Süddeutsche Zeitung

Auf dem Weg in die Selbständigkeit:Schatten der Vergangenheit

Schwierige Familienverhältnisse, Gewalt, Flucht: Viele Jugendliche in München haben mit schlimmen Schicksalen zu kämpfen. Vier Frauen erzählen, wie sie sich immer wieder aufrappeln

Von Elisabeth Kagermeier

Ihr Gegner lag schon am Boden, doch Mariagrazia trat noch einmal zu. Mitten ins Gesicht. Weil er es doch verdient hatte, er hatte ihren besten Freund beleidigt. Deswegen hatten sie sich zu einer Massenschlägerei verabredet. Teils auch aus Langeweile, irgendwo muss die angestaute Energie ja hin. Die Überwachungskamera eines Hotels zeichnete die Tat auf - der Brief vom Gericht trudelt erst Jahre später bei Mariagrazia Semeraro ein. "Ich war damals eben eine Schlägerkeule", sagt die heute 19-Jährige.

Unabhängig zu werden ist schwer: München ist teuer, Wohnraum ist knapp

Vier Jahre ist das her. Begonnen habe es nach dem Hauptschulabschluss, dass sie plötzlich "keine Lust mehr auf nichts" gehabt habe. "Ich habe angefangen zu beleidigen und einfach asozial zu sein." Sie wirkt abgeklärt, ungewöhnlich erwachsen für ihr junges Alter. Sehr schlank und zart sieht sie aus, wären da nicht die Tattoos auf ihrem Oberkörper, die dem schmalen ernsten Gesicht unter dem braven Pony einen rebellischeren Anstrich geben. Reflektiert spricht Mariagrazia über ihr früheres Ich. Orientierungslos sei sie gewesen und Grenzen habe sie ausgetestet. Dazu die Wut im Bauch. Auf die Mutter, die ihr eigenes Leben nicht auf die Reihe bekommt, Schmuck und Geld der eigenen Tochter klaute. Die zuließ, dass Mariagrazia bei ihrer Oma aufwuchs und die beiden kleinen Geschwister im Heim. Die sich für ihren aggressiven Freund und gegen ihre Tochter entschied. Ein bisschen wütend war das Mädchen damals auch auf die Oma, die sie zwar liebt, aber alle Taten der Enkelin geduldig hinnahm. Und auf den Vater, den sie nie kennengelernt hat, weil er den Großteil ihres Lebens wegen Drogendeals und Mord im Gefängnis saß, sagt sie.

"Trotz aller professioneller Distanz werde ich regelmäßig innerlich wütend, wenn hier Jugendliche sitzen und von dem Chaos zu Hause berichten", sagt Gabriele Riedel, Projektleiterin bei "Junge Arbeit - Afra", einer Münchner Ausbildungsinitiative der Diakonie Hasenbergl für hauptsächlich junge Frauen, die einen schwierigen Start im Leben hatten. Die Eltern treffe die Hauptschuld daran, dass ihre Kinder ebenfalls einen holprigen Weg einschlagen.

Die Lebensbedingungen in der Stadt München kommen erschwerend hinzu, viele Probleme seien hausgemacht. Unabhängig werden ist aufgrund der hohen Lebenskosten und Wohnungsknappheit sehr schwierig, so das einheitliche Stimmungsbild der Jugendlichen bei der "Jungen Arbeit". Viele müssen länger bei den Eltern leben als sie wollen - obwohl das nicht gut funktioniert und der Platz in der elterlichen Wohnung nicht für alle ausreicht. Dadurch entstünden viele Konflikte.

Ein Beispiel dafür ist Sandra, bald 26 Jahre alt, die ihren echten Namen wegen ihrem Arbeitgeber lieber nicht nennen will. Mittlerweile ist sie von zu Hause ausgezogen, lebt selbständig. Doch der Weg dorthin war nicht immer einfach. Sie hat die "typische Hasenbergl-Karriere" hinter sich, wie Riedel es ausdrückt: Probleme zu Hause, Probleme in der Schule, abgebrochene Ausbildungen, dazu eher ein Einzelgänger-Typ. Über die Jahre hat sie sich eine harte Schale zugelegt: burschikoser Stil, Piercings, Tattoos, die blonden Haare größtenteils abrasiert, ein schwarzes Shirt mit der Aufschrift "Nothing defeats me". Passend dazu hat sie als eine von wenigen Frauen die Grundausbildung bei der Bundeswehr absolviert, arbeitet mittlerweile in der Verwaltung. Doch hinter der Fassade steckt ein zerbrechlicher Mensch. Ihr Coming-out hatte sie mit 18, viele Freunde kehrten ihr danach den Rücken zu. "Mein Äußeres ist Selbstschutz", sagt sie.

Wie Sandra hat sich auch Mariagrazia von ihrer Familie emanzipiert. "Früher hat meine Oma gesagt, ich würde meinem Vater vom Aussehen und vom Charakter ähneln", erzählt sie mit düsterem Gesicht. "Jetzt sagt sie aber: Nur noch vom Aussehen." Mariagrazia hat die Kurve aus eigener Kraft gekriegt. In ihrer Familie hat keiner einen Schulabschluss oder eine Ausbildung. "Früher dachte ich, dann mach ich das eben auch so, kriege Kinder und fertig", erzählt sie. Doch irgendwann habe es Klick gemacht und sie habe kapiert: Eine feste Arbeit und eine Aufgabe im Leben sind viel wert.

"Junge Frauen werden auch heute noch in vielen Kulturkreisen viel weniger dazu angehalten, selbständig zu leben und einen Beruf zu ergreifen", sagt Gabriele Riedel. Daran ändert sich nur schleppend etwas - auch, weil sich die Kreise in München zu wenig vermischen. Die Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern würden nur nebeneinanderher leben, finden viele Jugendliche bei der "Jungen Arbeit". Viele junge Frauen ziehen sich weiterhin ins Private zurück.

Auch in den hauseigenen Ausbildungsbetrieben der Diakonie waren lange hauptsächlich junge Männer tätig, die auffällig geworden waren. "Wir haben uns gefragt: Wo sind deren Schwestern, deren Freundinnen?", sagt Riedel. Junge Frauen hätten dieselben Probleme, seien damit aber seltener unmittelbar sichtbar. "Sie graben das oft mehr in sich rein, verletzen eher sich selbst als andere." Mariagrazia sei da eine Ausnahme gewesen.

Als junger Flüchtling ist es hier schwer, sich zu behaupten

Ein klassischeres Beispiel ist Helin, die ihren echten Namen nicht preisgeben will. Die 23-jährige kurdische Jesidin aus dem Irak kam vor fünf Jahren als Flüchtling mit ihrer Familie nach Deutschland. Zuvor sei ihr Vater von Terroristen im Südirak gefangen gehalten worden. Er konnte gerettet werden, kurz bevor er ermordet werden sollte. Die Familie konnte fliehen, erzählt die junge Frau. Anstatt sich befreit zu fühlen, fiel sie aber in ein Loch. Kulturschock, Sorgen um die Freunde und Verwandten zu Hause. Von ihrer besten Freundin hat Helin seit mehreren Monaten nichts mehr gehört. Lange kam sie geistig nicht in Deutschland an. Die Mutter wurde schwer krank, der Vater griff immer öfter zur Flasche, der Bruder klaut neuerdings. Helin verkroch sich und wurde depressiv. Es dauerte, bis sie freiwillig zum Deutschkurs ging. Jetzt macht sie eine Ausbildung zur Arzthelferin. Nur Freunde hat sie noch keine gefunden. Das kann in München oft schwer sein. Das soziale Gefälle sei sehr groß, die Gegensätze würden immer extremer, da sind sich die Auszubildenden bei der "Jungen Arbeit" einig. Viel laufe über Äußerlichkeiten und Konsum. Wer da nicht mithalten kann, wird schnell an den Rand gedrängt. Als junger Flüchtling ist es hier schwer, sich zu behaupten.

Dass immer mehr weibliche Flüchtlinge zu ihnen kämen, sei symptomatisch, meint Gabriele Riedel. "Hier bilden sich die Krisen- und Kriegsgebiete der Welt ab", sagt die Projektleiterin. Bei der Gründung 2006 war die Initiative nur für das Hasenbergl als Problembezirk geplant, doch der Bedarf war so groß, dass sie sich verselbständigte. Aus der ganzen Stadt werden mittlerweile Jugendliche über die Geldgeber Jugendamt und Europäischer Sozialfonds vermittelt, um eine letzte Chance zu bekommen.

70 Prozent schaffen ihre Ausbildung mit dem Afra-Programm. Manche fallen wieder in alte Muster zurück. Trotzdem eine gute Quote, findet Riedel - allerdings denkt sie auch an die vielen, die keinen Platz bekommen. Wem die erfolgreiche Ausbildung nicht zugetraut wird, der bekommt keine Chance. Fast wäre das auch bei Mariagrazia so gewesen. Doch sie hat die Ämter und ihre Chefin im Friseurladen eines Besseren belehrt. Die hatte zu Beginn Bedenken wegen der schwierigen Verhältnisse, aus denen das Mädchen kommt. Doch Mariagrazia fand in dem Betrieb vor drei Jahren letztlich genau das, was sie brauchte: Klare Regeln und eine Ersatzfamilie.

Gerade, als sie ihr Leben in geordnete Bahnen gelenkt hatte, holte sie allerdings die Vergangenheit ein. Der Brief vom Gericht, eine Vorladung. Wegen Körperverletzung. Das Urteil fiel letztlich glimpflich aus, Mariagrazia muss Sozialstunden leisten. Man wollte sie nicht aus ihrem Umfeld herausreißen, das würde jeglichen Fortschritt rückgängig machen. Doch der Schock bleibt: "Ich hab' gemerkt: Die Vergangenheit lässt einen nicht los", gibt Mariagrazia zu. "Ich weiß nicht, warum ich so was jemals gemacht habe."

Auch wenn sie mit ihrer Kindheit und Jugend in München viel Schlechtes verbindet, will sie nicht weg aus der Stadt. Stattdessen setzt sie auf neue, gute Erinnerungen. Ihre Abschlussprüfung hat sie vor Kurzem bestanden, der Betrieb übernimmt sie. Jetzt heißt es Haare schneiden - und nicht mehr zurückblicken.

Die nächste Folge von "Was macht München mit dir?" erscheint am Samstag. Alle Folgen der Serie im Netz unter: www.sz.de/wasmacht

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SZ vom 28.07.2016
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