Süddeutsche Zeitung

Wahl zum MDR-Intendant:Alles auf null

Streng abgeschirmt berät der MDR-Verwaltungsrat über einen neuen Intendanten: Welcher der drei Kandidaten auch die Nachfolge Udo Reiters antreten wird - er muss ganz von vorn anfangen. Und den skandalgebeutelten Sender im Grunde ein zweites Mal gründen.

Christiane Kohl

Es wird eine Marathonsitzung, und das Prozedere erinnert ein bisschen an die Sache mit dem weißen Rauch im Vatikan. Früh um zehn treffen sich an diesem Montag die sieben Mitglieder des MDR-Verwaltungsrates im ehemaligen Leipziger Schlachthofgebäude, das heute die Büros der Intendanz des Mitteldeutschen Rundfunks beherbergt.

Streng abgeschirmt vom Rest des Senders werden sie, mit kleinen Unterbrechungen, den ganzen Tag über in einem Hinterzimmer der einstigen Fleischbörse eingeschlossen sein, um eine bedeutsame Entscheidung zu treffen: Gesucht wird ein neuer Intendant oder auch eine Intendantin für den MDR, der mit seinem über drei Länder reichenden Verbreitungsgebiet (Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt), mit zahllosen Hörfunksendern und dem bundesweit quotenstärksten Dritten TV-Programm der wichtigste Faktor der Meinungsbildung in Ostdeutschland ist.

Erst spät am Nachmittag will der Verwaltungsratsvorsitzende Gerd Schuchardt (SPD) die Personalie bekanntgeben. Sechs Männer und eine Frau haben darüber zu entscheiden. Anders als beim Konklave im Vatikan, wo ein striktes Kontaktverbot für die Kardinäle herrscht, können die sieben Verwaltungsräte Telefonate nach draußen führen. Und so wird wohl mancher Draht glühen, denn in den betroffenen Staatskanzleien sowie unter Parteifunktionären will man bei dieser wichtigen Entscheidung ein Wörtchen mitreden.

So macht sich der sächsische Staatskanzleichef Johannes Beermann (CDU) offenbar dafür stark, den bisherigen Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung Bernd Hilder, 52, zum Intendanten zu wählen. Aus dem MDR-Verwaltungsrat heraus wurde Helfried Spitra, 56, ins Spiel gebracht, einst Kulturchef des MDR und zurzeit stellvertretender Fernsehdirektor beim WDR. Als dritte Kandidatin wird sich an diesem Montag Karola Wille, 52, den Verwaltungsräten präsentieren. Wille ist stellvertretende Intendantin und juristische Direktorin beim MDR und unter den drei Bewerbern die einzige aus Ostdeutschland. Ihr werden die meisten Chancen eingeräumt.

Wer immer als Intendant Nachfolger von Udo Reiter wird muss beträchtliche Aufgaben lösen. Die seit Monaten von Skandalen geschüttelte ARD-Anstalt braucht einen Neuanfang. 20 Jahre lang hatte Reiter, 67, das Haus am langen Zügel geführt. In einer enormen Aufbauleistung brachte er den Sender 1991 an den Start. Ziel war es, den MDR flexibler, schneller und sparsamer zu machen als die alten West-Anstalten waren.

Immer klarer zeigen sich bald die Schattenseiten des Reiter-Modells. Ob es um Korruption beim früheren MDR-Sportchef ging, um Millionenbetrug beim Kika, für den der MDR die Federführung hat, oder ob es um den zügellosen Unterhaltungschef Udo Foht geht: Der MDR steckt in einer tiefen Krise und berührt darin andere ARD-Anstalten.

So musste SWR-Intendant Peter Boudgoust feststellen, dass Geldjongleur Foht bei der Produktion der vom SWR verantworteten ARD-Sendung Immer wieder Sonntags gleich auf zwei Seiten aktiv war: Fürs Erste begleitete er die Umstellung der Sendung auf ein neues Format. Vom Produzenten ließ er sich ein Beraterhonorar, 10.000 Euro, auszahlen. Boudgoust ordnete nun umgehend eine Änderung der Verträge bei Auftragsproduktionen an, um die Zusammenarbeit mit Fremdfirmen von vorn herein transparenter zu machen. Unterdessen versucht ein MDR-interner Ermittler die Umstände zu ergründen, unter denen die undurchsichtigen Machenschaften Fohts erst möglich wurden.

Noch in der Aufbauphase des MDR kam es, wenn man so will, zum ersten Sündenfall. So ließ Reiter die Anschubfinanzierung der ARD in Höhe von rund 600 Millionen Mark an der Börse anlegen, während er die Errichtung der Sendegebäude über Leasingverträge finanzierte. Dabei wurde das Kapital auf 1,2 Milliarden DM glatt verdoppelt. Als die Glückssträhne riss, verlor der Sender schnell 2,6 Millionen Mark. Damals gab es erstmals Stimmen, die Reiters Rücktritt forderten.

Auch war die Vergangenheit im MDR stets Gegenwart: Weil viele MDR-Mitarbeiter vom DDR-Fernsehen übernommem und nur sehr lax überprüft worden waren, wurden immer neue Stasi-Fälle offenbar. Auch Unterhaltungsspezialist Foht soll unter seinem Decknamen "IM Karsten Weiß" zur Spitzelklasse gezählt haben. Als die ersten Korruptionsaffären aufflogen, verschärfte Reiter verschiedene Kontrollbestimmungen und bestellte eine Korruptionsbeauftragte.

Eine bessere Kontrolle gab es deshalb nicht. Beim Kika wurden um die acht Millionen Euro betrügerisch abgezweigt, Foht konnte ein groteskes "Kreditsystem" installieren. In beiden Fällen war weder im Rechnungswesen des MDR noch in anderen Abteilungen über Jahre hinweg etwas aufgefallen.

Als MDR-Chef Reiter im Herbst 2009 erste Hinweise auf Fohts Verfehlungen bekam, soll er den Vorgang ungeprüft an die Fernsehdirektion weitergereicht haben. Noch vor einigen Wochen meinte Reiter, er wolle den Sender nach all den Skandalen wenigstens "besenrein" übergeben. Davon kann heute wohl nicht mehr die Rede sein.

Der neue Intendant oder die neue Intendantin wird tatsächlich komplett von vorne beginnen müssen, personell wie strukturell. Eigentlich müsste der MDR ein zweites Mal gegründet werden.

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Quelle:
SZ vom 05.09.2011/cag
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