Süddeutsche Zeitung

Dachau:Kämpferischer Friedensappell

Der 89-jährige Jude Heinz Kounio gedenkt mit Dachauer Bürgern der Pogromnacht am 9. November 1938.

Von Benjamin Emonts, Dachau

Der Jude Heinz Kounio lebte im griechischen Thessaloniki, als am 9. November 1938 in ganz Deutschland Synagogen brannten, Geschäfte und Wohnungen geplündert wurden, jüdische Friedhöfe verwüstet und Zehntausende Juden in Konzentrationslager verschleppt wurden. Der damals Achtjährige bekam in seiner griechischen Heimat von der Pogromnacht nichts mit, in der die Nationalsozialisten die zweite Phase der Judenverfolgung einleiteten. Und dennoch ist Heinz Kounio, inzwischen 89 Jahre alt und Überlebender mehrerer Konzentrationslager, gewiss nicht der Falsche, um am Dienstagabend im Dachauer Rathaus auf der Gedenkfeier zum 78. Jahrestag der Pogromnacht zu sprechen.

Die Botschaft, die der Zeitzeuge den jüngeren Generationen hinterlassen will, entspricht schließlich dem Sinn des Gedenkens: "Sie sollen nie die Vergangenheit vergessen", forderte Kounio die Zuhörer auf und ballte beide Hände zur Faust. Mit seiner Geschichte will Kounio auch zeigen, wie wichtig es ist, sich dem in Europa erstarkenden Rassismus, Antisemitismus und völkischen Nationalsozialismus zu widersetzen. Die rund 90 Teilnehmer an der Gedenkfeier, darunter der Zeitzeuge Ernst Grube, die Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath (CSU) und Martin Güll (SPD), der Erzpriester Apostolos Malamoussis von der griechisch-orthodoxen Gemeinde München, zahlreiche Stadt- und Kreisräte sowie Vertreter der zeitgeschichtlichen Vereine und Institutionen Dachaus, applaudierten Kounio minutenlang im Stehen. Zu dessen Besuch in Dachau erscheint die Übersetzung seines bereits 1981 verfassten Buches unter dem Titel "Ein Liter Suppe und 60 Gramm Brot - Das Tagebuch des Gefangenen 109 565".

Deportation mit 15 Jahren

Kounio wurde im Jahr 1927 im damals tschechoslowakischen Karlsbad geboren. Sein aus Thessaloniki stammender Vater hatte in Deutschland Geschäfte gemacht und seine Mutter, eine sudetendeutsche Jüdin, quasi vom Fleck weg geheiratet und nach Griechenland verschleppt, wie Kounio humorvoll erzählte. Im Jahr 1943 wurde der damals 15-Jährige zusammen mit all seinen Familienmitgliedern von den deutschen Besatzern inhaftiert und unter entsetzlichen Bedingungen von Thessaloniki ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. 23 Mitglieder seiner Familie wurden gleich nach der Ankunft ermordet. Kounio hatte zunächst das Glück, den Nazis als deutschsprachiger Übersetzer nützlich zu sein und in einer Schneiderei unter vergleichsweise erträglichen Umständen arbeiten zu können. Später aber musste auch er unter unvorstellbaren Lebensbedingungen für die Nazis schuften. Doch Kounio überlebte mehrere Konzentrationslager ebenso wie sein Vater, seine Mutter und seine Schwester. Im Mai 1945, als er bereits nicht mehr gehen konnte und nur noch 35 Kilo wog, wurde er von den US-amerikanischen Truppen aus dem Lager Ebensee in Oberösterreich, einem Außenlager des KZ Mauthausen, befreit.

Von den 17 Dachauer Juden, die bereits am Vorabend der Pogromnacht aus der Stadt vertrieben wurden, erlebten lediglich zehn das Kriegsende. Der anderen, die später in Konzentrationslagern ermordet wurden, gedachte der Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) in seiner Rede. SS und Gestapo verschleppten in den Tagen nach der Pogromnacht am 9. November 1938 fast 30 000 Juden in die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau, in dem 10 911 jüdische Männer inhaftiert wurden. Die Opfer wurden von der SS im KZ Dachau brutal misshandelt, einige Hundert sind schätzungsweise an den Folgen gestorben oder wurden ermordet. Die Überlebenden wurden nach einigen Wochen oder Monaten wieder aus der Dachauer Haft entlassen. Die SS wollte durch die KZ-Haft die jüdischen Männer dazu treiben, das Deutsche Reich nach ihrer Haftentlassung zusammen mit ihren Familien fluchtartig zu verlassen - unter Zurücklassung ihres Vermögens und Eigentums. Heinz Kounio schlug nach seinem bewegenden Vortrag mit beiden Fäusten auf den Tisch. "Nie wieder", rief er. "Nie wieder!"

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SZ vom 10.11.2016/gsl
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