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WM-Doku "Die Mannschaft" in der ARD:Zu viel Idylle im Paradies

Lesezeit: 4 min

Modern, familiär und harmonisch: Die Doku "Die Mannschaft" inszeniert den deutschen WM-Sieg als Männer-Traum mit Thomas Müller im Dirndl. Aufregende Einblicke fehlen - der ärgste Rivale des Films ist der Sport.

Von Lothar Müller

Manchmal schweifen im Kino die Gedanken ab und lassen die Augen und Ohren eine Weile allein. Auf der Leinwand lernen die deutschen Nationalspieler und das Trainerteam ein wenig Portugiesisch, um sich auf Brasilien vorzubereiten. Der Spieler Thomas Müller serviert im Dirndl, weil er eine Golfwette verloren hat, den Mannschaftskollegen im Trainingslager in Südtirol das Essen. Es sind Busfahrten zu sehen, eine Fahrradtour in den Bergen. Ein Flugzeug, auf dessen Rumpf das Wort "FANHANSA" steht, steigt in den Himmel, und mit einer Fähre wird die Insel erreicht, auf der das Urlaubsparadies "Campo Bahia" liegt.

Die Gedanken wissen nicht mehr, wann genau die Unruhe sie erfasst hat, es muss irgendwann nach einem Auftritt des Managers Oliver Bierhoff und dem Staccato-Zusammenschnitt der deutschen Torflut beim 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale gewesen sein. Aber sie wissen, wovon die Unruhe ausging: von der vollkommenen Abwesenheit jeglicher Unruhe auf der Leinwand. Gut, da gab es diesen Unfall während einer Werbeaktion des Sponsors Mercedes-Benz in Südtirol, aber er huschte nur kurz vorbei.

Und war da nicht der Schock, den in Fußball-Deutschland die Verletzung von Marco Reus am Ende des Trainingslagers, im Spiel gegen Armenien, auslöste? Hier gibt es den Pechvogel nicht, es gibt auch niemanden, der ihn vermisst. Es gibt nur die Mannschaft, wie sie ist, und die Welt, in der sie hier lebt: die Welt der reinen Idylle, in der Poldi flachst und brasilianischen Kindern über den Kopf streicht, der Pool das letzte Wort hat gegenüber allen Blessuren und Massagen und Schweini dem Fifa-Chef Sepp Blatter dafür dankt, dass er die WM in das tolle Land Brasilien geholt hat.

Kein Kampfeinsatz, zu dem die Mannschaft ausschwärmt, führt aus dieser Idylle heraus, immer kehrt sie als Sieger zurück, bis sie im Triumphzug vom Flughafen Tegel an fahnenschwenkenden Häftlingen im Gefängnis Moabit vorbei zum Brandenburger Tor fährt und dort die Trophäe schwenkt. Da haben die Gedanken längst den Kern ihrer Unruhe erreicht, die Frage: Warum ist dieser Film über ein hochdramatisches Ereignis so langweilig?

Die Antwort ist: Der schärfste Rivale des Sportfilms ist der Sport selbst. Der Dokumentarfilm über eine Sieger-Mannschaft kann nichts dafür, dass er gegen die Live-Übertragung eines Fußballspiels, gar eines WM-Finales, gegen die Spannung, die aus der Ungewissheit des Endes hervorgeht, keine Chance hat. Aber eben, weil das so ist, müsste er alle Mittel der Bildsprache, alle Tricks der Dramaturgie, alle Energien der Recherche aufbieten, um gegen den übermächtigen Rivalen zumindest eine gute Figur zu machen.

"Die Mannschaft" aber, offizieller Film der Fifa und des DFB, gedreht von Martin Christ, Jens Gronheid und Ulrich Voigt, kann und will nicht mehr sein als ein Film, der die Siegermannschaft hofiert. Und dabei in einer überaus konventionellen Bildsprache die Deutung des Sieges illustriert, die Trainerteam, Mannschaft und DFB verbindlich machen wollen. Diese Deutung trägt der Film im Titel: Wir haben gewonnen, weil wir eine so tolle Mannschaft sind.

Die Stimme der Mannschaft ist Oliver Bierhoff

Was aber ist eine tolle Mannschaft? Darauf gibt hier nicht die Mannschaft selbst die entscheidenden Antworten. Die Spieler singen, die Spieler scherzen untereinander und mit dem Trainer - Thomas Müller schreibt ihm einen lustigen Brief -, die Spieler grölen im Mannschaftsbus "Die Nummer eins der Welt sind wir". Aber die Stimme der Mannschaft sind nicht sie. Die Stimme der Mannschaft ist ihr Manager, Oliver Bierhoff. Er wird im Rückblick interviewt, im Wohlbehagen des gewonnenen Titels. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er ein moderner Manager ist, der weiß, was eine moderne Mannschaft braucht: einen Regisseur, der nicht nur das ideale Quartier ausfindig macht, sondern auch den Zeitpunkt der Ankunft dort bewusst inszeniert, am Morgen, mit der Fähre übers Wasser gleitend.

Je wortreicher Oliver Bierhoff erläutert, wie er die Mannschaft erfolgreich gemanagt hat, desto mehr tritt das Paradox hervor, in das er gerät: Seine Methoden sind überaus modern, professionell. Das Bild der idealen Mannschaft aber, das er entwirft, ist überaus traditionell, es ist das alte Lied von 1954: Elf Freunde müsst ihr sein, eine "Truppe", die durch dick und dünn geht. Und so beginnen die Gedanken schon wieder herumzuschweifen. Und finden einen weiteren Grund für ihre Unruhe: dass der Film so aussieht, als habe Oliver Bierhoff selbst ihn gedreht.

Das ist sein Dilemma. Er zeigt nicht, wie eine moderne Nationalmannschaft funktioniert, er zeigt allenfalls, welche Rolle bei diesem Funktionieren die Autosuggestion durch den Traditionsmythos "Mannschaft" spielt, etwa in den einpeitschenden rituellen Ansprachen in der Kabine vor einem Spiel. Oder im trotzigen Interview, mit dem Per Mertesacker die Mannschaft gegen die Kritik eines Fernsehreporters verteidigt. Und natürlich in den Kommentaren zum blutenden Bastian Schweinsteiger, der im Endspiel gegen Argentinien zum heroischen Helden wird.

Die Spieler hantieren ständig mit ihren Smartphones

Die Einpeitsch-Ansprachen kommen mal von Philipp Lahm, mal vom Ersatztorhüter Roman Weidenfeller - und vom Trainer Joachim Löw, der morgens am Strand seiner Lust am einsamen, kontemplativen Laufen frönt, hier aber einen atavistischen Stammeshäuptling aus sich heraustreten lässt. Den spielt er aber natürlich nur. Denn eigentlich sind er und das Trainerteam insgesamt die Männer mit der Kladde. Darin tragen sie Übungsprogramme und dergleichen ein. Während die Spieler ständig mit ihren Smartphones hantieren, erscheinen die Trainer als Papierarbeiter: Auch ihre Taktik ist von der Aura des guten alten Handwerks umgeben.

Das steht in einem gewissen Kontrast zu einem der auffälligsten Phänomene im deutschen Fußball nach der WM 1994, bei der Deutschland im Viertelfinale gegen Bulgarien ausschied: der Nachschulung der Trainer und Spieler, dann aber auch des großen Publikums in moderner Fußballtaktik. Es gibt in diesem Film die Rückversetzung Philipp Lahms vom Mittelfeld an die Position des rechten Verteidigers, aber nur als Entscheidung, die der Trainer im Konsens mit den Spielern trifft, vor dem Horizont des Traditionsmythos "Mannschaft". Den Horizont moderner Taktik - die reale Innenwelt einer funktionierenden Mannschaft - gibt es so wenig wie das Geld, die Rivalitäten, die Ängste. Er verschwindet in den Kaskaden der Tor- und Gefahrenszenen, zu denen die Spiele zusammengeschnitten sind. Und in der Selbstfeier der Sieger.

Der schärfste Rivale des Sportfilms ist der Sport selbst. Für den Film "Die Mannschaft" ist er mehr: der Gegner, gegen den er haushoch verliert.

Die Mannschaft, Deutschland 2014 - Regie: Ulrich Voigt, Martin Christ, Jens Gronheid. Kamera: Martin Christ. Constantin, 88 Minuten.

Am 2. Januar um 20.15 Uhr in der ARD

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Quelle:
SZ vom 13.11.2014/mvl
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