Süddeutsche Zeitung

Deutscher Webvideopreis:Feiern wie das Establishment

Der "Deutsche Webvideopreis" wird verliehen - und das klassische Fernsehen feiert kräftig mit. Die TV-Redakteure sind beeindruckt vom Erfolg der Videoblogger, die oft Millionen Fans haben. Doch es tut sich auch eine Kluft auf, die nicht durch einen gemeinsamen Abend verschwindet.

Von Benedikt Frank

Es ist wie eine öffentliche Verbrüderung zwischen einem Mentor und seinem eigentlich schon recht selbstbewussten Schützling. Wobei nicht ganz klar ist, wer letztlich den Ton angibt. Da sitzt die alte Dame ARD zusammen mit einem Jüngeren, dem Internetvideo.

Am Samstag wurde in Düsseldorf der Deutsche Webvideopreis zum fünften Mal verliehen - und erstmals live im Fernsehen auf EinsPlus übertragen. Die Auszeichnung wird an die vergeben, die auf Youtube und anderen Videoplattformen erfolgreich oder originell sind.

Gronkh, Y-Titty oder LeFloid nennen sie sich etwa und auch wenn diese Videomacher bislang selten im klassischen TV auftauchen, sind sie, ja, prominent bei jungen Menschen.

Florian "LeFloid" Mundt etwa, Jury-Mitglied dieses Jahr, folgen auf Youtube 2,5 Millionen Nutzer, die meisten davon sind zwischen 16 und 24 Jahren alt, 300 Millionen mal wurden seine Videos insgesamt gesehen.

Erik Range alias Gronkh: über 3,6 Millionen folgen ihm, seine Videos wurden zusammen über 1,4 Milliarden mal angeklickt.

Zugang zur jungen Zielgruppe

Diese beeindruckend hohen Zahlen sind der Grund, wieso auch die öffentlich-rechtlichen Sender hier mitmachen, die Preisverleihung ein wenig an sich gezogen haben: Das Publikum von ARD, ZDF und den Dritten ist im Durchschnitt über 60 Jahre alt. "Die Leute, die auf Youtube erfolgreich sind, ermöglichen den Zugang zur jungen Zielgruppe", sagt Marco Otto, der das Projekt für die ARD und den Schweizer Rundfunk leitet.

Die alte Dame will sich also aufhübschen, ist auf der Suche nach mehr Zuspruch. Aber der neue, junge Partner will ebenfalls etwas: Geld in Form von Aufträgen - und Glanz. Der Glanz ist beim traditionellen Fernsehen, dem mit den großen Kameras, doch noch größer. "Die Community wünschte sich insgesamt eine Awardshow, wie Bambi, Oscar, Fernsehpreis", sagt NDR-Projektchef Otto.

Das Logo - in pompösem Gold redesignt

Feiern wie das Establishment wollten die Web-Clip-Stars. "Irgendwann haben wir dann gesagt: 'Ihr seid ja viel zu klassisch!'", erinnert sich Otto. Wobei, das betont er, die kreative Zusammenarbeit sehr gut gewesen sei. Ausgerechnet der alt gewordene Mentor sagt den Webvideo-Machern, dass sie nicht so altmodisch denken und feiern sollen.

Es ist dann trotz des Einspruchs ein recht opulentes Fest geworden, getaucht in blaues Licht, das Licht, das an die Flimmerkisten des klassischen Fernsehens erinnert. 3500 Gäste sitzen im Düsseldorfer Castello um eine große Showbühne, von der ein Steg in die Mitte des Saals reicht. Über allem schwebt ein Stern aus Licht.

Der Stern ist das Logo des Deutschen Webvideopreises, das nun nicht mehr wie eine etwas krakelige Buntstift-Zeichnung aussieht, sondern aufgeräumt in pompösem Gold redesignt wurde.

Peter Urban, die Stimme des Eurovision Song Contests, kommentiert die Show, dazu ein Youtuber, der 22-jähre Max Knabe, der sonst unter dem Namen "Hand of Blood" sogenannte Let's Play-Videos produziert, Aufnahmen von Videospielen, bei denen Spieler gleichzeitig kommentieren.

Und so geht das den ganzen Abend: die Etablierten stellen die Jungen vor. Der aus alten Fernsehzeiten bekannte Komiker Otto Waalkes steht mit einem Menschen namens Philipp Laude auf der Bühne. Tagesschau-Moderator Jan Hofer und Heute-Journal-Moderatorin Marietta Slomka präsentieren die Nominierten der Kategorie "Journalism". Es gewinnt Marti Fischers Video, in dem er Schritt für Schritt erklärt, wie ein Hip Hop Track entsteht.

Das könnte so auch als Einspieler im Fernsehen laufen; ist, wie anderes auch, für den neuen, gemeinsamen Jugendkanal von ARD und ZDF interessant, der ein reiner Online-Kanal werden wird. Dessen neuer Chef Florian Hager ist in Düsseldorf auf der Suche nach "Gesichtern" wie das in der Branche heißt, mit denen sein Team neue Ideen und Formate entwickeln kann.

Das klassische Fernsehen mit lange im Voraus feststehenden Programmen wird es in fünf bis zehn Jahren nicht mehr geben, sagen viele Web-Clip-Macher an dem Abend. Wobei dies nicht das Ende des Fernsehens an sich bedeute, sondern eine Weiterentwicklung.

NDR-Programmdirektor Frank Beckmann erinnert aber auch an den Aspekt der unterschiedlichen Schlagkraft bei den Verbreitungswegen: "Das Fernsehen kann Ereignisse schaffen, aber auch gut abbilden." Millionen live mit einem Knopfdruck, das ist schwierig für Youtuber.

Was hier stattfindet, ist durch und durch Fernsehen

Wie das funktioniert, zeigt diese Preisverleihungs-Show. Das, was hier stattfindet, ist durch und durch Fernsehen, auch wenn die Berichte aus dem Backstage-Bereich mit einer Kamera am Selfiestick aufgenommen werden.

Die Moderatoren sprechen vor allem in die großen Kameras und vor Ort fühlen sich die wenigen Meter zur Bühne weiter entfernt an, als die Youtube-Videos aus den Wohnzimmern.

Was Beckmann von den Youtubern lernen will, ist "mit Geschichten die junge Generation authentisch und glaubwürdig anzusprechen". Wobei es Unterschiede gibt, und sie werden nicht einfach durch einen großen gemeinsamen Abend verschwinden.

"Wir fragen uns", sagt Beckmann, "was passt zu uns? Mit Schminktipps werden wir nicht viel anfangen können." Schminktipps sind eine große Sparte auf Youtube, oft mit offensichtlichem Schleichwerbungscharakter. So etwas gibt es in Düsseldorf nicht.

Nominiert in der Kategorie "Livestyle" sind dagegen Bastelvideos und die "Therapiestunde", die Klischees dieser Kategorie humorvoll hinterfragt. Den Preis bekommt am Ende Michael Buchingers "Hass-Liste", die mit liebenswertem Wiener Schmäh arbeitet.

Ob das zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen passen könnte? Noch konzentriert sich die Zusammenarbeit mit Youtubern mehr auf klassische Information und Verbraucherthemen. Alexi Bexi erklärt zum Beispiel für den NDR Technik. Aber Humor kommt: seit einem Jahr sind im NDR auch die Satire-Nachrichten "Postillon 24" zu sehen.

Die große Enttäuschung des Abends: Der Erfolg für eine billige Nazi-Parodie

Die große Enttäuschung des Abends ist der Preis in der Kategorie "Gaming". Sie ist wichtig für Webvideos, denn mit den "Let's Plays" ist dort ein originäres Genre entstanden; die erfolgreichsten Videokanäle bestehen zum Teil ausschließlich aus solchen Videos.

Der Preisträgerclip trägt den Titel "Sieg Hain!", die Anspielung auf den Hitlergruß ist volle Absicht. Der Witz dabei soll sein, dass die Macher, zwei ehemalige Gamestar-Redakteure, ihre Namen verballhornen: Fabian Siegismund und David Hain. In Wehrmachtsuniformen äffen sie Nazi-Karikaturen nach, und besprechen Kriegsspiele aus der Nazi-Perspektive.

Der Preis wurde mit der ausdrücklichen Aufforderung vergeben, aus dem Aprilscherz eine Serie zu machen. Billige Provokation setzt sich somit gegen diejenigen durch, die noch andere Ansprüche als hohe Klickzahlen haben: die Charity-Veranstaltung "Loot für die Welt" oder "Pineapple Bay", ein aufwendig im Spiel Minecraft produzierter Kurzfilm mit richtiger Story. Hier wäre der Mentor gefragt gewesen.

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Quelle:
SZ vom 15.06.2015/pak
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