Süddeutsche Zeitung

Bayerischer Filmpreis:Einen Pierrot für den Grenzgänger

Erst ist es staatstragend, dann wird es richtig amtlich: Schauspieler Bruno Ganz wird bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises für sein Lebenswerk geehrt

Von Josef Grübl

Porzellan oder Käsereibe? Diese Frage ist dieses Jahr bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises entscheidend. Natürlich werden wie immer wunderschöne Pierrots aus der Porzellanmanufaktur Nymphenburg verteilt an Schauspieler, Regisseure und andere Kreative, die zum Gelingen eines Films beitragen. Da es aber das Jahr von "Toni Erdmann" ist, der herausragenden und weltweit bejubelten Vater-Tochter-Geschichte von Maren Ade, spielt am Freitagabend im Münchner Prinzregententheater auch das Raspeln und Reiben eine Rolle: Im Film schenkt Peter Simonischek seiner Filmtochter Sandra Hüller zum Geburtstag etwas Praktisches ("Das ist 'ne richtig gute Käsereibe"), in München bekommt das ehemalige Ensemble-Mitglied der Kammerspiele den Pierrot als beste Darstellerin. Den darf sie neben ihre erst kürzlich gewonnene Silberstatue vom Europäischen Filmpreis stellen, vielleicht kommt demnächst auch noch ein Oscar dazu: Die Nominierungen werden nächste Woche bekanntgegeben, die US-Buchmacher räumen Hüller und Simonischek in den Darstellerkategorien zumindest Außenseiterchancen ein.

Aber auch ihre Regisseurin muss nicht mit leeren Händen nach Hause gehen: Maren Ade erhält ebenfalls einen Pierrot, allerdings wird der Regiepreis gleich fünfmal vergeben. Das ist eine Premiere, wird aber damit begründet, dass das Filmjahr vor allem von Frauen geprägt wurde. Vor ein paar Jahren hätte man sich das auch nie gedacht, da taten sich sogar Filmemacherinnen unter dem Dach der Initiative "Pro Quote Regie" zusammen, um für gleiche Rechte in dieser männerdominierten Branche zu kämpfen. Jetzt kommen gleich mehrere der besten Filme des Jahres von Frauen und deshalb erhalten auch neben Maren Ade ihre Regiekolleginnen Maria Schrader ("Vor der Morgenröte"), Franziska Meletzky ("Vorwärts immer"), Marie Noëlle ("Marie Curie") und Nicolette Krebitz ("Wild") einen Pierrot. Die meisten dieser Produktionen stehen schon längst nicht mehr auf den Spielplänen der Kinos.

Lob gibt es trotzdem noch, das gehört bei Preisverleihungen dazu. Jeder hat nette Worte parat, die allgemeingültigen kommen von Alfred Holighaus, dem Präsidenten der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO): "Künstlerisch bin ich mit dem Kinojahr 2016 sehr zufrieden. Nicht nur wegen 'Toni Erdmann'." Wirtschaftlich ist dagegen noch Luft nach oben: Die Gesamtbesucherzahl in den deutschen Kinos ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken, auf vom Film-Fernseh-Fonds Bayern vorläufig geschätzte 115,8 Millionen, auch die Zuschauerzahl für deutsche Filme ist auf 22,3 Millionen zurückgegangen. "Ein Wermutstropfen", sagt Ilse Aigner dazu, "für mich ist das aber auch ein Ansporn fürs Jahr 2017."

Die Staatsministerin ist eben eine zuversichtliche Frau, voller Optimismus kann auch Max Wiedemann ins neue Jahr blicken. "Natürlich freuen wir uns über den großen Erfolg des Films, damit konnte man ja überhaupt nicht rechnen", sagt der Münchner Filmproduzent über seinen Kinohit "Willkommen bei den Hartmanns", bei der Verleihung der "Bayern-Oscars" kriegt er obendrauf gleich zwei Preise: Die in München spielende Flüchtlingskomödie mit Senta Berger, Heiner Lauterbach und Elyas M'Barek wird mit dem schon vorab verkündeten Publikumspreis ausgezeichnet, was auch insofern keine große Überraschung ist, da der Film mit dreieinhalb Millionen Zuschauern auch die kommerziell erfolgreichste deutsche Kinoproduktion des Jahres ist. Etwas überraschter zeigen sich die Gäste der Verleihung, als Max Wiedemann, Quirin Berg, Michael Verhoeven und Simon Verhoeven auch noch den Pierrot für die beste Produktion bekommen.

Ob ihr Film denn gesellschaftlich etwas bewirkt habe? "Bei so etwas bin ich immer sehr vorsichtig", sagt Michael Verhoeven vor der Verleihung, "viele Zuschauer sind dem Thema gegenüber eher aufgeschlossen. Was aber nicht heißt, dass der Film eins ist mit Merkel." Das klingt bereits etwas staatstragend, richtig amtlich wird es aber erst beim Ehrenpreis für Bruno Ganz. Zunächst einmal kommt aber Ilse Aigner auf die Bühne, sie erinnert in ihrer Laudatio an die größten Erfolge des gebürtigen Schweizers, an seine Bühnenrollen in den Siebzigerjahren oder an seinen Job als Präsident der Deutschen Filmakademie, vor allem aber an Kinohits wie "Der Himmel über Berlin", "Heidi" oder "Der Untergang". "Bruno Ganz ist ein Grenzgänger", sagt die Ministerin, "er macht das Abgründige, Widersprüchliche und Geheimnisvolle in seinen Rollen spürbar." Das Beste daran ist aber, dass Ganz mit diesem Preis nicht abdankt - das ist ja immer die größte Sorge von aktiven Künstlern, wenn sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden. Der 75-Jährige ist aber umtriebiger denn je, bereits im Februar läuft ein neuer Film mit ihm auf der Berlinale. Dort geht es dann aber weder um Porzellanfiguren oder Reiben, sondern um Bären.

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Quelle:
SZ vom 21.01.2017
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