Süddeutsche Zeitung

Petition gestartet:Anwohner protestieren gegen Motorenlärm

Der Dachauer Schlossplatz ist ein Treffpunkt für junge Erwachsene und ihre Autos, unter anderem sollen von dort aus illegale Rennen nach München starten. Nun haben Anwohner eine Online-Petition gestartet.

Von Julia Putzger, Dachau

In lauen Sommernächten hört Frank Teister nicht die Grillen zirpen, sondern die Motoren heulen. Wenn andernorts Eltern ihren Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, muss Teister seine kleine Tochter beruhigen, die aus Angst vor den lauten Autos nicht schlafen kann. Das - und damit meint Teister die nächtliche Lärmbelästigung in der Dachauer Klosterstraße und am Schlossplatz - geht nun endgültig zu weit. Die Anwohner, unter ihnen Familienvater Teister, haben deshalb eine Petition gestartet und hoffen, dass sich bald etwas ändert.

Der Dachauer Schlossplatz ist schon seit Jahren als Treffpunkt der "Autoposer" bekannt, wie sie Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) nennt. Unter anderem soll hier der Start für illegale Autorennen von Dachau nach München sein. Spätabends treffen sich dort oft Dutzende, vor allem junge Erwachsene mit ihren Wagen. Sie lassen die Motoren heulen und die Bremsen quietschen, rasen über das Kopfsteinpflaster der Altstadt und klingeln bei den Anwohnern, damit diese die Poller herunterlassen, die ab 23 Uhr die Durchfahrt ab der Hexengasse verhindern sollen. An die vorgegebene Geschwindigkeit von zehn Stundenkilometer in der Klosterstraße halte sich grundsätzlich niemand, sagt Teister. Die Poller und das Tempolimit waren 2018 im Stadtrat beschlossen worden, nachdem die Lärmbelästigung schon damals für Beschwerden der Anwohner gesorgt hatte. Doch das scheint, die Situation nicht verbessert zu haben - im Gegenteil.

"In den letzten zwei Jahren ist die Situation eskaliert"

"In den letzten zwei Jahren ist die Situation eskaliert", sagt Teister. Er wohnt seit fünf Jahren in der Klosterstraße. Mit seiner Familie sei er bewusst in die Altstadt gezogen. Prinzipiell sei der Verkehr also kein Problem: "Wir wollen keine elitäre Privatstraße, wie uns nun einige vorwerfen. Unsere einzige Intention ist, dass die Nachtruhe eingehalten wird." Damit steht Teisters Familie nicht allein da. Aus einer losen Whatsapp-Gruppe der Nachbarn hat sich in den letzten Monaten eine Initiative gebildet, die endlich für nächtliche Ruhe sorgen möchte. Sie haben eine Online-Petition gestartet, um zu zeigen, dass das Thema Vielen ein Anliegen ist. Doch zumindest im Netz sind ihnen nicht alle wohlgesonnen: Immer wieder taucht das Argument auf, dass es an anderen Straßen in Dachau ebenfalls laut sei und man diese auch nicht einfach sperren könne - wem rund um das Schloss also zu viel Lärm sei, der solle eben woanders hinziehen.

Schon im Juni machten sich auf Anregung der Anwohner das Ordnungsamt, die Polizei und Oberbürgermeister Hartmann ein Bild von der Lage vor Ort. Nun wird geprüft, ob man die Poller an den Beginn der Klosterstraße versetzen könnte, damit diese nachts nur noch für Anwohner passierbar wäre. Bereits 2018 war das jedoch erfolglos diskutiert worden, auch jetzt weist Hartmann auf Leitungen im Boden hin, die ein Problem darstellen könnten. Außerdem scheinen die Poller selbst ein Problem zu sein: Sie lassen sich offenbar so austricksen, dass mehrere Autos zum Schloss hinauffahren können, nachdem nur eines heruntergefahren ist, wie Teister erzählt.

Präsenz zeigen und Raser abschrecken

Um weitere Anwohner für das Thema zu sensibilisieren und Akzeptanz für mögliche Maßnahmen zu schaffen, hatte die Gruppe der Initiatoren am Freitag eine Straßensperre organisiert, an Infotischen das Gespräch mit Passanten gesucht und Flyer in den Lokalen der Altstadt verteilt. Mit dabei war auch Stadtrat Markus Erhorn (Freie Wähler). Er kann die Belange der Anwohner gut verstehen, ist jedoch nicht sicher, wie man das Problem lösen könnte: "Nur ein Schild reicht nicht aus. Ich bin aber auch kein großer Fan von Absperrungen, das ist ja eine öffentliche Straße." Stattdessen schlägt er vor, einen Blitzer aufzustellen und mehr Polizeikontrollen durchzuführen: "Wenn wir ein paar Monate Präsenz zeigen, können wir die Leute vielleicht abschrecken und den Rasertreff wegbringen."

Auch Teister wünscht sich mehr Unterstützung von der Polizei und wundert sich über scheinbar mangelnde Kapazitäten: "Das Problem gibt es ja auch in anderen Städten wie Rosenheim oder Nürnberg. Die haben dafür Spezialeinheiten und Strafen bis zu 1000 Euro und damit einen Riesenerfolg." Der Dachauer Polizeihauptkommissar Günther Findl erklärt dazu: "Wir haben verstärkt Kontrollen durchgeführt und mehr können wir nicht machen." Freitags- oder Samstagsabends, wenn das Problem vor allem bestehe, sei überall etwas los. Es gebe andere Einsätze, die dann Vorrang hätten.

Oberbürgermeister Hartmann wünscht sich indes mehr Unterstützung von der Bundesregierung: "Das Problem besteht bundesweit. Wenn der Gesetzgeber entsprechende Vorschriften machen würde und diese nicht gleich wieder zurückziehen würde, dann müsste nicht jede Kommune einzeln daran herumdoktern." Das Thema und mögliche Lösungen werden den Stadtrat nach der Sommerpause jedenfalls beschäftigen, versichert Hartmann. Bis dahin sollen sich die Anwohner mit Beschwerden ans Ordnungsamt wenden.

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Quelle:
SZ vom 28.07.2020
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