Süddeutsche Zeitung

Jubiläum:Ein Lindwurm für Dachau

Eine Replik des großen Originals der Partnerstadt Klagenfurt, die den Drachen in ihrem Wappen trägt, steht in Dachau-Süd. Am Freitag reist die österreichische Delegation zur 45-Jahr-Feier der Freundschaft an

Von Viktoria Großmann, Dachau

Die Singgemeinschaft Wölfnitztal freut sich jetzt schon auf den Auftritt, den sie im Juli vor Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) in Klagenfurt haben wird. "Das ist eine große Ehre für uns", sagt die Leiterin Silvia Pitschek. Der Magistrat habe nämlich eigentlich einen eigenen Chor, der bei offiziellen Anlässen singt. Aber die Singgemeinschaft Wölfnitztal pflegt einen engen Austausch mit dem Zitherklub Dachau. Sie stehen damit für die engen Beziehungen Dachaus zur Kärntner Landeshauptstadt. Im Jahr 1974 wurde die Städtepartnerschaft von Lorenz Reitmeier auf Dachauer Seite und Leopold Guggenberger auf Klagenfurter Seite offiziell begründet, 1998 wurde die Städtepartnerschaft noch einmal urkundlich besiegelt.

An diesem Freitag reist eine Delegation aus Klagenfurt an, um gemeinsam das 45-jährige Bestehen der Partnerschaft zu feiern. Bereits angekommen ist ein kleiner Beton-Lindwurm. Er ist eine Replik des großen Originals in Klagenfurt, das den Drachen im Stadtwappen trägt. Die Skulptur vom Klagenfurter Künstler Marco Tomasi wurde bereits auf dem Klagenfurter Platz in Dachau-Süd aufgestellt und wird am Samstag um zwölf Uhr mittags feierlich eingeweiht. Am Samstagabend geben die Kapellen beider Städte gemeinsam ein Konzert im Renaissancesaal im Schloss.

Für Klagenfurt ist Dachau eine von 15 Partnerstädten. Für Dachau ist Klagenfurt nur eine von zwei. Der frühere Oberbürgermeister Dachaus Lorenz Reitmeier schrieb 2001 in einem Brief an die SZ: "Bis 1974 und noch darüber hin aus war keine Stadt bereit, mit Dachau eine Partnerschaft einzugehen." Offenbar gruselte es vielen bei dem Gedanken an das ehemalige Konzentrationslager, mit dem der Name der Stadt untrennbar verbunden ist.

Oberbürgermeister Hartmann erkennt mittlerweile einen gemeinsamen offenen Umgang mit dieser Vergangenheit. So reist Hartmanns Amtskollegin Maria-Luise Mathiaschitz (SPÖ) regelmäßig zu Gedenkfeiern nach Dachau an. Dachauer Kommunalpolitiker reisten 2014 an den Loiblpass in den Alpen zwischen Österreich und Slowenien, um der Menschen zu gedenken, die dort Zwangsarbeit verrichten mussten oder im Außenlager des KZ Mauthausen ermordet wurden. "Das ist sicher ein anderer Umgang mit der Erinnerung als zu Beginn der Partnerschaft", sagt Hartmann.

"Diese Partnerschaft besteht nicht nur auf dem Papier", sagt Eva Janica vom Magistrat der Stadt Klagenfurt. "Das ist eine Freundschaft." Die Erinnerungsarbeit spiele darin eine große Rolle. Janica erinnert an einen gemeinsamen Besuch der Bürgermeister von Dachau und Klagenfurt in der Gedenkstätte Auschwitz. "Wir tragen mit dieser Partnerschaft auch zur Aufarbeitung der Geschichte bei", sagt Janica. Auch Klagenfurt habe durch das nahe gelegene ehemalige Außenlager von Mauthausen eine belastete Geschichte.

Die Zusammenarbeit reiche aber auch in die Zukunft, sagt Janica. Man tausche sich zwischen den Kommunen über Arbeitsweisen aus. So hätten die Klagenfurter Interesse an den Bürgerbeteiligungen in Dachau, sagt Hartmann.

Beide betonen als den eigentlichen Erfolg, dass die Vereine Freundschaften pflegen. Auf Dachauer Seite etwa der Trachtenverein D'Ampertaler, der TSV oder auch Art Textil. Die Singgemeinschaft Wölfnitztal und der Zitherklub besuchen sich regelmäßig. Diese Verbindung wurde von Leopold Guggenberger vermittelt, erinnert sich Silvia Pitschek aus Klagenfurt. Gemeinsam geben die Vereine Konzerte. "Die Zithermusik ist etwas besonderes für uns", sagt Pitschek. "Das hört unser Publikum hier nicht alle Tage."

In noch engerem Kontakt stehen seit 42 Jahren der Schützenverein Frohsinn Udlding aus Dachau und der Schützenverein zu Klagenfurt. Wobei die Dachauer zu ihren Besuchen in Kärnten in Busladungsstärke anreisen, während die Klagenfurter wohl bald keinen Bus mehr brauchen, wie Angela Schäffler von den Udldingern bedauert. Schäffler war bereits als Kind das erste Mal mit ihren Eltern bei den Schützen in Klagenfurt, mittlerweile nimmt sie ihre eigenen Kinder mit. Die Vereine stehen sich so nahe, erzählt Schäffler lachend, dass sie sich gegenseitig sogar ähnliche Überraschungsgeschenke machen. So erhielten die Klagenfurter eine hölzerne Patrona Bavariae - und die Dachauer gleichzeitig ebenfalls einen Schutzheiligen.

Florian Hartmann hat nicht das Gefühl, für die Klagenfurter nur einer unter vielen Partner-Bürgermeistern zu sein. Auch Eva Janica betont, die Partnerschaft sei nicht zu allen Städten so eng wie zu Dachau. Zur Trauerfeier für den Dachauer Ehrenbürger Leopold Guggenberger sprach Hartmann stellvertretend für alle Partnerstädte in Klagenfurt. Jetzt müssen sich die Dachauer nur noch ein Gastgeschenk für den Besuch in Klagenfurt im Juli überlegen. Sie könnten sich ein Beispiel an den Schützenvereinen nehmen und das Dachauer Wappentier, eine Visconti-Schlange, mitbringen. Die passt gut zum Lindwurm.

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Quelle:
SZ vom 05.04.2019
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