Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Wer wohnt denn da?:Der geheime Dachauer Schlossherr

Seit über 20 Jahren lebt und arbeitet Anton Winter dort, wo andere Entspannung suchen: Sein Zuhause und Arbeitsplatz ist der Dachauer Hofgarten. Zu Besuch bei einem Mann, der weit mehr ist als nur ein Gärtner.

Von Jacqueline Lang, Dachau

Es kann schon mal vorkommen, dass im Vorgarten von Anton Winter mehrere hundert Menschen ihre Decken ausbreiten um zu picknicken und, wie in diesem Jahr, der Musik des Dachauer Barockensembles zu lauschen. Hin und wieder kommt es auch vor, dass jemand zwischen den duftenden Rosensträuchern, die Winter eingepflanzt hat, in die Knie geht und seiner Liebsten einen Antrag macht. Und immer mal wieder, da spaziert auch der Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) höchstpersönlich durch Winters Garten. Der nimmt's gelassen, immerhin ist sein Vorgarten gleichzeitig der Hofgarten, der zum Dachauer Schloss gehört. Denn Winter arbeitet nicht nur seit 27 Jahren als Gärtner dort, er lebt auch fast genauso lange in einer der zwei Wohnungen im Verwaltungsgebäude des Schlosses das, umrankt von wildem Wein, mitten im Hofgarten steht.

Dass der 47-Jährige, grüne Latzhose, klobige Arbeitsstiefel, damals Gärtner geworden ist, hat Winter seiner Schwester zu verdanken. Als er Anfang der 90er Jahre als sogenannter Russlanddeutscher von Kasachstan nach Deutschland kam, war seine Schwester bereits Gärtnerin im Dachauer Schlossgarten und vermittelte dem damals 20-Jährigen einen Ausbildungsplatz in der schlosseigenen Gärtnerei. Als dann 1997 eine der beiden Betriebswohnungen im Verwaltungsgebäude frei wurde, zog Winter ein - und blieb dort die darauffolgenden 22 Jahre. Nach einer dreijährigen Umbauphase, in der das denkmalgeschützte Gebäude, Baujahr 1776, von Grund auf saniert wurde, ist Winter nun vor gut zwei Monaten wieder zurück in seine alte, neue Wohnung gezogen.

Und auch wenn er zwischenzeitlich in Erwägung gezogen hatte, nicht zurückzukehren, ist er jetzt doch froh, wieder hier zu sein. Immerhin, sagt Winter, habe er die Hälfte seines Lebens hier verbracht, habe seine beiden Kinder hier aufwachsen sehen. Da entstehe schon "eine gewisse Bindung", sagt Winter,dessen leichter, russischen Akzent solchen Aussagen leicht melancholisch klingen lässt. Einen Vorteil hat sein Wohnsitz auf jeden Fall: Winter braucht erst 20 Minuten vor Arbeitsbeginn aufzustehen, denn er braucht nur aus der Tür zu treten, dann ist er schon an seinem Arbeitsplatz.

Den teilt er sich übrigens immer noch mit seiner Schwester und seinem Schwager, die ebenfalls beide nach wie vor als Gärtner im Hofgarten arbeiten. Bei insgesamt nur vier Gärtnern, einem Gartenmeister, einer Azubi, einem Gartenhelfer und einer saisonalen Kraft sowie einer Bürokraft kann man also schon fast von einem Familienbetrieb sprechen. Und Winter ist sicher, dass ihr aller Job auch krisensicher ist, sie also noch viele Jahre hier arbeiten können werden. Aber gibt es nichts Wichtigeres als ein paar hübsche Blümchen? Nein, findet Winter, "der Mensch braucht Erholung für die Seele". Und genau die finde er beim Spaziergang durch den Dachauer Schlossgarten.

Mit dem Komfort einer Dienstwohnung und dem wahrscheinlich mit Abstand schönsten Garten im ganzen Landkreis gehen aber natürlich auch Pflichten einher: So muss Winter, wenn es kälter wird, den Winterdienst übernehmen, muss sich um die schlosseigene Gärtnerei kümmern, in der sie ihre Pflanzen noch selbst ziehen, den immer mehr werdenenden Müll der Besucher entsorgen, morgens die Tore aufsperren, wenn, wie, als alle Welt vor ein paar Jahren plötzlich Pokémon Go spielt, Jugendliche, die nachts über das Tor klettern, vom Grundstück verscheuchen und, wenn im Schloss mal wieder ein Alarm losgeht oder der Strom ausfällt, auch dort nach dem Rechten sehen. Mindestens einmal im Jahr regnet es im Schloss auch irgendwo rein, intern nennen sie das Dachauer Schloss deshalb auch das "Wasserschloss". Auch in solchen Fällen ist Winter als einer der Ersten zur Stelle.

Er sei, sagt Winter lachend, "das Mädchen für alles". Stören tue ihn das nicht. Im Hofgarten zu wohnen und gleichzeitig zu arbeiten habe trotz dieser Zusatzaufgaben "mehr Vorteile als Nachteile". Dass er zum Beispiel nicht im Garten selbst, sondern nur hinterm Haus bei den Gerätschaften grillen darf, findet er nicht weiter schlimm. Auch, dass er nie einfach mal einen Tag blau machen kann, weil es der Chef sofort merken würde, macht Winter nichts aus, er liebt seinen Job.

Für Stephan Müller, Winters Chef und Leiter der Außenstelle der Schloss- und Gartenverwaltung Schleißheim, ist es "beruhigend, dass immer jemand da ist", um auf das knapp zehn Hektar große Areal aufzupassen. Zumal er weiß, dass seine Mitarbeiter den Garten genauso sehr zu schätzen wissen wie er selbst. Dass ist auch deshalb wichtig, weil zum Gärtner-Sein im Dachauer Hofgarten eben so viel mehr gehört als nur Blumen gießen. Jeder seiner Gärtner habe zwar seine Kernkompetenzen - bei Winter ist es der Pflanzenschutz und die Pflege der rund 450 Obstgehölze - aber letztlich müsse hier eben jeder auch alles können, denn weil der Hofgarten einer der kleinsten Schlossgärten sei, hätten sie eben auch entsprechend wenig Personal.

Das macht Winters Arbeit über das Jahr hinweg einerseits abwechslungsreich, andererseits weiß er schon jetzt, was er im kommenden Jahr um diese Zeit machen wird. Diese Art der Routine gefalle ihm aber in gewisser Weise sogar, sagt Winter. Eine Lieblingsaufgabe hat er ohnehin nicht, er macht eigentlich alles gerne. Die Pflege der Obstbäume - es gibt zahlreiche Apfelsorten, so wie Birnen, Aprikosen, Pfirsiche und Walnüsse - hat aber im Gegensatz zum Hecke schneiden den Vorteil, dass man bei der Arbeit auch mal naschen kann. "Man muss ja die Qualität prüfen", sagt Winter und grinst.

Das Dachauer Schloss und seinen pittoresker Garten, für viele ist es ein Ort, um zur Ruhe zu kommen. Kann man diese Schönheit nach all den Jahren denn noch wertschätzen, vor allem wenn man weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt, dass nirgends Unkraut wuchert? Eine Frage, die Winter mit einem klaren Ja beantwortet. Noch immer steht er manchmal morgens am Aussichtspunkt, die Alpen scheinbar zum Greifen nah. Manchmal hole er dann sogar seinen Fotoapparat, auch wenn er mittlerweile wisse, dass sich der Moment wahrscheinlich bei seiner Rückkehr schon verflüchtigt hat. Aber abgespeichert in seinem Kopf hat er ihn dann, den schönen Moment. Und wenn im Frühling die Natur im Hofgarten zum Leben erwache, "dann geht mir das Herz auf", sagt Winter. Besonders gefalle ihm,dass sie in Dachau anders als etwa am Schloss Nymphenburg mehr Spielraum hätten bei der Bepflanzung, weil sie sich nicht an historischen Bepflanzungsplänen orientieren müssen. "Jedes Jahr ist es anders", so Winter.

Von seinem Wohnzimmerfenster im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes hat Winter den Hofgarten stets gut im Blick. Früher waren dort, wo er nun schon seit so vielen Jahren mit seiner Familie lebt, die Wirtschaftsräume, unten drunter war einst der Ochsenstall. Beim Betreten der Wohnung, die noch ein wenig nach frischer Farbe riecht, fällt auf, wie tief die Balken hängen, die aus Denkmalschutzgründen nur wo unbedingt nötig ausgebessert worden sind. Gut, dass Anton Winter nicht allzu groß gewachsen ist, sonst würde er sich wohl immer den Kopf anstoßen. "Da sieht man, wie klein früher die Leute waren", sagt Winter. Er streckt seinen Arm in Richtung Decke, viel fehlt nicht. Wenn am Abend die Besucher und mit ihnen der Lärm verschwunden sind, dann kann Winter hören, wie "das Holz lebt". Gerade die ersten Wochen nach dem Wiedereinzug habe er sich an die Eigenheiten des alten Hauses wieder gewöhnen müssen, "aber irgendwann nimmt man das gar nicht mehr wahr".

So alltäglich es für Winter ist, dass er auf dem Schlossgelände wohnt, so gut kann man andere damit überraschen und - je nach Wortwahl - auch ein wenig in die Irre führen. Im Kindergarten, erzählt Winter, hätten seine Kinder, schon hin und wieder erzählt, dass sie "im Schloss" wohnen. Noch heute habe sein Sohn bei einigen seiner Freunde den Spitznamen "Prinz". Und er, ist er dann der König? Nein, lacht Winter, er sei lediglich der "königliche Hofgärtner". Allerdings einer, der sich nicht zu schade dafür ist, seine Feierabende früher, als seine Kinder noch den Klosterkindergarten besuchten, gelegentlich für abendliche Führungen mit den Kleinen zu opfern.

Bis Winter in Rente geht, wird er noch viele Blumen einpflanzen, sie werden erblühen und verwelken. Was aber passiert, wenn er einmal aufhört als Gärtner zu arbeiten, mit seiner Wohnung? Darf er auch im Ruhestand in der Schlossstraße 7 wohnen bleiben oder muss er dann ein für allemal ausziehen? Soweit in die Zukunft denke er nicht, sagt Winter, der ein pragmatischer Mann ist. Grundsätzlich sei aber so, dass er schon hier wohnen bleiben könne - das heißt, sofern kein anderer Angestellter einziehen will. Allerdings könne er die Wohnung dann natürlich nicht mehr als Dienstwohnung anmieten, er müsste also dann den regulären Preis für die Wohnung bezahlen. Für eine Aussicht, wie Winter sie genießt, wäre aber sicherlich so mancher Dachauer, so manche Dachauerin bereit, viel Geld hinzublättern.

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Quelle:
SZ vom 23.08.2021/vewo
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