Süddeutsche Zeitung

Gymnasium in Karlsfeld:Raus aus der Komfortzone

Die neue Tiefgarage für das Karlsfelder Gymnasium soll etwa 6,6 Millionen Euro kosten. Der ehemalige Gemeinderat Bernd Rath schlägt eine deutlich billigere Lösung vor. Allerdings müssten die Lehrer dafür etwa 500 Meter laufen

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Etwa 6,6 Millionen Euro soll die neue Tiefgarage für das Karlsfelder Gymnasium kosten. "Eine Steuerverschwendung", ärgert sich Bernd Rath. Das könnte man deutlich günstiger lösen, sagt der Karlsfelder Architekt, der bis vor einem Jahr auch noch Gemeinderat war. 135 Parkplätze muss die neue Schule einrichten, so die Vorgabe der Gemeinde. Nach jetziger Planung sollen davon 45 Stellplätze oberirdisch entstehen und 90 in einer Tiefgarage. Wegen des hohen Grundwasserspiegels müsse diese Tiefgarage jedoch besonders abgedichtet werden, erklärt Rath. Noch dazu drohe an dieser Stelle Hochwasser, was den Bau wahnsinnig teuer mache. Grund genug, sich über alternative Lösungen Gedanken zu machen, findet der Karlsfelder. Doch bei Landrat Stefan Löwl (CSU) stößt er mit seinen Überlegungen bisher nicht auf offene Ohren.

Nur 500 Meter weiter liegt der Karlsfelder Bahnhof. Dort will Investor Erlbau & Streicher gleich gegenüber auf der Westseite ein Parkhaus errichten, auf der Ostseite soll zudem auf Münchner Flur auf dem Park&Ride-Platz ebenfalls ein Parkhaus für 300 Autos entstehen. Das könnte man doch miteinander verbinden, dachte sich Architekt Rath. Das Gymnasium müsse die Stellplätze ja nicht auf dem eigenen Grundstück nachweisen. Der Landkreis könnte auch Parkplätze anmieten, etwa im Parkhaus von Erlbau & Streicher, so Rath. Er habe bereits Kontakt zu den Investoren aufgenommen und zur Antwort bekommen, es sei "sehr von unserem Interesse, das Parkhaus in Karlsfeld zu errichten. Gerne kann der Landkreis ... auf die Gemeinde mit dem Vorschlag des Parkhauses zugehen."

Nach Angaben des Karlsfelder Bauamtsleiters Günter Endres ist ein Parkhaus zwar nicht ausdrücklich im Bebauungsplan des riesigen Erlbau-Grundstücks enthalten. Der Investor könne jedoch eines planen. Dies wirke sich jedoch auf die Geschossflächenzahl aus. Inwieweit, das müsse man sehen. Geklärt werden müsse auch der Immissionsschutz für die umliegende Bebauung, so Endres. Rath rechnet damit, dass der Investor gar nicht um ein Parkhaus herumkommen wird, wenn er die vorgesehenen Gewerbeflächen mit so genanntem "nicht störendem Gewerbe", also Büros, mit Handel und Hotel, zubaut, so wie es im Bebauungsplan vorgesehen ist. 2000 Parkplätze müssten nachgewiesen werden, die überwiegende Zahl wohl in Tiefgaragen, aber alle könne Erlbau & Streicher dort nicht unterbringen, so der Architekt.

Wenn der Investor ein voll automatisiertes Parkhaus bauen würde, bei dem die Autos am Eingang gescannt und vermessen werden und dann mit einem Hebesystem zu einem Platz gebracht würden, der genau passt - die Wagen wären eingeordnet in eine Art Hochregallager - , könnten Erlbau & Streicher 600 Fahrzeuge sehr platzsparend unterbekommen. Natürlich müsste der Investor in einem Vertrag dem Landratsamt die Stellplätze für das Gymnasium zusichern und dürfte diese nicht einfach kündigen, so Rath. Das Landratsamt würde dann eine Miete zahlen, die weitaus günstiger wäre als die Investitionskosten für eine Tiefgarage. Zudem wäre die Kreisbehörde auch flexibler, denn womöglich kommen einige Lehrer auch gar nicht mit dem Auto zum Unterricht, sondern mit der Bahn oder dem Rad.

Architekt Rath denkt noch einen Schritt weiter: Ladestationen könnten ohne weiteres im Parkhaus untergebracht werden, meint er. Starkstromleitungen in die Tiefgarage zu legen, sei indes schwierig und teuer. Betrachte man die Mobilität der Zukunft, "so kommt man um Wasserstoffmobilität nicht drumherum", sagt der Karlsfelder. "Doch solche Autos sind in der Tiefgarage wegen der Explosionsgefahr verboten." Im Parkhaus wäre der Wasserstoffantrieb dagegen kein Problem.

Die Entfernung der Parkplätze vom Gymnasium sei "nicht optimal", wendet Landrat Löwl ein. Doch Rath lässt dies nicht gelten: "Kinder dürfen bis 60 Minuten vom Schulort nach Hause laufen, da darf man doch von Lehrern erwarten, dass sie zehn Minuten laufen", sagt er. Ein weiteres Hindernis könnte jedoch die Stellplatzsatzung der Gemeinde sein, die laut Endres vorschreibt, dass die nachzuweisenden Parkplätze in 150 Meter Entfernung liegen müssen. Aber das könne geändert werden, gibt der Architekt zu bedenken.

Der Landrat fürchtet eine "weitere Konzentration des ohnehin schon hohen Verkehrsaufkommens" im Umfeld der S-Bahn-Haltestelle. Speziell wenn die Vereinssportler abends die Turnhalle nutzen wollten. Die Tiefgarage würde die Situation "entzerren", so Löwl. Rath sieht dies als "fadenscheinige Begründung". Denn gerade die Sportler würden angesichts der Entfernung zum Parkhaus womöglich eher mit dem Rad fahren, sodass insgesamt weniger Verkehr entstehen würde.

Auch der Einwand des Landrats, dass die Stadt München, die zu zwei Fünftel an den Gesamtkosten beteiligt sei, etwas dagegen haben könnte, ist für ihn nicht nachvollziehbar. "Die Stadt wird froh sein, wenn sie statt zwei Fünfteln, nur noch eins zahlen muss, weil die Tiefgarage entfällt", sagt Rath. Löwl zweifelt jedoch die "Wirtschaftlichkeit" von Raths Vorschlag an "vor dem Hintergrund der sehr hohen Grundstückspreise". Eine detaillierte Prüfung wäre nötig, schreibt er dem Architekten. Und eine "Umplanung ist aufgrund des engen Zeitplans kaum mehr möglich". Denn die Planungen seien bereits "weit fortgeschritten". Das würde eine "rechtzeitige Inbetriebnahme ausschließen".

Rath preist unterdessen die Chance, die sein ungewöhnlicher Vorschlag für die Zukunft Karlsfelds beinhalten könnte. Durch die Verhandlungen mit Erlbau & Streicher könnte das Landratsamt die Funkstille zwischen Investor und Gemeinde beenden. Vielleicht werde so ja endlich der lang ersehnte Supermarkt für das westliche Karlsfeld realisiert, sagt Rath. "Erlbau hat mit dem Betreuten Wohnen so viel Geld verdient, dass das Grundstück bezahlt ist." Die Investoren könnten den Zwist mit der Gemeinde entspannt aussitzen. Und Karlsfeld habe wegen des fehlenden städtebaulichen Vertrags keinen Hebel mehr in der Hand, die Investoren zu zwingen, so zu bauen, wie die Gemeinde es wolle.

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SZ vom 04.06.2021
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