Süddeutsche Zeitung

US-Fernsehen:Mordsgeschichte

"American Horror Story" huldigt in der neunten Staffel den Achtzigerjahren und zeigt, warum es sich um eines der spannendsten Erzählprojekte der Gegenwart handelt.

Es ist Nacht, es regnet, und draußen in der Telefonzelle klingelt es. Ja, tatsächlich, eine Telefonzelle, denn die neunte Staffel der Anthologie-Serie American Horror Story heißt "1984" und spielt dementsprechend auch in den 1980er-Jahren, diesem wunderbaren Jahrzehnt der amerikanischen Popkultur. Ein Jahrzehnt, in dem es zum Beispiel Aerobic-Kurse gibt, die wie Softpornos aussehen. Oder Feriencamps in entlegenen Wäldern. Oder Ronald Reagan. Und eben Telefonzellen.

Es klingelt also, und jeder normale Mensch, zumal wenn er ein paar Tage zuvor von einem Bösewicht mit dem Spitznamen The Night Stalker (den gab es wirklich) überfallen wurde, wenn er von der brutalen Mordserie in diesem Feriencamp 14 Jahre zuvor durch den wahnsinnigen Mr. Jingles und dessen Ausbruch aus dem Irrenhaus gehört hat - jeder halbwegs normale Mensch würde dieses Telefon lieber mal klingeln lassen und bei seinen Freunden bleiben.

Die Staffel ist aber auch eine Hommage an die Achtzigerjahre-Horror-Klassiker Friday the 13th, A Bay of Blood und Halloween und damit an tölpelhafte Fehler der Protagonisten. Deshalb also geht die junge Frau (wunderbar gespielt von Emma Watson) hinaus in den Regen zur Telefonzelle, sie hebt ab und begegnet, natürlich: dem Night Stalker. Die Handlung der ersten Folge ist unfassbar plump, neben den herrlich naiven, allesamt grotesk attraktiven Protagonisten werden zwei Serienkiller eingeführt und - wie immer bei American Horror Story - einige gruselige Randfiguren. Der Rest sind Referenzen an die Achtziger: Walkman, Rollschuhe, Körperkult.

Es sieht zunächst danach aus, als würde die Geschichte eines Horrorfilms auf zehn Episoden gedehnt, wie das im sogenannten goldenen Zeitalter des Fernsehens mittlerweile sehr oft getan wird, weshalb der Zuschauer sein TV-Gerät schütteln will, auf dass endlich ein bisschen mehr Handlung rauskomme. Genau das jedoch ist die Stärke von American Horror Story, das eines der spannendsten Fernsehprojekte der Gegenwart ist. American Horror Story ist so besonders wegen der krassen Geschichten, wegen einer extremen Stilisierung, wegen expliziter Bilder, vor allem aber wegen des Formats: Jede Staffel ist in sich abgeschlossen, sie haben bis auf ein paar Referenzen nichts miteinander zu tun. Einziges Verbindungselement ist ein roter Faden, der im Fall dieser Serie eine Blutspur ist.

Ryan Murphy und Brad Falchuk haben sich die Serie ausgedacht, und es ist ihnen bislang immer gelungen, der stets recht plump wirkenden Handlung über einen schockierenden Twist in der Mitte der Staffel (die Ermordung aller Protagonisten zum Beispiel oder das Einführen einer Meta-Ebene) ein Tempo zu verleihen, das noch immer einzigartig ist. Die Zuschauer, in den USA genießt American Horror Story bereits Kultstatus, rätseln deshalb auf sozialen Netzwerken nicht unbedingt, wer überleben wird, sondern was der Bruch in der Handlung sein könnte. Arbeiten die Killer zusammen? Werden sie sich bekämpfen? Sind sie gar nicht die Bösewichter, sondern die Opfer von Leuten, die zunächst einmal wie Helden wirken?

Die Staffel ist auch eine Referenz auf die wunderbare Netflix-Serie Stranger Things, die virtuos mit den Mythen der Achtzigerjahre spielt. Bislang gibt es die neunte Staffel von American Horror Story nur im amerikanischen Fernsehen. In Deutschland wird sie von November an bei Sky zu sehen sein.

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Quelle:
SZ vom 04.10.2019
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