Süddeutsche Zeitung

Serie "The Afterparty":Eine Serie als Chamäleon

Lesezeit: 3 min

Ein aus dem Ruder gelaufener Abend, erzählt aus acht verschiedenen Perspektiven: Die Serie "The Aferparty" ist ein großer Spaß - und ein Hinweis auf eine vertane Chance.

Von Annett Scheffel

"Wir alle sind die Stars in unseren eigenen Filmen. Dieselbe Sache sehen wir auf verschiede Arten." Das sagt die von Tiffany Haddish wie immer laut und amüsant gespielte Polizistin in der ersten Episode zum Kreis der Verdächtigen und erklärt damit sogleich das Serienkonzept. Gerade ist Detective Danner in dem teuren Strandhaus angekommen, in dem - der Titel verrät es schon - eine Afterparty aus dem Ruder gelaufen ist. Am Ende ist einer tot, über eine Brüstung gestürzt, und liegt zerschmettert am Fuße der Klippen. Die Polizistin befragt die Partybesucher, die den Abend ganz unterschiedlich erlebt haben, jeder und jede gefangen im eigenen Film. Und man liebt diese schrille Ermittlerin dafür, wie genüsslich sie den verschiedenen Storylines lauscht und sich dazu einen Gefrierbeutel mit Popcorn aus der Jackentasche fischt.

Die achtteilige Miniserie folgt einem herrlich verspielten, kurzweiligen Comedy-Ansatz mit vielen überdrehten Gags und kurzen, perfekt sitzenden Pointen. Und dass sie ihre Funktionsweise gleich zu Beginn in der Polizistenansprache so feierlich offenlegt, ist eine davon. "The Afterparty" ist die erste Serie von Phil Lord und Christopher Miller, das Kreativgespann hinter Filmen wie "The LEGO Movie" mit seiner quietschbunten, subversiv-originellen Heldengeschichte und dem viel gelobten Pop-Art-Trip "Spider-Man: A New Universe". Zusammen schreiben sie seit Jahren witzige, anspielungsreiche Drehbücher mit viel Verve, die sie dann zusammen umsetzen - Miller als Regisseur, Lord als ausführender Produzent.

Hier versuchen sich die beiden nun an einem klassischen Whodunnit, so wie ihn die britische Krimi-Königin Agatha Christie einst in ihren Romanen ersonnen hat: ein Mord, mehrere Verdächtige, zusammengeführt auf engem Raum, und ein komplexes Beziehungsgeflecht mit vielen Finten und falschen Fährten. Die Prämisse von "The Afterparty" ist ein anderer klassischer Stoff: ein Klassentreffen, auf dem 15 Jahre nach dem Abschluss ein paar Archetypen der amerikanischen Highschool-Dynamik wieder aufeinandertreffen: der sanftmütige Nerd, das liebenswerte Cool-Girl, der aggressive Football-Star, die hochnäsigen Tuschel-Freundinnen, der unsichtbare Typ, an den sich niemand erinnern kann. Einer von ihnen - und damit wären wir beim Mordopfer - hat es als mittelmäßig talentierter Auto-Tune-Sänger und als Schauspieler in einem trashigen Safari-Film zu einiger Berühmtheit gebracht.

Jede Folge ist neu, jede Folge ist anders

So weit, so Klischee. Der narrative Kniff der Serie ist, dass nun jede Folge aus der ganz subjektiven Sicht eines anderen Verdächtigen erzählt wird. Und das hat auch Einfluss auf die Inszenierung: Die Serienmacher spielen in jeder Folge gekonnt mit einem anderen Genre. Je nach Persönlichkeit der Befragten sehen wir mal eine Romantic-Comedy als Hommage an Jugendfilmklassiker wie John Hughes' "Breakfast Club", und mal einen Action-Plot samt "The Fast and the Furious­"-Verfolgungsjagd. Es gibt eine Musical-Episode mit verträumten Popsongs und aufwendigen Flashmob-Choreografien, und einen düsteren Psycho-Thriller. Jede Folge ist neu, jede Folge ist anders, immer aber inszeniert mit einem guten ästhetischen Gespür für die zugrundeliegenden Genres. Man sieht "The Afterparty" an, wie viel Spaß das Kreativ-Team Phil Lord und Christopher Miller beim Spiel mit Lichtsetzung und Kamerabewegung hat - und mit den Klischees, die sie abwechselnd überspitzen und dann lustvoll brechen.

Mit jeder neuen Wendung und jedem gut getimten Gag ist man beim Zuschauen auch ein wenig traurig, dass es Lords und Millers Version von "Solo", das schon halb abgedrehte "Star Wars"-Spin-Off über die frühen Jahre von Han Solo, nie in die Kinos geschafft hat und Lucasfilm stattdessen den mittelmäßigen und vor allem humorlosen Film von Ron Howard ins Rennen schickte. Mit "The Afterparty" empfehlen sich Lord und Miller einmal mehr als Vertreter einer neuen, experimentierfreudigen Hollywood-Comedy-Riege, die sich alte Konzepte neu vornimmt. Und inmitten des Gag-Feuerwerks von "The Afterparty" gerinnt das Erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven auch zu einem subtilen Kommentar auf die Hintergründe der Geschichten, die wir konsumieren und die immer unvollständig sind. Jenseits solcher Metagedanken macht die Serie aber vor allem eines: nämlich verdammt viel Spaß.

"The Afterparty" startet am 28. Januar bei Apple TV+, acht Folgen.

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