Süddeutsche Zeitung

TV-Kritik: "Tatort Internet":Frau zu Guttenbergs Bulldozerfahrt

Ministergattin Stephanie zu Guttenberg jagt Kinderschänder: Das Thema ist ein ernstes, die Fälle sind erschreckend - doch als investigatives Experiment scheitert die RTL2-Sendung trotzdem.

Johannes Kuhn

RTL2 will seriös werden. Ein Witz, so möchte man meinen. Doch an diesem Donnerstagabend soll daraus TV-Ernst werden. Mit Tatort Internet hat der Münchner Sender ein "gesellschaftlich relevantes Format, das aufrüttelt, schockiert und alle betrifft"(RTL2-Pressetext) angekündigt und deshalb sogar sein Programm geändert: Die für den späteren Abend eingeplante Reportage zum Thema Sexsucht (Titel: "Grenzenlos geil!") entfällt, stattdessen geht Ministergattin Stephanie zu Guttenberg, so hatte es die Titelseite der Bild-Zeitung am Morgen versprochen, zur besten Sendezeit auf die Jagd nach Kinderschändern.

Das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder ist ein ernstes, und eigentlich wäre es der Redaktion von RTL2 hoch anzurechnen, sich diesem journalistisch genähert zu haben. Doch die Annäherung, das machen schon die ersten Sequenzen der Sendung klar, gleicht eher einer Bulldozerfahrt: Schnelle Schnitte, verwackelte Bilder, dramatische Musik, gesprochene Chat-Fetzen wie "Wollen wir uns treffen?" oder "Ich bin ein bisschen älter, ist doch nicht schlimm" und unter donnerndem Trommeln die Ansage aus dem Off: "Das Internet, ein Tummelplatz für pädosexuelle Täter."

Auch bei Tatort Internet gilt: Wo RTL2 am rechten Bildschirmrand steht, ist auch RTL2 drin. Die Mischung aus plattplaniertem Inhalt und effektgeladener Erzählung prägt die ganze Sendung, immerhin 80 werbefreie Minuten. Auf eine differenzierte Herangehensweise verzichten die Macher, Kindesmissbrauch wird zum Reality-Krimi, inklusive versteckter Kamera und Gegenüberstellung mit dem Bösewicht.

Die Dramatik folgt dabei ganz der US-Vorlage To catch a predator: Mit falschen Teenager-Profilen werden in Chaträumen erwachsene Männer angelockt, die ein Treffen anzubahnen versuchen, und dann bei diesem von der Journalistin Beate Krafft-Schöning mit ihrem Vorhaben konfrontiert werden.

Die Fälle sind tatsächlich erschreckend: Ein Lehrer, der eine 14-Jährige auf sein Hotelzimmer locken möchte, ein fleischiger Bayer, der eine 13-Jährige sogar zu Hause besucht, ein 20-Jähriger, der offenbar Chatgespräche als Anbahnungen für Affären mit jungen Teenagern nutzt. Sie alle stammeln Erklärungen und Rechtfertigungen, ihr Äußeres hinter der Verpixelung unkenntlich gemacht, ihre Stimme künstlich verfremdet. Alle Männer leben in festen Beziehungen, zwei davon haben sogar Kinder.

Weniger der Sache, als bestimmten Interessen verpflichtet

Es ist genau dieser Effekt der Entlarvung der Täter aus der Mitte der Gesellschaft, der hinter To catch a predator steckt und der auch bei den Zuschauern von Tatort Internet starke Emotionen weckt. Doch weil jeder Schnitt, jede Aussage der zu Rate gezogenen Experten, jeder Takt der theatralischen Musikunterlegung nur auf diesen Effekt zielt, wirkt alles falsch, gewollt, kurz: wie eine RTL2-Dokumentation zu einem Thema, zu dem es besser keine RTL2-Dokumentationen geben sollte.

Da liest Krafft-Schöning aus den widerlichen Chatprotokollen vor und schießt eine Frage nach der anderen auf den Predator ab: "Was würden Sie sagen, wenn ich mit Ihren Kindern so reden würde?", "Was würde Ihre Frau sagen, wenn Sie das erfahren würde?", "Sie finden das normal, als 20-Jähriger mit einer 13-Jährigen sexuelle Gespräche im Internet zu führen?".

Um Antworten, so ahnt der Zuschauer, geht es hier längst nicht mehr.

Da erklärt ein Psychologe: "Was der Mann im Hotelzimmer vorhatte, darüber können wir nur spekulieren" - und tut dies dann auch ausführlich. Da agiert Hamburgs ehemaliger Innensenator Udo Nagel, eigentlich als Moderator vorgesehen, zwischen den Beiträgen als Stichwortgeber für die Studio-Expertin Stephanie zu Guttenberg. Das vom Fernsehteam gedrehte Video reicht der Polizei nicht für einen Anfangsverdacht, ärgerlich. Mit Webcams können Pädophile direkt ins Kinderzimmer spähen, gefährlich. Deutschland braucht schärfere Gesetze, sicherlich.

Vielleicht könnte man über manche der Argumente und Forderungen sogar diskutieren, doch Tatort Internet wirkt nicht, als wäre eine solche Debatte erwünscht. Das ist kein Wunder: Zu Guttenberg, Gattin des christsozialen Verteidigungsministers Karl-Theodor, ist Präsidentin des Vereins Innocence in Danger, der sich für härtere Gesetze im Zusammenhang mit dem Tatort Internet ausspricht.

Auch die Journalistin Krafft-Schöning, Mittelpunkt des investigativen Teils des Formats, steht einer Anti-Missbrauchsinitiative vor, die klare Ansagen macht. Auf der Homepage von KidsNet plädiert sie unter anderem für ein öffentliches Register von Sexualstraftätern und bezeichnet die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen die Sicherheitsverwahrung von Serientätern als "Menschenexperiment".

So wirkt die Sendung weniger der Sache, als bestimmten Interessen verpflichtet - und scheitert damit als investigatives Experiment. Das ist nichts Außergewöhnliches: Beim sensiblen Thema Kindsmissbrauch schmerzt dieses Versagen allerdings besonders stark.

SZ-Autor Johannes Boie hat sich in seinem Blog mit dem Thema auseinandergesetzt. Seinen Beitrag lesen Sie hier.

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