Süddeutsche Zeitung

Das ist schön:Zurück aus dem Home-Exil

Im Filmmuseum trifft sich wieder eine verschworene Gemeinschaft

Kolumne von Fritz Göttler

Das Leben ist zurück auf der Leinwand des Filmmuseums, nach der regulären Sommer- und einer quälend langen Coronapause. Drei Filme wurden im Frühjahr in der frisch von der Berlinale übernommenen King-Vidor-Retrospektive gezeigt, dann wurde das Filmmuseum geschlossen. Nun geht es wieder los, nach dem brutalen Lockdown-Bruch, und mit dem, wofür das Filmmuseum wie geschaffen ist, einem Paket bei uns so gut wie unbekannter Stummfilme. Nicht als museale Präsentation, sondern als richtiges Kino, mit Musikbegleitung im Saal.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn man diese Filme (zum ersten Mal) sieht. Paris im Schnee, in "La Bohème", ein kalter Winter, bitterkalt für die frierenden, aber unverzagten Künstler. Junge Menschen, die ekstatisch tanzen, egal ob Polka, Walzer oder Jive, in "Wine of Youth", die zelten im Wald und dabei mit der Liebe spielen - und was aus eben dieser Liebe geworden ist in der Generation davor, bei ihren Eltern. Religiöse Ekstase und heftige Emotionen in "Hallelujah", einem ganz frühen Film mit Ton (am Sonntag), gespielt allein von afroamerikanischen Akteuren.

Zurück im Filmmuseum, das ist mehr als der regelmäßige Kinobesuch, an den man sich langsam wieder gewöhnt - es ist wie eine Rückkehr, nach Monaten des Home-Exils, zwar nicht auf den Stammplatz - der coronabedingt tabu ist -, aber in die feste Gruppe verschworener Stammbesuchern, die keinen Film auslassen mögen. In eine Welt, die immer stärker am Verschwinden ist, weil die Möglichkeiten, sie wahrzunehmen, schwinden. Und weil man gerade diese Filme eigentlich immer in einem Kinosaal sehen müsste.

Man muss immer wieder zu den Anfängen zurückkehren, im Stummfilm erleben, wie eine Sprache sich bildet, eine Kunst sich formt, auch wenn die Begriffe Sprache und Kunst fürs Kino nicht wirklich passen - wer könnte die Mona Lisa lieben, wenn er sich nicht ebenso gefangen nehmen lässt vom Zauber der Höhlenmalerei. Im Stummfilm geht frühe Meisterschaft zusammen mit unbändiger Naivität - und King Vidor war sicher einer der großen Naiven - bis in seine letzten Filme der Sechziger. Vitalität zeichnet all diese Filme aus, hat Martin Scorsese geschrieben, im Begleitbuch zur Berlinale-Retro: "dass alles darin lebt - die Menschen, aber auch die Landschaften, die rohen Materien, die Maschinen, die Gebäude, die Straßen". Das ist schön.

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Quelle:
SZ vom 19.09.2020
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