Süddeutsche Zeitung

Ausstellung im Impfzentrum:Impulse zur Spritze

Der Kunstverein Ebersberg gestaltet das Impfzentrum mit einer stimmigen Schau: Dank großer, farbintensiver Werke wird man den schwierigen Räumlichkeiten gerecht.

Von Anja Blum

Wer Kunst an der Wand für harmlose Dekoration hält, der irrt. Gemälde können nämlich durchaus gefährlich sein, brandgefährlich sogar. Deswegen dürfen in einem öffentlichen Gebäude wie dem Ebersberger Impfzentrum keine mit Ölfarben bemalten Leinwände hängen. Da ist der Gesetzgeber streng. Insofern war eine erste Ausstellung in diesen Räumlichkeiten, geplant von Stadtgaleristin Antje Berberich, leider nur von sehr kurzer Dauer. Der Kunstverein Ebersberg aber hat nun eine Lösung gefunden, das Impfzentrum trotz aller Auflagen um Bilder zu bereichern: Eine sehr moderne Folie, die im Messebau verwendet wird, dient der Kunst als Träger.

"Wenn der Mensch nicht zur Kunst kann, muss die Kunst zum Menschen." Das war der Grundgedanke, aus dem heraus einige Vorstands- und Beiratsmitglieder des Kunstvereins die Idee für das Konzept "Impf & Art" entwickelten. Doch eine erste Begehung der Räumlichkeiten mit Vertretern des Landratsamtes und des Impfzentrums zeigte sehr schnell die Grenzen des Vorhabens auf: Aus sicherheitstechnischen Gründen konnten keine Originale ausgestellt werden. Also brachte der Grafinger Fotograf Peter Hinz-Rosin jene spezielle Folie ins Spiel, die in Sachen Brandschutz völlig unbedenklich ist. "Außerdem wurde uns schnell klar, dass die Räumlichkeiten ungeeignet sind für mehrere kleine Arbeiten, dass es also einige wenige, dafür aber große Werke brauchen würde", so der Projektleiter. Erstens der Wirkung wegen, und zweitens, weil der Bewegungsradius der Besucher im Impfzentrum durch die Corona-Regeln stark eingeschränkt ist: Vor die Wand treten, um Bilder aus der Nähe zu betrachten, sollte nicht nötig sein. Also fotografierte man die ausgewählten Kunstwerke ab und passte sie in ihrer Größe den Ausstellungsflächen und Betrachtungsabständen an.

So ist an einem ungewöhnlichen Ort eine Ausstellung entstanden, die schlicht zu überzeugen weiß. Die diese funktionalen, vielleicht sogar angstbesetzten Räumlichkeiten um Meilen freundlicher, lebendiger und spannender macht. Besonders erstaunlich ist, dass die Werke trotz ihrer unterschiedlichen Techniken im Original und auch Motive bestens miteinander korrelieren: Ihre beachtliche Größe und die außergewöhnliche Textur schaffen eine starke Verbindung. "Das Ganze ist sehr stimmig", befindet auch Andreas Mitterer, Vorsitzender des Kunstvereins. "So ein Raum ist sehr schwierig zu bespielen - aber das wurde hier hervorragend gelöst." Für den Chef ist diese Schau des Kunstvereins auch eine Möglichkeit, sich bei seinen Kolleginnen und Kollegen aus Vorstand und Beirat zu bedanken: "Da geht es um Wertschätzung für jene, die hinter den Kulissen immer die ganze Arbeit machen, selbst aber wenig sichtbar sind", so Mitterer.

Die Begeisterung jedenfalls ist groß bei einer Vernissage am Dienstagabend im kleinsten Kreis, die Vertreter aller beteiligten Organisationen sind voll des Lobes. Unter ihnen auch der Landrat, der das Projekt mit einer sehr schnellen Entscheidung bezüglich einer entsprechenden finanziellen Förderung überhaupt erst möglich gemacht hat. "Das war einfach eine sehr gute Idee", sagt Robert Niedergesäß bei der Feierstunde, "anstatt zu resignieren, müssen wir in diesen Zeiten eben überall kreative Lösungen finden, um ein Stück Normalität zurückzuerlangen." Insofern habe der Landkreis "Impf & Art" sehr gerne bezuschusst. Außerdem stellt er in Aussicht, dass die Ausstellung noch von sehr vielen Menschen gesehen werden wird: "Ab kommender Woche fahren die elf Kabinen wieder unter Volllast!" Und bis Ende September werde es das Ebersberger Impfzentrum im ehemaligen Sparkassengebäude auf jeden Fall noch geben.

Das inhaltliche Spektrum der gezeigten Werke ist groß, es reicht von Viren bis hin zu Blumen. Für die Ausstellungsmacher von Anfang an gesetzt waren die "Mutationen" von Maja Ott aus Moosach. Im Original Hinterglasmalerei, setzt sich die Arbeit nämlich genau mit der gegenwärtigen pandemischen Situation auseinander: Ott, ohnehin Spezialistin für organische Formen, spannt vor tiefblauem Hintergrund ein schier grenzenloses Universum der Viren auf. Doch nicht ängstigend ist die Wirkung, vielmehr lässt das Bild den Betrachter staunen über die Vielfalt der Natur. Man sieht diverse bunte runde Körper wie durch die Schwerelosigkeit wabern, feinste Härchen, dicke Tentakeln, die typischen Spike-Proteine. Fast freundlich kommen diese fantasievollen Mutationen in Übergröße daher. Weiter geht es für den Ebersberger Impfling mit einer großen Wand, die Hinz-Rosin die Gelegenheit bot, endlich ein lang geplantes Projekt umzusetzen: eine gigantische "Welle" in unzähligen Grünschattierungen, durch ein weißes Raster gekonnt aufgebrochen. Mit Polaroids hat der Fotograf hier gearbeitet und so eine Collage zwischen der analogen und der digitalen Welt geschaffen.

Der hintere Bereich des Impfzentrums, der Wartebereich, gehört komplett den Farben: Hier zeigt die Ebersberger Malerin Martina Brenner zwei leicht verfremdete Landschaften aus dem Landkreis, das Brucker Moos und den Egglburger See, im Original mit Acryl gestaltet. Gleich daneben leuchten zwei dynamische Abstraktionen von Verena Ditterich aus Grafing, das eher rund geformte "Urgeschehen" sowie ein in die Tiefe reichendes "Domino", beides eigentlich Ölgemälde. Und ganz zum Schluss bekommt der Impfling sogar noch ein paar Blümchen mit auf den Weg: reizend bunte Tulpen von Sandra Nonhoff, ebenfalls aus Grafing.

Nach einem Termin in diesen Räumlichkeiten ist man also nicht nur ein gutes Stück geschützter, sondern sicher auch im Geiste bereichert. Um einen positiven Impuls durch die Kunst. Denn wirklich gefährlich ist diese tatsächlich eher selten. Übrigens: Die Räume fürs Personal im ersten Stock durfte Antje Berberich dann doch gestalten, dort sind die Auflagen weniger streng. Hier erfreuen seitdem Bilder von Waltraud Fichter und Lisa Christlieb die Betrachter.

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Quelle:
SZ vom 24.06.2021
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