Süddeutsche Zeitung

Musik in Karlsfeld:Fusion als Chance

Das Musikstudio soll mit der Musikschule Karlsfeld zusammengelegt werden. Die musische Bildung liegt damit fortan vor allem in der Hand der Gemeinde

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Ein bisschen wehmütig ist sie schon. Bisher war Musik ihr Leben. Morgens begeistert Monika Fuchs-Warmhold Kinder für Gitarre, Mandoline, Ukulele oder Mandola, nachmittags unterrichtet sie in ihrem Musikstudio und abends probt sie mit dem Vivaldi-Orchester. Ein ausgefüllter Stundenplan, zumal die engagierte Musikpädagogin noch dazu allerhand Verwaltungstätigkeiten meistern muss. Doch jetzt hat sich Fuchs-Warmhold schweren Herzens entschieden, kürzer zu treten. Das Musikstudio, das sie vor gut 52 Jahren in Karlsfeld gegründet hatte und das den Ort, wie Bürgermeister Stefan Kolbe einmal sagte, aus der "musikalischen Einöde" herausholte, soll nun Teil der Musikschule Karlsfeld werden. "Es ist ein großer Schritt für mich", sagt sie. "Aber es muss irgendwann sein."

Auch für die Musikschule wird es ein großer Schritt. Durch die Fusion wächst die Zahl der Schüler um fast das Doppelte an: 120 hat die Musikschule derzeit, 90 Zupfer kommen nun dazu. Auf bis zu 250 könne die Zahl der Schüler schon noch wachsen, prophezeit der neue Vorstand Andreas Froschmayer. Und es gibt bereits Überlegungen, die Musikschule noch größer werden zu lassen. Es ist schon etwa fünf Jahre her, da keimte die Idee auf, auch die Bläser unter das Dach der Einrichtung zu holen, sagt Reinhard Hagitte, der die Karlsfelder Blaskapelle dirigiert. "Sinnvoll wäre es schon. Dann wäre der Nachwuchs sichergestellt", sagt er. Genügend Bläser für die Konzerte zu motivieren, sei manchmal schon schwierig und jetzt hätten einige Corona zum Anlass genommen, um aufzuhören. "Schöne Literatur erarbeiten kann man da nicht mehr", sagt er. Doch ein Konzept oder konkrete Gespräche gebe es nicht, versichert Froschmayer. Man könne die Instrumentenvielfalt nur Schritt für Schritt erweitern. "Erst muss diese Fusion ordentlich abgewickelt werden. Dann kommt der nächste Schritt", sagt Vizebürgermeister Stefan Handl (CSU), der sich sehr um das kulturelle Leben in Karlsfeld bemüht.

Fuchs-Warmhold hatte sich wohl schon länger mit dem Gedanken getragen, wie es eines Tages weitergehen solle. "Mir war es wichtig, nicht einfach aufzuhören. Das Musikstudio ist schließlich die Nachwuchsschmiede für das Vivaldi-Orchester", erklärt sie. Wer hier spielen wolle, brauche eine gute klassische Ausbildung. Doch viele Gitarrenschulen setzten eher auf Bands und so hatte Fuchs-Warmhold Sorge, dass sich die Ausbildung im Musikstudio verändern könnte, wenn sie das Zepter abgeben würde. Deshalb schien es ihr "am sichersten", ihr Lebenswerk in die Hände der Gemeinde zu legen.

Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU), der auch einmal im Vorstand der Musikschule war, freute sich darüber. Man begann zu verhandeln und zu rechnen, denn große Investitionen kann die Gemeinde sich derzeit nicht leisten. Überall wurde heuer gekürzt und so herrscht auch bei der Musikschule das Spardiktat. "Ich habe ein bisschen geholfen zu vermitteln", sagt Froschmayer. Der CSU-Gemeinderat spielt seit vielen Jahren im Vivaldi-Orchester mit und kennt Fuchs-Warmhold sehr gut. "Die Fusion birgt eine große Chance für die Einrichtung", sagt er. Sie könne aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt werden. Während das Musikstudio von Monika Fuchs-Warmhold überall bekannt ist, fristet die Musikschule bisher eher ein Schattendasein. Auch wenn man mit den Finanzen gut haushalten müsse, böte sich jetzt die Chance eines Neustarts, so Froschmayer. Und so stellt sich die Musikschule nun auch personell neu auf. Der bisherige Leiter, Wolfgang Kraemer, hat sich in die zweite Reihe zurückgezogen. Er kümmert sich künftig vor allem um den Klavierunterricht. Martin Ziegenaus ist jetzt der neue Leiter.

"Ziegenaus kann und will das. Er ist Vollblutmusiker und ein super Lehrer. Außerdem hat er Visionen und weiß, was möglich ist. Er hat einen analytischen Verstand", sagt Fuchs-Warmhold, glücklich über die Wahl. Der Kleinberghofener spielt seit 40 Jahren auf verschiedenen Instrumenten im Vivaldi-Orchester, war acht Jahre lang Vorstand und ist der Konstrukteur des heutigen Vereins. Um sein Hobby zum Beruf zu machen, geht Ziegenaus einen mutigen Schritt: Er gibt seinen Job als Sondermaschinenbauer und Softwareentwickler auf. "Das Haus ist abbezahlt und die Kinder aus dem Haus." Jetzt sei es Zeit, Träume zu verwirklichen. Visionen dafür habe er bereits.

Ziegenaus will künftig kleine Ensembles aus verschiedenen Instrumenten zusammenstellen, die projektbezogen bei bestimmten Gelegenheiten öffentlich auftreten. Auf diese Weise soll die Musikschule präsenter werden. Außerdem wünscht sich der neue Leiter eine Kooperation, etwa mit dem Sinfonieorchester oder der Blaskapelle. "Ich werde mehr Jugendarbeit einfordern", sagt er. Bislang gab es für seinen Geschmack offenbar zu wenig davon. Ziegenaus hat sich auch vorgenommen, noch einmal verstärkt an die Schulen heranzutreten und die Musikschule auf Social-Media-Plattformen wie Instagram zu bewerben. Man müsse mit der Zeit gehen, um die Schüler zu erreichen, meint er.

Der Verbandschef der Bayerischen Musikschulen, Wolfgang Greth, habe signalisiert, dass die Einrichtung in Karlsfeld noch Potenzial habe und größer werden könne, berichtet Froschmayer. Das ergebe sich allein aus der rasant steigenden Zahl der Einwohner. Es zögen nach wie vor viele junge Familien zu, deren Kinder in dem Alter sind, dass sie eine musikalische Ausbildung beginnen könnten. Mit der größeren Vielfalt an Instrumenten, die die Musikschule künftig anbieten kann - bisher ging, wer ein Zupfinstrument erlernen wollte, ins Musikstudio - erhofft sich die Gemeinde auch eine größere Resonanz, zumal gerade Gitarrespielen bei Jugendlichen besonders beliebt ist.

Fuchs-Warmhold, die weiß, wie man bei Kindern und Jugendlichen Interesse weckt und wie man das Feuer am Lodern hält, wird die Fusion begleiten und beratend zur Seite stehen. Die Leitung des Vivaldi-Orchesters will sie behalten und in den kommenden 13 Monaten auch noch einige Schüler unterrichten, aber nicht mehr so viele wie bisher. Deshalb werde man einen neuen Dozenten brauchen, sagt Ziegenaus.

Festhalten will die Musikpädagogin auch an den sogenannten Zupferklassen, die sie vor elf Jahren in den dritten und vierten Klassen eingeführt hatte. "Da erreicht man Kinder, die sonst nicht zur Musik gekommen wären", sagt sie. Denn normalerweise müssten Eltern ihre Kinder zum Musikunterricht anmelden. Bei den Zupferklassen ist das anders. Fuchs-Warmhold kommt, verteilt Instrumente und beginnt mit den Schülern zu musizieren. "Das ist gruppenbildend und integrierend", schwärmt auch der neue Musikschulleiter Ziegenaus.

"Er wird das Musikstudio in meinem Geiste fortführen", sagt die Gründerin voller Vertrauen und mit großer Erleichterung. Doch die Fusion wird wohl ein Jahr dauern, fürchtet Ziegenaus. Allein schon die finanziellen Unterschiede zu nivellieren werde schwierig, sagt er. Das Musikstudio war ein privatwirtschaftliches Unternehmen ohne Subventionen, sodass der Unterricht dort deutlich teurer ist, als in der Musikschule, die von der Gemeinde unterstützt wird und deren Vorgabe laut Ziegenaus ist: Musik soll billig sein, weil in Karlsfeld ohnehin schon alles so teuer ist. "Es wird ein großer Arbeitsschwerpunkt", sagt er.

Fuchs-Warmhold wird sich unterdessen langsam daran gewöhnen, mehr Zeit für andere Dinge zu haben, als nur für Musik. "Ich habe zwei Enkel", sagt sie. Für die sie mehr Zeit brauche. "Das versüßt mir den Abschied."

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SZ vom 03.09.2021
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