Süddeutsche Zeitung

Vor der Wahl:Österreich im TV-Duell-Fieber

Die einen sprechen von Overkill, die anderen von einer Stimmung wie bei der Fußball-WM. Österreich hat den Wahlkampf von der Straße fast völlig ins Fernsehen verlagert - und sendet eine TV-Diskussionen nach der anderen.

Österreich wählt, und alle schauen zu. In den Wochen vor dem Urnengang am 15. Oktober hat sich der Wahlkampf fast komplett von der Straße ins Fernsehen verlagert. Hier werden sogenannte Elefantenrunden geboten mit den Kandidaten der großen Parteien und Ameisenrunden mit denen der kleinen. Dazu tritt noch jeder gegen jeden an, und das auf allen Kanälen: 41 TV-Duelle stehen insgesamt auf dem Programm. Unter dem Strich läuft das auf eine Art Käfighaltung der Kandidaten im Fernsehstudio hinaus.

Während es in Deutschland vor der Wahl 2017 nur ein einziges TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem SPD-Herausforderer Martin Schulz gab, steuert Österreich auf den Overkill zu. Der Österreichische Rundfunk (ORF) fing in den Neunzigern damit an, die Kandidaten einzeln gegeneinander antreten zu lassen. Das fand solchen Zuspruch, dass auch die Privatsender von Puls 4 über ATV bis zu Servus-TV und oe24.TV auf den Zug aufgesprungen sind. Die Politiker mögen klagen über die Flut an TV-Terminen, entziehen können und wollen sie sich nicht. Auf keinem Marktplatz der Republik erreichen sie so viele Leute auf einmal wie übers Fernsehen.

Redundanzen sind natürlich unvermeidlich, und bei Diskussionen, die auch mal zwei Stunden plus anschließender Analyse dauern, muss man dankbar sein für jede Werbepause. Doch allen Debatten über Abnutzungserscheinungen zum Trotz sind die Quoten durchgängig gut. Die privaten Sender ATV und Puls 4 durften nach den von ihnen bereits gesendeten Elefantenrunden über neue Zuschauerrekorde jubeln, die sie in bislang vom ORF besetzte Höhen führen. Manche reden schon vom "Duell-Fieber" und einer Stimmung wie bei einer Fußball-WM. Wer am Ende den Titel gewinnt, entscheidet sich hier allerdings nicht auf dem Platz, sondern auf dem Sofa.

Die Fernsehauftritte gelten immer noch als wichtigste Entscheidungsgrundlage der Bürger für die Wahl, auch wenn sich ein Großteil der Zuschauer nicht mehr umstimmen lässt. Gekämpft wird deshalb von den Kandidaten vor allem um die noch unentschiedenen Wähler, deren Anteil in Österreich auf bis zu 20 Prozent geschätzt wird.

Doch wenn die immer gleichen Köpfe zu immer gleichen Themen reden, kann Abwechslung nicht schaden. Der ORF hat deshalb ein neues Format namens "Nationalraten" im Programm, bei dem fünf Quizkandidaten und ein Spitzenkandidat im Studio sitzen. Während die Quiz-Bürger beim Politikraten um eine Reise auf die Seychellen kämpfen, darf sich der Politiker über eher harmlose Fragen freuen. Diese Woche sah man dort einen ungewöhnlich entspannten Bundeskanzler Christian Kern sitzen, der keinen Satz sagen musste zur fatalen Social-Media-Affäre, die seine SPÖ seit Kurzem beutelt - parteinahe Kreise hatten gefälschte Facebook-Seiten betrieben, die den konservativen Konkurrenten Sebastian Kurz in Misskredit bringen sollten.

Der Grund für Kerns Ruhe: Die Sendung war vorab aufgezeichnet worden. Ging nicht anders, am selben Abend trat Kern bei Puls 4 zum Duell gegen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache an. "Das könnte ein Gemetzel geben", kündigte die Moderatorin an. Am Ende blieb es doch eher harmlos. Aber Fortsetzung folgt.

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Quelle:
SZ vom 05.10.2017/cag
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