Schließlich hat sie selbst inzwischen ein Alter erreicht, in dem andere bereits 20 Jahre Rente hinter sich haben: Vergangenes Jahr feierte die Ebersbergerin ihren 80. Geburtstag. Doch die Hände in den Schoß zu legen, ist Berberichs Sache nicht. Insofern werden ihr Engagement, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten der Kreisstadt und dem ganzen Landkreis ganz bestimmt weiter erhalten bleiben.

1994 zog Antje Berberich ins Archiv unter dem Dach des Ebersberger Rathauses ein, und ihre erste Amtshandlung war,dieses abzusperren. "Die Tür war zuvor immer offen gestanden, so dass sich jeder nach Herzenslust bedienen konnte", erzählt sie. "Kein Wunder also, dass vieles, vor allem aus der Zeit des Nationalsozialismus, schon weg war." Doch damit war dann Schluss, denn Berberich hütete die Sammlung fortan wie ihren Augapfel. "Das Archiv ist das Gedächtnis einer Stadt - ein Gedächtnis, das nicht trügt", sagt sie.

Schon lange ist Antje Berberich eine der profiliertesten Persönlichkeiten des kulturellen und öffentlichen Lebens im Landkreis. 2016 erhielt sie für ihr langjähriges Engagement die Bundesverdienstmedaille. Dabei war eine solche Biografie alles andere als vorgezeichnet: Antje Berberich wuchs in Siebenbürgen auf, erst 1972 kam sie als Aussiedlerin von Rumänien nach Deutschland. Zwar hatte sie als Tochter einer angesehenen Industriellenfamilie am Gymnasium in Kronstadt Sprachen gelernt, die internationale Kulturszene erlebt und als Basketballspielerin die Regionen des Vielvölkerlandes bereist. Doch als dann die Familie im Zuge der kommunistischen Machtübernahme 1948 ihr Hab und Gut verlor, und der Vater ins russische Arbeitslager geschickt wurde, da verdüsterten sich die Zukunftsaussichten der jungen Frau dramatisch. Doch innere Emigration kam für Berberich nicht infrage: Angesichts politischer Unfreiheit und ökonomischer Misere, enttäuscht von der Fixierung der Kunst auf die Vorgaben des Sozialistischen Realismus, wagte sie einen Neuanfang: Sie kehrte ihrer Heimat den Rücken und landete, nach Stationen in Nürnberg, Ingolstadt und München, schließlich in Ebersberg.

Im Rathaus der Kreisstadt begann sie also, Ordnung in all die Kisten zu bringen und ein Archiv aufzubauen, das diesen Namen verdient. Dazu gehört freilich auch ein Akteneinheitsplan, eine Liste, in der sämtliche Bestände dokumentiert sind. Das Besondere in Ebersberg aber ist, dass in dieser Aufzählung auch vermerkt ist, wie viele Dokumente es zu welchem Stichwort gibt. "Ich habe jedes einzelne Blatt gezählt und nummeriert", sagt Berberich, "ich glaube nicht, dass das anderswo auch so gemacht wird". Der Vorteil: Man sehe auf einen Blick, wie viel Material zu einem Thema vorhanden sei - "im Gegensatz zu Laufmetern im Regal, die rein gar nichts aussagen". Eine andere Herausforderungen bei der Archivarbeit: Historische Dokumente sind oft in Sütterlin oder altdeutscher Schrift verfasst oder kaum leserlich. Doch auch die Aufgabe der Transkription konnte Berberich niemals schrecken. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Geschichte ist ihre Leidenschaft, nicht umsonst gründete sie 1998 zusammen mit Grafings damaliger Museumsleiterin Rotraud Acker und der Kunsthistorikerin Brigitte Schliewen aus Vaterstetten den "Historischen Verein für den Landkreis Ebersberg", der sich bis heute großer Beliebtheit erfreut, und für dessen "Jahrbuch" Berberich bereits rund 15 Beiträge verfasst hat. Sich um Geschichte und Kunst zu kümmern, empfindet sie nicht als Beruf, es ist ihr Berufung.

Da sie als Stadtarchivarin nur eine Teilzeitstelle bezahlt bekam, leistete sie viele, viele Überstunden. "Insgesamt sicherlich über 2000", sagt sie und lacht. Wurde irgendwo in Ebersberg ein größerer Haushalt aufgelöst, eine Grube gegraben oder eine Wandmalerei entfernt: Antje Berberich war stets zur Stelle, um für die Geschichte der Kreisstadt relevante Dinge zu bewahren, sei es per Karton oder Kamera. Besonders Veränderungen im Stadtbild standen dabei stets im Fokus. Sichten, sammeln, ankaufen, beschriften, kopieren, einsortieren: Das war Berberichs täglich Brot. Wichtig war ihr dabei stets, guten Kontakt zu den Ebersbergern zu pflegen, denn nur so, durch viele Tipps und Gaben, lässt sich ein Archiv mit echten Schätzen füllen. Aber auch die Zeitungen waren ein steter Begleiter Berberichs: Jeden Tag blätterte sie die Lokalteile durch, auf der Suche nach relevanten Artikeln, sei es aus den Bereichen Politik, Kunst, Vereine, Soziales, Schule oder Gesundheit. Schließlich lautet Berberichs Maxime: "Alles ist wichtig!" Dank ihrer Spürnase und Hartnäckigkeit hat sich das Stadtarchiv zu einem umfangreichen Konvolut entwickelt - von Fotos und Postkarten über Sterbebildchen und Urkunden bis hin zu Kunstschätzen, kompletten Nachlässen und diversen anderen spannenden Exponaten.

Damit auch die Ebersberger und ihre Besucher Teil haben an der Geschichte der Kreisstadt, ließ Berberich Schilder an Straßen und Häusern anbringen, auf denen der jeweilige historische Hintergrund erklärt wird. Außerdem bestückte sie immer wieder aufs Neue diverse Vitrinen im Stadtgebiet oder Schaufenster von leer stehenden Läden mit alten Stadtansichten oder Kunst aus Ebersberg. Denn auch die heimischen Kreativen liegen Berberich am Herzen. Im Rathaus schuf sie zwei Galerien, in denen sie regelmäßig Ausstellungen meist zeitgenössischer Künstler organisierte. Immer wieder entdeckt die Archivarin aber auch längst vergessene Persönlichkeiten und rückt sie ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Zuletzt erfuhr Kurt Heuser, ein Afrikaforscher, Maler, Drehbuchautor und Schriftsteller dank Berberichs Engagement die ihm zustehende Aufmerksamkeit. Unter den Nachlässen und Sammlungen des Stadtarchivs finden sich außerdem Namen wie Otto Dressler, Erich Zmarsly oder Manfred Bergmeister. Dabei beschränkt sich das Engagement Berberichs mitnichten nur auf die Kreisstadt: Gibt es Bezüge zu anderen Orten, werden auch diese bespielt. In Laufen an der Salzach zum Beispiel hat sie die Grabstätte der Malerin Elsa Plach ausgemacht und ihr zu Ehren ein historisches Kreuz sowie eine bronzene Tafel gesetzt. Außerdem geplant ist eine Ausstellung über Leben und Wirken Plachs in Haag, ihrem Geburtsort.

Doch Antje Berberich engagiert sich nicht nur auf historischem und kulturellem Gebiet, sondern auch auf sozialem: Sie möchte Demokratie, Geschichte und Kultur auch Menschen auf der Schattenseite des Lebens vermitteln. So setzte sie sich ein für psychisch labile Personen, gefährdete Jugendliche, Asylbewerber. Viel hat sie erreicht durch eine sinnvolle Aufgabe im Archiv und großes Vertrauen.

Nicht abschließen konnte Berberich die Übersiedelung der Archivbestände aus dem Rathausspeicher in ein neues Lager im Familienzentrum. Grund dafür ist der Brand im Waldmuseum, dessen gerettetes Inventar in diese Räumlichkeiten transportiert wurde und dort nun fast den gesamten Platz einnimmt. Insofern muss der Archivumzug warten, bis das Waldmuseum wieder befüllt werden kann.

Darum werden sich nun also andere kümmern müssen - doch die Ebersberger werden ganz bestimmt weiter von Berberich hören. Denn ihre Forschungen zur Geschichte der Kreisstadt möchte sie unbedingt fortführen. Zur Zeit arbeitet sie zum Beispiel an einer Publikation über Josef Anton Michl, geboren 1753 in Ebersberg. Der Jesuit war laut Berberich ein "Prediger und Gelehrter von Welt", sei jedoch bislang in keiner Chronik zu finden. Und auch eine neue Ausstellung hat die Nimmermüde geplant, es soll um "Türen und Tore in Ebersberg" gehen. Wie passend: Geht die eine Türe zu, tut sich woanders eine auf, heißt es doch immer so schön.

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Quelle:
SZ vom 29.07.2021
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