Süddeutsche Zeitung

US-Serie: The Big C mit Laura Linney:Teufelin im Schlafanzug

Eine Comedyserie über Krebs: "The Big C" läuft nun im deutschen Fernsehen - Schauspielerin Laura Linney ist dort der Star.

Wenn Laura Linney in den fast 20 Jahren ihrer Filmkarriere aufgefallen ist, dann durch ihre Fähigkeit, gut im Schatten zu stehen. Sie ist als die ideale Frau an dieser oder jener Seite bekannt geworden. Zum Beispiel stand sie Jim Carrey zur Seite in der Truman Show. Sie blieb an der Seite Kevin Spaceys, der den zum Tode verurteilten David Gale in Das Leben des David Gale spielte. Und sie ergänzte Liam Neeson, als Neeson sich in den Sexualforscher Alfred Charles Kinsey verwandelte und Die Wahrheit über Sex suchte.

Zweimal ist Linney für den Oscar nominiert worden, für Filme, in denen sie die Hauptrolle spielte. Es waren Independent-Produktionen. Im Hollywood-Gewerbe ist sie eine Kandidatin für anspruchsvolle Nebenrollen geblieben - von der Kritik gelobt, schnell vergessen.

Es wirkt nun wie ein emanzipatorischer Akt, dass sie sich inzwischen nicht nur ihre eigene Serie produziert hat, sondern als beste Serien-Hauptdarstellerin darin auch mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde.

London, im Untergeschoss eines kleinen Hotels. Linney und ihr Kollege John Benjamin Hickey kommentieren den europäischen Serienstart von The Big C in Interviews. Über Tage deutet sich Frühling an, unter Tage hebt Laura Linney ein Bein elegant über das andere, ihre Füße stecken in Pumps, die leicht zur Seite gedreht werden, das Gesicht ist gerade genug gepudert, dass man ihr mögliche Reisefolgen nicht ansieht, und sie sitzt auf einem dunklen, mit Samt bezogenen Stuhl. Fragt man sie nach der Bedeutung einer eigenen Fernsehserie, lächelt sie umgehend ein Lächeln, das Mitleid, Freundlichkeit und Amüsiertheit treffend abmischt und so auch in The Big C zu sehen ist.

Die Serie, die von kommender Woche an in Deutschland beim Pay-TV-Sender Fox ausgestrahlt wird, hat in den USA viel Aufmerksamkeit erzielt, denn The Big C ist eine Comedy-Serie über Krebs.

Brave Highschool-Lehrerin

Laura Linney spielt die brave Highschool-Lehrerin, Ehefrau und Mutter Cathy Jamison, bei der Hautkrebs diagnostiziert wird - sie hat nach Angaben ihres attraktiven Arztes noch rund ein Jahr zu leben. Cathy also - und so wird aus dem Thema dann die Komödie - beschließt, niemandem etwas von ihrer Krankheit zu sagen und stattdessen das Leben noch einmal in vollen Zügen zu genießen.

Sie setzt ihren unreifen Ehemann vor die Tür, sagt ihrem noch unreiferen Sohn die Meinung, lässt sich einen Pool in den Garten graben, tut und sagt überhaupt alles, wonach ihr gerade ist. Es ist der teils komische, teils natürlich tragische Befreiungsschlag einer Frau, die nicht mehr einfach nur gut funktionieren will.

Auch wenn Laura Linney abwehrend die Hände hebt, von den Leistungen des Ensembles spricht und dabei natürlich besonders den neben ihr sitzenden Benjamin Hickey anstrahlt: The Big C ist allein ihre Serie. Zum einen natürlich, weil sie in jeder Szene zu sehen ist. Zum anderen, weil es an ihr liegt, dass dieser Spagat zwischen tödlicher Krankheit und Komödie nur ganz selten albern oder peinlich wirkt. Nicht jeder Schauspielerin sähe man gerne dabei zu, wie sie sekundenlang und genussvoll Rotwein auf das helle Sofa schüttet, das sie noch nie leiden konnte. Doch Laura Linney grinst wie ein Teufel im Schlafanzug und macht daraus einen Moment, den man sich selbst zuweilen gerne wünscht.

Laura Linneys Figuren sind hübsche, nicht so sehr erotische, sympathische, nicht eben glamouröse Frauen, eher kopf- als bauchgelenkt, und meistens stehen sie sich selbst im Weg.

In der britischen Weihnachts-Liebes-Episodenkomödie Tatsächlich... Liebe von 2003 spielte Linney eine mitteljunge Büroangestellte, die sich über Jahre für ihren behinderten Bruder aufopfert und dabei ganz vergisst, ein eigenes Leben zu führen. Sie spielt diese Rollen, auch Cathy, fabelhaft unangestrengt dahin, sie purzeln wie aus dem Leben gefallen in die Handlung. "In Bezug auf den Unterschied zwischen funktionieren und leben", sagt Linney, "habe ich tatsächlich etwas mit Cathy gemeinsam. Ich habe den größeren Teil meines Lebens damit verbracht, darüber nachzudenken und zu beobachten, wie Menschen leben, als tatsächlich selber zu leben."

Absurdes Understatement

Völlig klar, dass wahrscheinlich die meisten Schauspieler an dieser Stelle die Hände gehoben und vom starken Ensemble und tollen Drehbuch gesprochen hätten. Und doch ist es eben genau diese Bescheidenheit, dieses fast absurde Understatement, was man Laura Linney auch in ihren Filmrollen immer so völlig ohne Zweifel abgenommen hat.

Laura Linney hat mit ihrer Serie im Fernsehen nun eine Plattform bekommen, die ihr das Kino nie geboten hat. Charlie Sheen, der derzeit aus ganz anderen Gründen regelmäßig Interviews gibt, ist einst den gleichen Weg gegangen. Als Hauptdarsteller der Serie Two and a Half Men hatte er Erfolg, wie er ihn als Kino-Darsteller nie erzielte.

Laura Linney sagt, dass sie immer für beides offen gewesen sei - fürs Kino und Fernsehen. "Ich mag es, verschiedene Sachen zu machen."

Charlie Sheen ist seit dem Beginn seines Serienlebens vor acht Jahren so gut wie nicht mehr im Kino zu sehen gewesen - wenn, dann spielte er meist sich selbst.

Laura Linney lächelt die Frage nach der Vereinbarkeit von Fernsehen und Kino - wie eigentlich alle Fragen - irgendwie freundlich und vor allem unverbindlich weg. Sie sagt: "Ich kann auch andere Sachen parallel machen." Sie drehe ja nur vier Monate im Jahr.

Obwohl das Ende der Sendung mit dem angekündigten Krebstod der Hauptfigur ja von vornherein festgelegt zu sein scheint, wird die Serie wohl erstmal eine Weile laufen: Cathys restliche Lebenszeit kann auf mehr oder weniger viele Staffeln und Folgen verteilt, oder ihre Lebenserwartung - durch medizinische Wunder jeder Art oder diagnostische Schlampereien - verlängert werden. In den USA jedenfalls läuft im Juni die zweite Staffel an.

Wie aus einem Lehrbuch für PR

Spielt für Laura Linney die Frage eine Rolle, ob man mit einer zu lange dauernden Serie sein Gesicht verbraucht?

Für einen kurzen Augenblick hat man das Gefühl, sie mit dieser Frage vielleicht erwischt zu haben. Zumindest lächelt sie nicht. Sie sagt: "Wenn ich ständig über meine Karriere nachdenke, dann denke ich nicht über das Richtige nach. Wenn ich meine Entscheidungen nur von so etwas abhängig mache, dann schränke ich mich selber ein."

Das ist dann eher ein auswendig gelernter Satz, eine Antwort wie aus dem Lehrbuch für PR. Das Besondere an Laura Linney ist aber, dass man Lust hat, ihr zu glauben.

The Big C läuft von kommenden Dienstag, 5. April, an immer in Doppelfolgen (20.15 Uhr) auf Fox.

Fox ist ein digitaler Spartenkanal und auf der Pay-TV-Plattform Sky zu empfangen sowie bei den meisten digitalen Kabelanbietern, u.a. Kabel Deutschland, Kabel BW, Unitymedia.

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Quelle:
SZ vom 29.03.2011/berr
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